SCOTT MATTHEW, 11.12.2013, Theaterhaus, Stuttgart

Scott Matthew

Steffen Schmid

Über zwei Jahre nach unserer Konzertankündigung per Interview, kommt jetzt doch tatsächlich ein Konzertbericht über Scott Matthew. Der gebürtige Australier lässt ja auch keine Hektik in seinen Songs aufkommen, warum sollten wir also rumhetzen? Eben! 20.10 Uhr ist Beginn, wir dürfen sitzen, alles Umstände, die wir greisenhafte Anti-Rock’n Roller begrüßen.

Wobei diese bestuhlten Events mit fast schon klassischem Musik-Touch, die aus jeder Pore nach „Hochkultur“ schreien, immer ein schmaler Grat sind. Das kann dann gerne mal in so versteifte Abende abgleiten, bei denen man das „Hört, hört“ ständig mitdenkt, und stets versucht sein imaginiertes Monokel zurechtzurücken. Ist heute aber nicht so, es dreht sich alles nur um Musik in ihrer reduzierten, reinen Form. Ein Pianist, ein Gitarrist, und Scott Matthew selbst an Gesang, etwas Gitarre und Ukulele. Und sitzen tun sie auch, wie wir.

Seine aktuelle Platte ist ja ein Cover-Album, und so startet der Abend mit „To Love Somebody“ von den Bee Gees. Der Sound ist perfekt, die Instrumente wohlgestimmt, und seine Stimme überragend. Der Gitarrist packt dazu noch eine Ebow aus (bekannt aus „Heroes“ von Bowie), und fügt so eine nette Facette in den eher klassischeren, akustischeren Gesamtsound ein. Bei „Total Control“ von The Motels greift Scott zur Ukulele. Nicht gerade mein Lieblingsinstrument, aber er setzt es sparsam gespielt ein, und nicht in dieser scheußlichen Manier wie es andere bei „Five Years Time“ oder „Over The Rainbow“ tun. Alles prima also!

Scott Matthew

Steffen Schmid

Sogar alles richtig spitzenmäßig prima wird es, als er das großartige „The Wonder Of Falling In Love“ spielt. Eine Eigenkomposition, die nach einer Mischung aus Gruff Rhys und Burt Bacharach klingt. Schöne Harmonien, ergreifende Melodie mit mehrstimmigen Parts, etwas mehr Uptempo, das trifft dann exakt meinen musikalischen Nerv. Das Neil Young Cover „Harvest Moon“ mit seinem leicht melancholischen Schlag gefällt mir auch bestens.

Appropos Melancholie, es macht sehr viel Spaß Scott Matthews launigen Ansagen zuzuhören, bei denen er humoristisch mit seinem Image als Sad Sir Man kokettiert. Bei der Gelegenheit ist auch die akustische Publikumsreaktion durchaus komisch, erinnert mich der große Anteil hoher Stimmen doch an die Steinigungsszene bei „Leben des Brian“, als der Steinigungszeremonienmeister fragt „Ist hier etwa Weibsvolk anwesend?“. Das langweilige Fass „Männer- vs. Frauenmusik“, und ob so was überhaupt gibt, machen wir hier aber nicht auf.

Weniger lustig aber anrührend schön „the saddest song about being happy“ namens „Smile“. Co-written by Charlie Chaplin, und wirklich ein ganz wunderbares Stück mit schönen Akkordharmonien. Danach folgen unter anderem das recht bekannte Cover „I Wanna Dance With Somebody“ mit viel Publikumsgesang, „In The End“ sowie ein weiteres Cover namens „Jesse“. Alles sehr schön, aber als Freund üppiger Harmonien geht mir natürlich das Herz auf bei „This Guy’s In Love With You“, vom ungeschlagenen Harmoniemeister aller Klassen Burt Bacharach. Natürlich nimmt Scott ordentlich bpm raus gegenüber dem jetzt auch schon nicht sehr schnellen Original. Aber Weltklassesong plus Weltklassestimme reichen auch.

Überhaupt seine Stimme. Nicht nur dieses ganz eigene, dunkle Timbre, sondern ein Riesenstimmumfang, und eine Dynamik die von ganz leise bis ganz laut alles problemlos kann. Schon etwas ganz besonderes. Die Musik selbst, die ich irgendwo in der Schublade zwischen Lambchop und Anthony and the Johnsons verstauen würde, wäre ja nicht unbedingt so ganz meins. Aber im Gegensatz zu den Genannten oben ist die Musik flotter und mehr auf den Punkt, mehr Pop, wenn man denn so will.

Scott Matthew

Steffen Schmid

Manchmal aber sogar Punk, wie das Cover von „Anarchy In The UK“ dann aber doch nur textlich zeigt. Tolle Version, die ein wenig an Hellsongs oder Driving Mrs. Satan so vom Ding her erinnert, mit der Zusatzinfo von Scott persönlich, dass er auch mal in einer Punkband gespielt hatte. „Abandoned“ ist dann das letzte Stück vor den Zugaben, mit hohem Falsettgesang von ihm, und dem harmonischen Gegen-/Zweitstimmengesang der beiden anderen.

Zugaben wie gesagt, war nicht anders zu erwarten bei einem musikalischen Vortrag dieser Güte, dass man sich mit knapp einer Stunde schon zufrieden gibt. „Friends And Foes“ sticht aus den ersten drei Zugaben für mich heraus, weil es so weihnachtlich klingt, aber in a very good way. So auf eine „Baby It’s Cold Outside“ artige Art. Aber auch das reicht noch nicht, so werden die Herren noch für eine letzte Zugabe zurückgerufen, natürlich ein Cover, das nicht ganz unbekannte „Love Will Tear Us Apart“. Und bei dem Song geht er stimmlich noch mal voll aus sich heraus, und lässt uns beeindruckt zurück.

2 Gedanken zu „SCOTT MATTHEW, 11.12.2013, Theaterhaus, Stuttgart

  • 12. Dezember 2013 um 17:14
    Permalink

    Ich bin durch eine Einladung auf dem Konzert gelandet und ich kann dir nur zustimmen.
    Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so eine Stimme, Musik mit so guten Klang gehört habe.
    Und der Mann hat echt Humor und ist wirklich sympatisch!
    Für mich eine Entdeckung!

  • 13. Dezember 2013 um 09:06
    Permalink

    „Hochkultur“. Der Kollege bringt das auf den Punkt, wofür ich bei Agnes Obel nicht die richtigen Worte fand.

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