SATYRICON, 12.12.2013, LKA, Stuttgart

SATYRICON, 12.12.2013, LKA, Stuttgart

Foto: Björn Springorum

Herbst ist einfach meine Lieblingsjahreszeit: Erst kann man sich endlich aus dem Schatten der Bäume wagen, dann färben sie sich in ihr schönstes Gewand des Jahres und schließlich, wenn sie zu Gerippen geworden sind, kriechen Nebel und Frost heran wie heimtückische Tiere. Und dann ist es ja auch noch eine Jahreszeit mit einer nicht zu überbietenden Konzertdichte. Zwei, drei, vier Mal die Woche servieren uns die Stuttgarter Veranstalter Bestes.

Klar, manchmal klappt das nicht so, wie es soll. Watain, die heute im LKA hätten spielen sollen, mussten leider wegen „unvorhergesehener Umstände“ absagen. Das nervt. Eine Woche mit Satyricon und Watain wäre schon der krönende Abschluss dieses Herbstes gewesen, bevor übernächste Woche der Winter anfängt. Auf der anderen Seite: Ist es auch schade um den Watain-Auftritt, bringen Satyricon genug Fuel for Hatred mit, um damit die Feiertage zu überstehen.

Die „kälteste Band der Welt“ sei Satyricon, heißt es im Pressetext zur Tour, und so kommt sie auch daher: wie ein vorzeitiger Schneesturm, keifend, beißend, zerrüttend, aggressiv. Das Publikum reagiert zum Teil noch ein wenig kältesteif, aber wegen der Kälte sind wir schließlich her gekommen. Black Metal muss durch und durch gehen. Sonst war’s nichts. Spätestens beim dritten Stück „Now, Diabolical“ („Now, Diabolical“, 2006) haben dann alle erkannt, dass Bewegung und der Austausch körperlicher Wärme die beste Überlebensstrategien in solche einem nordischen Sturm sind. Insbesondere, wenn der Sturm auch noch von jemandem angepeitscht wird, der sich den bezeichnenden Namen Frost gegeben hat. Die Wirkung?

We’re wide – awake
All senses alert […]
A lifetime under devil wings
Has forged a shield of unpenetrable strength

Mehr noch als die „kälteste Band der Welt“ ist Satyricon eine der innovativsten Bands des Black Metal. Wie das immer bei solchen Konzerten ist, finden sich dann Puristen, welche die These vertreten, die frühen Platten seien die besten gewesen und Satyricon hätte mehr davon spielen sollen (Tom). Und andere, die angesichts des in der Song-Auswahl sehr ausgewogenen Sets auf derartige Sprüche recht ungehalten reagieren (Björn). Jede Kunst lebt aber durch ihre Weiterentwicklung.

Es ist doch irgendwie schade, wenn Künstler bei dem stehen blieben, was sie einmal als ersten Versuch in die Welt gesetzt haben. Klar gibt es diejenigen, die qualitativ nachgelassen haben wie Tiamat oder Paradise Lost. Aber was wäre uns entgangen, wenn Bands wie Katatonia oder Anathema bei ihren (sehr guten) Anfängen stehen geblieben wären? Und das gilt eben auch für Satyricon.

So spielen sie unsterbliche Klassiker wie „Mother North“ („Nemesis Divina“, 1996), halten sich aber auch an ihr (von Björn kolportiertes) Versprechen, mit einem Album zurück zu kommen, welches den Back Metal neu definiert. Es ist eines von mehreren Alben in der Bandgeschichte, welches auch Satyricon neu definiert. Wie Satyr in einer seiner vielen Ansagen betont, beschreibt vor allem „The Infinity of Time And Space“ („Satyricon“, 2013), um was es bei den Norwegern geht:

Take me down to the core
Of the innermost deep within
Show me and help me capture
The seed of my existance
And understanding of my purpose

Es geht halt um die Substanz. Und an die Substanz. Und das auch musikalisch: Schon das eine Stück ist erhaben, leise, melodisch, laut, schnell, ein Ultra-Geknüppel mit Raspelgitarren und mit Vocals, die teilweise mehr ein weiteres verzerrtes Instrument darstellen … atmosphärisch, dicht, vielschichtig, abwechslungsreich, originell, befreit von allen Konventionen – auch jenen des alten Black Metal. Eine Neudefinition eben. Der Hammer.

Stumpfe Aggression war also gestern. Und dennoch ist der Band keine Ermüdung in ihrer Kompromisslosigkeit und ihrem Hass anzumerken. Man sieht es an einem meiner Lieblingssongs: „Fuel For Hatred“ („Volcano“, 2002), welches als zweite Zugabe das Set beschließt, wird mit ungeheurer Energie über dem Publikum ausgeschüttet, das mittlerweile komplett den Ekstase-Level erreicht hat. Die Halle bebt. Satyrs Stimme brennt in den Lungen. Der Sprit zündet sofort. Feuer und Eis. Die Halle am Limit. Was an Energie von der Bühne kommt, wird doppelt heimgezahlt. Die Halle berstend von extremen Emotionen – „to a level of intoxication“, heißt es schon in den Lyrics.

Das war es doch, was wir haben wollten. Jetzt können Winter und Feiertage kommen. Oder um es mit Satyricon zu sagen:

My dream came true
And now I´m dead

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