DARK TRANQUILLITY, TRISTANIA, 03.12.2013, Wagenhallen, Stuttgart

Dark Tranquility

Foto: Christian Nuglisch

„This is a ghostown“, hm? Stuttgart die Stadt, in welche Bands nicht gerne kommen, weil hier viele Shows nicht ausverkauft sind und das Publikum so verhalten ist. Quatsch. Auf dem ESxSW unterhielt ich mich mit jemanden aus Hamburg, der mir sagte, dass Stuttgart neben Hamburg die Stadt mit der besten Konzert-Kultur ist. So viele Veranstalter, so viele Konzerte, dass man fast jeden Tag irgendwo hingehen kann. Selbst gig-blog kommt kaum noch nach …

„This is a ghostown“, heißt es in „Terminus“. Nee. Stuttgart die Stadt, in welcher dauernd was geht, in welche dauernd kleine Touren mit originellen Bands kommen und man dauernd was Neues entdecken kann. Die Stadt, in welcher ein Konzert wie dasjenige von Dark Tranquillity „wegen großer Nachfrage“ vom Uni in die Wagenhallen verlegt werden muss und in welcher das Publikum, wie man heute wieder sieht, kein Halten kennt.

Tristania

Foto: Christian Nuglisch

Vielleicht mag ja Dark Tranquillity was vom schlechten Ruf Stuttgarts gehört haben (welche Erfahrungen sie hier in der Vergangenheit machten, weiß ich nicht, denn ich habe sie noch nie auf einem Club-Konzert gesehen). Vielleicht hatten Sie deshalb wenig erwartet heute Abend. Vielleicht ist die Band wegen des Riesenkaters, an dem sie, wie Alex vom Moriz erzählt, leidet, auch viel zu schlapp für große Erwartungen. Oder andersrum: Vielleicht haben sie auch schon gehört oder erlebt, dass wir ein Geheimtipp sind. Stuttgart, die Stadt, in welcher man immer wieder gerne spielt, weil da echt was geht.

Aber egal, womit sie gerechnet haben, als sie auf die Bühne gekommen sind, denn so oder so haben wir es ihnen echt gezeigt. Das Bild des Abends: Sänger Mikael Stanne steht auf der Bühne grinsend von einem Ohr bis zum anderen, reibt sich verwundert das Kinn, will etwas sagen, kommt aber nicht zu Wort, weil das Publikum ihn übertönt. Er grinst noch breiter, falls das überhaupt noch geht – so ein bisschen Cheshire Cat-mäßig –, schaut links, schaut rechts, reibt sich verwundert das Kinn. Und dieses Bild zeigt sich nicht ein Mal heute, es ist eher so eine Art Dauerzustand. Nicht damit gerechnet, was? Egal, womit du gerechnet hast – jedenfalls offensichtlich nicht mit Stuttgart. Denn Stuttgart feiert Dark Tranquillity, dass die Weihnachtsbäume an der Wagenhallen-Decke mitwippen. Der Jubel hört gar nicht auf. Weder zwischen den Songs noch am Ende, als die Band schon längst im Backstage verschwunden ist.

Dark Tranquility

Foto: Christian Nuglisch

Manchmal habe ich den Eindruck, ich bin der Einzige, der nicht die Arme hochreckt, und das auch nur, weil ich diesen Satz hier aufschreibe. Aber das machen die Anderen ja auch ganz zu Recht, denn Dark Tranquillity werfen eine Melodic Death-Granate nach der anderen ins Publikum, die dort ordentlich zündet. Dynamisch sind sie, mal laut und schnell, mal leise und atmosphärisch. Auch, dass Martin Henriksson und Niklas Sundin ihre Gitarren rhythmisch und mit Breaks in den Vordergrund drängen oder flächig in den Hintergrund, von wo aus sie den Keyboards von Martin Brändström viel Raum geben, oder dass klar gesungen oder gegrowlt wird, wechselt sich beständig ab, weshalb die Musik nicht nur nie eintönig wird, sondern stets mitreißt – immer voran geprügelt von Anders Jivarp, dessen Schlagzeug live prominenter gemischt ist als auf den Studioaufnahmen. Dazu geht die Band ab wie Schnitzel – also, wenn bei Euch ein Riesenkater so aussieht … Oder vielleicht hat ja auch die Stuttgart-Granate gezündet?

Klar sind Dark Tranquillity nicht gerade Amorphis, was die Erhabenheit ihrer Melodien angeht, doch wirken sie ähnlich. So gibt es genügend Gelegenheit mitzusingen, bei den etwas Depeche Mode-igen Passagen oder dem nachgerade kathartischen Gebrüll, welches den Abend dominiert. Und das lässt sich das Publikum bei keinem Song nehmen.

Auch Mariangela Demurtas von Tristania kommt noch mal auf die Bühne und singt bei „A Bolt of Blazing Gold“ und einem weiteren Stück der ersten Dark Tranquillity-Platte „Skydancer“ mit, die ohne die damalige Studiosängerin Anna-Kaisa Avehall noch nie live gespielt werden konnten. Damit erntet sie sogar noch mehr Applaus als mit ihrer eigenen Band, die sich heute Abend als Support mit ihrem etwas prätentiösen Gothic/Symphonic Metal deutlich schwerer tut, beim Publikum zu landen, wenn sie auch ihren fairen Anteil an Jubel bekommen.

Der ganze Auftritt von Dark Tranquillity wird in viel klares Licht gebadet und im Kunstnebel versenkt. Oben über der Bühne flimmern Filme und Animationen. Immer wieder werden dort auch Schlagworte aus den Lyrics eingeblendet. Zwischen Flammen, toten Vögeln, Tierskeletten und schneeumstöberten Schädeln steht dann „Ruin“, „Death“, „Final Resistance“ oder „Empty Fragile Weak“. Und das ist doch das Schöne am Death Metal. Lauter Songs über Tod und Zerstörung, Verwirrung und Verzweiflung. Um noch mal aus „Terminus“, meinem Song des Abends, zu zitieren: „You walk the mounds / Of skull and bones / Where living is denied / I see more movement in decomposition / Than in those hollow eyes“. Singt’s, und oben auf der Bühne grinst es, und unten im Publikum grinst es. Von wegen schlechte Stimmung. Nur Cheshire Cats hier heute.

Das Publikum geht immer voll mit: bei „Endtime Hearts“, dem großartigen „Therein“ oder der lang und unermüdlich geforderten Zugabe „Final Resistance“. Stuttgart ist eben doch – und damit bringen es Dark Tranquillity in den Lyrics zu „Terminus“ einfach auf den Punkt – „… the only place I know / Where death is most alive“.

Dark Tranquility

Foto: Christian Nuglisch

Tristania

Dark Tranquility

Ein Gedanke zu „DARK TRANQUILLITY, TRISTANIA, 03.12.2013, Wagenhallen, Stuttgart

  • 8. Dezember 2013 um 19:39
    Permalink

    Guter Bericht! Dark Tranquillity sind eigentlich jedes Jahr in Stuttgart, früher z. B. In der Röhre. Die Stimmung ist eigentlich immer super, weil sie einfach extrem treue Fans haben. Ich muss auch immer von Erlangen hin fahren, weil sie hier nicht spielen.

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