DIE GOLDENEN ZITRONEN, 18.11.2013, Schocken, Stuttgart

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Foto: Michael Haußmann

„Ein Esel, ein Hund, eine Katze und ein Hahn waren so alt, dass sie keiner mehr haben wollte. Also beschlossen Sie nach Bremen zu gehen und Stadtmusikanten zu werden, denn sie hatten noch schöne Stimmen.“

Nach vier Jahren sind die Goldenen Zitronen wieder in Stuttgart im Schocken. Der Bericht von 2009 hat weiterhin uneingeschränkt Gültigkeit.

Monsterfrau macht den Support. Die Amazone ist nur mit einem hautfarbenen Slip und einem Tüllfetzen bekleidet, auf dem allerlei Schieber, Drehknöpfe, Regler und Kabel angebracht sind. Im Verlauf des Auftritts schiebt, dreht, regelt und kabelt sie fleißig und zaubert wundersame Klänge aus der Hüfte. (Der obligatorische Pennälergag bzw. die BILD-Schlagzeile: Monsterfrau schraubt an sich rum!) Dazu tanzt sie in ekstatischer Verzückung und singt mal säuselnd, mal schreiend zur elektronischen Tanzmusik.

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Foto: Michael Haußmann

„Die Welt ist aus den Fugen“, „Mach das bitte nochmal“

Bei ihrer Frisur muss ich an Karl von TKKG denken. Außerdem fällt mir die Legende von der Vagina dentata ein und mein altes Koro-Leiden bricht wieder auf. Dazu strömt ein recht eigenwilliger Geruch von der Bühne, eine Mischung aus Körperpuder und Mottenkugeln. Insgesamt beschleicht mich das Gefühl, hier Zeuge einer Kunstperformance zu sein. Dafür spricht, dass ich nicht alles verstehe, was hier vor sich geht, sich unwillkürlich ein Gefühl von Scham bei mir einstellt und ich leicht erröten muss. Die ganze Nacktheit will auch irgendwie verarbeitet werden. Ja gewiss, je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir: Das ist Kunst. Und dann ist das auch in Ordnung so. Da muss auch nicht jeder einen Zugang dazu finden.

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Foto: Michael Haußmann

„Rabimmel, rabammel, rabumm“

Das Publikum sollte eigentlich im Schnitt vier Jahre älter sein als beim letzten Zitronenkonzert, kommt mir aber etwas jünger vor. Trotzdem erkenne ich im nicht ganz vollen Schocken einige Gesichter wieder, die auch vor vier Jahren hier waren. Mehrere Ramones T-Shirts werfen die Frage auf, wo eigentlich meine Ramones-Shirts sind. Und der Ramones-Kapuzenpulli? Früher voller Stolz getragen, heute ganz unten hinten im Kleiderschrank darauf harrend als Mitumba auf andere Kontinente verschifft zu werden. Vor zwei Jahren habe ich bei H&M (das gefällt auch den Goldies wieder!) für meine Tochter ein Ramones T-Shirt gekauft, es ihr aber nur zwei Mal verschämt angezogen. Zu sehr hat mich der Gedanke gestört, meinem Kind meinen Musikgeschmack aufdrängen zu wollen. Das soll sie später mal selbst entscheiden (aka Standardtaufedrückebergerausrede).

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Foto: Michael Haußmann

Die Goldies betreten die Bühne und sofort ist dieser Geruch aus Körperpuder und Mottenkugeln wieder da. Vielleicht riecht es so in der Kleiderkammer des Thaliatheaters. Dort jedenfalls scheinen sich die Sechs Ihre Outfits geliehen zu haben: Stg. Pepper-Look locker kombiniert mit Sari und Blouson; Schorsch Kamerun hat eine gelbe Festtagsgardine über den blauen Seidenpyjama geworfen. Visuals gibt es auch: Per Leinwand werden Standbilder und kurze Sequenzen von alttestamentarischen Sandalenfilmen gezeigt. Dem Opener Der Investor folgen weitere Songs vom neuen Album (Who’s bad). Dabei werden munter die Positionen und Instrumente getauscht. Ted Gaier ist Linkshänder? Egal, dann werden Gitarre und Bass eben rumgedreht. Am Schlagzeug wieder dabei: Sitzi und Flitzi. Der eine behäbig (Enno Palucca) der andere hyperagil (Stephan Rath). Diesmal haben sie allerdings auch anderthalb Drumsets dabei, so dass nicht immer einer aussetzen muss und stier in die Luft schauen (Sitzi) bzw. auf irgendwas anderem rumtrommeln muss (Flitzi). Enno Palucca ist sowieso mein Lieblingsmusiker des Abends (noch vor Monsterfrau!): Die Arme bewegen sich minimal beim Schlagzeug spielen, ansonsten verzieht er keine Miene. Das Stoische des Gerhard Polt wird kombiniert mit der Unbedarftheit eines Austauschschlagzeugers aus dem Ausland. Unbeteiligter kann man nicht wirken. Aber auch nicht lässiger.

„ging ein Ruck durch die deutsche Mannschaft, muss ja“

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Foto: Michael Haußmann

Die Kommunikation mit dem Publikum nimmt im Laufe des Abends stetig zu. Da wird mal ein Song aufwändig angekündigt, mal wird das alte Licht-aus-ja-wofür-eigentlich-Licht-wieder-an-Spiel gespielt, mal werden Advanced Chemistry zitiert, mal wird von der Hanns-Martin-Halle gesprochen („der Rest des Namens ist unaussprechlich“). Und dann weiß man auch wieder warum die Band vermutlich vom Verfassungsschutz beobachtet wird. In den Songtexten, aber vor allem in Interviews kippt die Stimmung hin und wieder und eine gewisse schwer erträgliche RAF-Nostalgie ist zu spüren.

„so einfach wird der alte Dampfer doch nicht untergehen“

Gegen Ende geben die Goldies immer mehr Gas und spielen ihre 90er Jahre Gassenhauer: Psycho, Das bisschen Totschlag, 80 000 000 Hooligans. Dazwischen noch Mila und Wenn ich ein Turnschuh wär vom 2006er Album Lenin. Die Stimmung ist famos, es wird wird getanzt und mitgesungen. Auf der Bühne jagt ein artistisches und illusionäres Highlight das andere (Balanceakt auf Schlagzeughocker, Versteckerles hinter Vorhang). Das Publikum ist begeistert und wird auch in vier Jahren wiederkommen.

„Na klar hab ich Bock auf Dich! Gib mir Deine warme Jacke!“

 

Monsterfrau:

 

Goldene Zitronen:

 

 

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