EIN ABEND MIT NILS BENNETT: WERKSTATT DER ILLUSIONEN, 14.11.2013, Theaterhaus, Stuttgart

Nils Bennett

Foto: Steffen Schmid

Dieser Bericht bekommt ein Vorwort:

Wir alle wissen, dass man die meisten seiner Freunde und Lieben nie um eine ehrliche und kritische Beurteilung des eigenen Tuns und Schaffens bitten sollte. Sie werden lügen! So wie meine Mutter damals log, als ich 1983 der „allerbeste“ von den drei Bäumen im Hintergrund bei der Aufführung der Bremer Stadtmusikanten an der Grundschule war. Astreines experimentelles Regietheater war das, sprechen die Anhänger von avantgardistischen Bühnendarbietungen im Stadtteil Rohracker heute noch ganz andächtig davon. Ganz ehrlich muss ich jedoch heute nach all den Jahren zugeben, an meinem schauspielerischen Können lag’s nicht, wenn alle einen schönen Abend hatten. Meine Großmütter logen auch immer, dass sich die Balken bogen. Bei jedem Geburtstag, Weihnachten und sonst überhaupt schnappten die regelrecht über, wenn’s ein von Enkel  selbstgemaltes Bild als Geschenk gab. Hätte ich damals gewusst, dass man auf dem Killesberg Malerei studieren kann, denen hätte ich mit 7 Jahren meine Mappe vorbeigebracht und mich um ein Hochbegabtenstipendium beworben. Gottseidank kam’s bei mir gänzlich anders. Doch davon ein andermal…. Dies alles musste vorweg gestellt werden, denn heute, hier und jetzt bei diesem Bericht bin ich nicht neutral und Ihr, hochverehrte Blog-Besucherinnen und -Besucher auch nicht, denn Nils Bennett kennen und mögen wir alle schon ewig. Voll der gute Freund von mir und für den Blog hat der Mann unter seinem bürgerlichen Namen Andreas Meinhardt schon so ziemlich jeden geknipst, der in Stuttgart auf einer Bühne stand. Macht er immer ganz zauberhaft (dies ist das erste und letzte magische Wortspielchen im Text). Ihr wisst das ja eh‘ alle genauso gut wie ich. Wenn ich den heute lobe und preise, dann bemühe ich mich jedoch, die rosa eingefärbte Freundschaftsbrille tunlichst abzusetzen – mit zwei Paar Augengläsern übereinander sehe ich sowieso doof aus….

Nun zur Sache:

Völlig aufgeregt, gespannt wie ein Flitzebogen und mit den Nerven runter fahre ich und der gesamte Trupp aus Fans, Freunden, Groupies und Familie also Donnerstagabends los, um die Premiere von Andis nigelnagelneuem Solo-Programm im kleinsten Saal des Theaterhaus‘ zu sehen. Klein, kuschelig, steil, nah an der Bühne-  ich mag den T4. Das letzte Mal war ich hier mit dem, der gleich auf die Bühne kommt, beim Konzert von Susanne Sundfør. Ich hab‘ drüber geschrieben, der Andi hat wie üblich fotografiert und ging der Musikerin gewaltig auf den Zeiger mit seinem arg lauten Spiegelreflexkameraauslösegeräusch. Nun hat sich fast alles geändert, auf der Bühne steht er nun selber. Schmoudi hockt mit gezückter Kamera am Boden vor der ersten Reihe und nimmt den Mann des Abends ins Visier. Gig-Blog-Fotograf Patrick hat dieses Mal die Videokamera im Anschlag und darf nicht knipsen, Schreiberveteran Bertram hockt am Lichtmischer und sorgt dafür, dass wir alle zur rechten Zeit das richtige Sehen. Nur ich sitze wieder wie üblich mit dem Notizblöckle im Dunkeln und bin neugierig, was da auf uns zukommen wird.

Nils Bennett

Foto: Steffen Schmid

Zauberei und so was ist für mich ein ziemlich unbekanntes Gebiet. Ich kenne nur Herren mit Zylindern und hübschen Assistentinnen, die Karnickel aus dem Hut ziehen und Jungfrauen zersägen, oder so Typen, die mit weißen Tigern spielen, bis es schiefgeht und gern mit viel Rauch durch die chinesische Mauer laufen. Andi oder „Nils Bennett“, wie er heute heißt, macht das ganz anders. Im wahren Leben entwickelt er ja für jeden, der Bedarf hat, den Zaubertrick, den derjenige sich wünscht und genau davon handelt sein Bühnenprogramm. Getreu den Motti „Schuster bleib bei deinen Leisten“ und „Mach das, was du am besten kannst“ wird er uns einen Abend lang davon erzählen, wie das so bei ihm in der Werkstatt und im Hirnkasten zugeht, wo die Ideen herkommen, wo sie hingehen und was dann am Ende bei der ganzen Erfinderei rauskommt. Dieses Nachdenken und Spekulieren und Vorstellen der einzelnen Aspekte seines Handwerks führt unausweichlich natürlich jedes Mal dazu, dass wir einen Trick oder besser: Eine Illusion vorgeführt bekommen und Bauklötze staunen. Da verschwinden Tücher in falschen Eiern, die dann doch keine solchen sind, Tangram-Puzzlebilder werden um- und neugelegt, wachsen dabei unaufhörlich und passen dann doch wieder in den alten Originalrahmen, der Ring einer Besucherin wird zermahlen und taucht dann wunderhaft wieder auf….. hier mache ich dann mal Schluss, denn sonst ist zu viel verraten….

Nils Bennett

Foto: Steffen Schmid

Freundlich plaudert der Daniel Düsentrieb der Zauberer immer weiter, davon was er tut, und zieht uns alle in seinen Bann. Nils Bennett darf uns reinlegen, täuschen und austricksen, so viel er will, das macht Spaß. Gut, mit 70 Prozent des Publikums ist er befreundet und verwandt, aber den Kerl fänden wir auch gut, wenn wir ihn zum ersten Mal sehen würden. Der Karl Auberle des magischen Zirkels versteht sein Handwerk wirklich und man kann sich gut vorstellen, wie er für Kollegen von nah und fern in seiner Werkstatt tüftelt, bastelt und hirnt. Muss ihn beim nächsten Mal, wenn wir uns sehen, fragen, ob Petrosilius Zwackelmann auch schon mal da war. Besonders gefällt mir, wie er zwischen den Zauberelementen des Programms über sein Tun und Treiben nachdenkt und philosophiert. An diesem Abend darf das Publikum denken, lachen und staunen. Sogar ein Zitat des von mir überaus geschätzten Georg Christoph Lichtenberg bringt er an der richtigen Stelle unter und es passt genau. Nils mein Lieber, so darfst Du kräftig weiterzaubern! Aber: „Abrakadabra, Simsalabim und dreimal schwarzer Kater“ ab jetzt nenne ich Dich wieder Andi!

Nils Bennett

Foto: Steffen Schmid

6 Gedanken zu „EIN ABEND MIT NILS BENNETT: WERKSTATT DER ILLUSIONEN, 14.11.2013, Theaterhaus, Stuttgart

  • 16. November 2013 um 01:54
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    Top Artikel + Top Bilder!
    Vielen Dank Euch Beiden!!!
    @ Christian: Du hast sicher den besten Baum abgegeben ;)

  • 16. November 2013 um 11:34
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    nee nee, die anderen zwei Bäumchen waren wirklich besser und alle Sonnenblumen auch!

  • 16. November 2013 um 22:20
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    Hallo Kollegen,

    um mit den ausschweifenden Lobhudeleien und Selbstbeweihräucherungen direkt weiterzumachen: feinster Text zu Gold gesponnen und die Lichtabbildungen sind mal wieder erste Sahne. Chapeau!

    Sehr unterhaltsam – als wär man selbst dabei gewesen … Öhm….

  • 17. November 2013 um 10:17
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    schöner artikel, schöne fotos, schöner abend!

  • 17. November 2013 um 17:35
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    Großartig!!

  • 20. November 2013 um 10:00
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    Schbitze !! Alles !!

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