THE ILLUSIONISTS, 03.11.2013, Porsche-Arena, Stuttgart

THE ILLUSIONISTS, 03.11.2013, Porsche-Arena, Stuttgart

The Anti-Conjurer – Foto: Patrick Grossien

Boom knallt die Konfettikanone den Glitter in die Luft. Gerade hat die Show der Illusionists in der Stuttgarter Porsche-Arena angefangen, und jeder der sieben Magier hat sich mit einer kleinen Nummer dem Publikum vorgestellt. Tausende kleine Papierfetzen rieseln auf die rund anderthalb tausend Besucher herab. Schön ist es anzusehen, wie sich in dem dunklen Raum das Scheinwerferlicht darin bricht. Ein Stückchen segelt sogar direkt in die Hand meiner Nebensitzerin in Reihe 18.

Innerhalb von ein paar Minuten ist klar geworden, was wir von der Show zu erwarten haben: hohes Tempo, reichlich Humor, viel Spannung im zuweilen recht voluminösen Soundgewand der Kalifornier Z um den Rapper NaS, üppig Glitzer und Pomp – und jede Menge vielseitige Magie, von der man sich herrlich täuschen lassen kann.

THE ILLUSIONISTS, 03.11.2013, Porsche-Arena, Stuttgart

Foto: Patrick Grossien

Sind sie jetzt eigentlich Illusionisten und Trickbetrüger oder Magier und Zauberer? Zunächst hat man den Eindruck, dass sie das selbst nicht wissen, diese sieben Weltgrößen. Oder vielleicht ist das auch der eigentliche Trick, wie es ja auch der größte Trick des Teufels gewesen ist, die Menschen glauben zu machen, dass es ihn nicht gibt, und der größte Trick der Priester, die Menschen glauben zu machen, dass es Gott gibt. Aber so funktioniert das bei den Illusionisten wie bei allen Zauberkünstlern zwangsläufig: Alle wissen, dass es ein Kniff ist, und werden so lange an der Nase herum geführt, bis sie denken, dass es einfach keinen Dreh mehr geben kann, sondern echt sein muss. Hinten steckt die Technik und vorne der Glitter, der so schön anzusehen ist wie echte Magie. Und wir wissen es und wollen uns doch etwas anderes glauben machen lassen.

THE ILLUSIONISTS, 03.11.2013, Porsche-Arena, Stuttgart

The Trickster – Foto: Patrick Grossien

Wie bei dieser Nummer des Mentalisten Philip Escoffey a. k. a. The Grey Man: Die drei zufällig durch den Wurf von ‚Ziegelsteinen’ ausgewählte Kandidaten Eugen, Sarah und Bettina müssen sich auf der Bühne zufällig für einen von drei Stühlen entscheiden, zufällig eine von drei Aufgaben wählen und anschließend zufällig eine Form, eine Karte oder ein Wort auswählen, welche der Mentalist dann aus ihren Gedanken lesen wird. Zuerst muss Eugen, der sich auf Stuhl 2 niedergelassen hat, eine Karte mit einer von fünf Formen wählen – und siehe da, der Mentalist kann ermitteln, dass es sich um einen Stern handelte. Klar könnte man denken, er habe die Karten halt abgezählt, wie der Mentalist anschließend jovial erläutert.

Dann entscheidet sich Bettina auf Stuhl 1 für eine von 52 Karten aus einem neuen Spiel. Der Mentalist fragt sie nach der Farbe – wenn sie wolle, solle sie lügen, er werde es schon merken. Das Gleiche folgt noch mit dem Kartensymbol. Jetzt ist er sich sicher, dass sie einmal gelogen hat und einmal nicht. Es muss also eine Herzkarte sein. Durch Abtasten der Finger ihrer linken Hand erkennt er dann noch, dass es die Herz 6 ist. Klar könnte man denken, er habe die Karten halt gezinkt, wie der Mentalist nicht minder jovial einräumt.

Das Ganze muss natürlich darauf raus laufen, dass die Nummer am Schluss richtig spektakulär endet, im Prestige, wie uns der gleichnamige Film erläutert. Darum wird es jetzt auch richtig schwer: Sarah auf Stuhl 3 wählt zufällige eine Karte aus einem Kuponheft und genauso zufällig eine der sechs Nummer auf dieser Karte. Sie schlägt ein Wörterbuch auf dieser Seitennummer auf und merkt sich das erste Wort, das sie dann telepathisch an den Mentalisten übertragen soll. Drei Buchstaben lang läuft das ganz gut, aber dann: Drama! Statt „bath“ glaubt er, es sei „battle“. „Sie waren dabei an dem Abend, als der Mentalist falsch lag“, überträgt Synchronübersetzer Alfonso das Abwiegeln des Mentalisten. Klar könnte man denken, er habe sich alle ersten Worte auf jeder Seite gemerkt und irgendwie die Seitenzahl gesehen. Nur dass er sich dann halt falsch erinnerte.

Alles Tricks eben, wir wussten es ja. Schade um die Illusion. Wir würden es ja gerne glauben und glauben es dann doch nicht. Obwohl Glitter natürlich schöner wäre als ein schnöder Trick. Aber dann ist der Mentalist plötzlich nicht mehr jovial, sondern geheimnisvoll, denn was er uns jetzt zeigen wird, kann einfach nicht sein: Wenn wir nämlich all das gedacht haben, was man ja so klar habe denken können, wie erklären wir dann, dass auf der Rückseite des Nr. 1-Schildes an Bettinas Stuhl schon die Herz 6 und auf Eugens Nr. 2-Schild der Stern abgebildet sind, und – wie macht er das nur – die Rückseite von Sarahs Nr. 3 nicht „battle“, sondern völlig richtig „bath“ zeigt.

So ist es gut. Für den Glitter sind wir gekommen, nicht für den Trick. Oder war es doch keiner? Jedenfalls: Wenn wir den Trick erkennen können, war es halt auch nichts. Womit eigentlich bewiesen wäre, dass sich die Frage, ob Illusionist oder Magier, gar nicht stellt. Wenn wir die Halle verlassen, wollen wir etwas gesehen haben, das wir gar nicht gesehen haben können, weil es einfach nicht geht.

THE ILLUSIONISTS, 03.11.2013, Porsche-Arena, Stuttgart

Foto: Patrick Grossien

Selbstverständlich tritt das heute Abend auch ein. Und mag die Presse – ich habe das nicht gefunden, nur gehört – auch monieren, dass das hier alles keine neuen Tricks seien, übersieht sie doch, dass es darum nie geht. Menschen lieben die Variation des Bekannten, weil sie das Bekannte mögen und dennoch überrascht werden wollen: Schließlich erzählen die meisten Liebes- oder Action-Filme die immer selbe Geschichte und ganze Krimi-Genres wie das berühmte Locked-Room-Mystery haben sich darauf spezialisiert immer neue Lösungen für das immer selbe Problem hervorzubringen. Und wer sich beschwert, dass der eine oder andere der Illusionisten heute einen Trick aufführt, den er schon vor Jahren aufgeführt hat, sollte mal einem Motörhead-Fan vorschlagen, dass Lemmy nicht „Ace of Spades“ spielt. Das gesagt habend kann ich dann aber auch hinzufügen, dass Menschen es auch lieben, etwas präsentiert zu bekommen, das sie noch nie gesehen haben. Zum Glück kenne ich wie der Großteil des Publikums die meisten Nummern heute noch nicht und beim Rest zwar etwas Ähnliches, aber nicht die Präsentation.

THE ILLUSIONISTS, 03.11.2013, Porsche-Arena, Stuttgart

The Inventor – Foto: Patrick Grossien

Das ist nämlich auch ein typisches Prinzip dieser Shows: Außer dem Mentalisten zeigt uns auch der Trickster Jeff Hobson den Trick, aus einem Stapel die Karte herauszufinden, die sich ein Mitglied des Publikums – in seinem Fall war es Axel – ausgesucht hat. Aber er präsentiert es einfach völlig anders, weil er nicht errät, sondern sich dann die drei Mal gefaltete Karte aus dem Mund zieht. Dass er Alex zudem noch die Uhr klaut: Kennen wir. Seinen zotigen Humor: Kennen wir. Aber bei dem Maß an Selbstironie funktioniert beides dann doch („… ihre Unterwäsche gebe ich ihnen dann später zurück“).

Andrew Basso, der Escapologist, zeigt als zentrales seiner Show-Elemente eine Variante einer Nummer des großen Harry Houdini und taucht erst nach spektakulären dreieinhalb Minuten wieder aus seinem verschlossenen Wassertank auf, aus dem er sich nur mit einer Haarnadel befreite. Mal erscheint binnen Sekunden eine Lokomotive auf der Bühne, mal verschwinden die Musiker von Z aus einer Kiste und tauchen am anderen Ende der Halle wieder auf. Und auch der Gentleman Mark Kalin und die Enchantress Jinger Leigh zeigen – mit Hilfe der Besucher Erich und Freddy – mit der zersägten Jungfrau in der Original-Variante nach P. T. Selbit letztlich dieselbe Nummer wie der Inventor Kevin James. Aber wie er das macht!

Alles fängt damit an, dass Kevin James im Zuge eines Streits mit einem kleinwüchsigen Charly Chaplin-Double etwas arg mit der Kettensäge herumfuchtelt und einen Bühnenhelfer in der Mitte durchschneidet – nicht wie bei P. T. Selbit in einer Kiste wohlgemerkt, sondern offen auf der Bühne. Dann hebt er den Oberkörper des Opfers auf eine Platte, die er an den vorderen Bühnenrand stellt, während dessen Beine hinten von allein von der Bühne gehen. Die arme Dame, welche auf der Bühne den Puls des Zerschnittenen prüfen soll, hat sichtlich Angst und erschrickt zu Tode, als der plötzlich sehr vital wird. Schließlich tackert der Inventor die Beine wieder an, und der Bühnenhelfer geht von dannen. Es ist dieselbe Nummer, nur eben infinit komplizierter. Lassen wir mal außen vor, dass da ein Trick dahinter steckt. Wenn das keinen Glitter hat, weiß ich auch nicht.

Oder der Anti-Conjuror Dan Sperry, der als Mischung aus Marilyn Manson und David Copperfield bezeichnet wird. Genauso wie Jeff Hobsons Tasche-und-Ei-Trick bildet seine Nummer, bei welcher er vier Tauben, mehrere Tücher und einen Zauberstab hervorzaubert, bevor alles in einem Funkenregen spurlos wieder verschwindet, nur eine Variante zu einem Klassiker. Aber unterhaltsam. Und dann hat er halt auch solche Tricks auf Lager, wie sich mit Zahnseide den halben Hals durchzuschneiden, um einen Kaugummi hervorzuziehen, den er vorher in den Mund geschoben hat …

THE ILLUSIONISTS, 03.11.2013, Porsche-Arena, Stuttgart

The Anti-Conjuror – Foto: Patrick Grossien

Am bezauberndsten aber – und da kann mich aller Glitter mal – finde ich das Papierwesen, dass Inventor Kevin James mit Hilfe der jungen Tamara zum Leben erweckte: Das zusammengefaltete Papierstück lässt er angesteckt durch seinen zuckenden Zeigefinger aus seiner Hand über den Ärmel seines Sackos tanzen. Und dann darf sie auch mal: Ganz so gut klappt es noch nicht, aber als sie zwei Zeigefinger bemüht, entfaltet sich vor ihren ungläubigen Augen die Magie. Per Kamera wird alles auf eine große Leinwand über der Bühne übertragen, sodass wir es alle sehen können. Aber ihr könnt tricksen, wie ihr wollt: Die leuchtenden Kinderaugen sind doch echter Zauber!

THE ILLUSIONISTS, 03.11.2013, Porsche-Arena, Stuttgart

Foto: Patrick Grossien

Ein Gedanke zu „THE ILLUSIONISTS, 03.11.2013, Porsche-Arena, Stuttgart

  • 6. November 2013 um 10:04
    Permalink

    Hier in Mannheim gab es keine Standing Ovations.

    Ich war überrascht, dass der Auftritt von Dan Sperry so kurz ausgefallen ist und er auch nur Tricks gezeigt hat, mit denen er beim Supertalen auf RTL hier in Deutschland bekannt wurde. Besonders gefallen hat auch mir Kevin James. Das waren alles liebevolle Darbietungen die einen wirklich verzückt haben :D Aber, der eigentliche Star war Dan Sperry, der nach der Show sichtlich genervt wirkte, wahrscheinlich wirklich wegen des nur kläglichen Abschlussbeifalls.

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