TERRY LEE HALE, 26.10.2013, Edenless Bar, Leinfelden

Terry Lee Hale, 26.10.2013

Foto: Özlem Yavuz

(Vorsicht, heute wird’s ein wenig sentimental! Aus Anlass dieses ganz besonderen Konzerts erlaube ich mir eine kurze Nabelschau und einen persönlichen Rückblick. Wer wissen möchte, was es mit dem Überraschungsgig von Terry Lee Hale auf sich hat, springe einfach ein paar Absätze vor…)

Dieses Konzert macht’s mir bewusst: das Schreiben für den Gig-Blog hat mein (musikalisches) Leben ganz schön verändert. Klingt pathetisch, ist aber wahr. Ohne den Gig-Blog wär ich heute nicht hier. Als ich vor gut zwei Jahren mit dem ersten Bericht über „meinen“ Gig der Indelicates von den Gig-Blog-Lesern zu den Schreibern wechselte, konnte ich nämlich nicht ahnen, welche Auswirkungen dies mal haben würde. Mindestens fünfzig Konzerte pro Jahr habe ich auch schon vorher besucht, jetzt aber – gut sechzig Gig-Blog-Beiträge später – weiß ich, dass ich Konzerte inzwischen viel intensiver sehe, genauer hinhöre – und unglaublich viel neues entdeckt habe. Aber viel wichtiger: Ich habe in Stuttgarts eigentlich überschaubarer Konzertszene viele Gleichgesinnte kennengelernt (und damit meine ich nicht nur diesen sympathisch-skurrilen Haufen meiner Gig-Blog-Kollegen, der eine Zierde für jeden Freundeskreis ist). Notorische Gig-Junkies, Veranstalter, DJs, andere Blogger und Leute mit Wohnzimmer-Konzerten – es ist ein bunter Reigen und mit der Musik hat man immer ein gemeinsames Thema. Hier entstehen Freundschaften.

Chris, einer aus genau dieser Riege und vermutlich Stuttgarts Konzertgänger Nr. 1, fragt an, ob ich Lust hätte, mit zu einem Privatkonzert bei seinem Freund Peter zu kommen. Als ich höre, dass dort kein geringerer als das Singer-Songwriter-Urgestein Terry Lee Hale spielen soll, klappt mir die Kinnlade herunter. Klar, da bin ich natürlich gerne dabei. Und der Blogger-Instinkt (man kann es auch übersteigertes Mitteilungsbedürfnis nennen) lässt mich gleich nachhaken: Können wir auch darüber berichten? Aber klar doch!

Terry Lee Hale, 26.10.2013

Foto: Özlem Yavuz

Und so betreten wir das Wohnzimmer eines Häuschens irgendwo in Leinfelden. Vom Sofa erhebt sich ein groß gewachsener, grauhaariger Herr im dunklen Anzug und streckt uns mit einem gewinnenden Lächeln die Hand entgegen. „Hi, I’m Terry Lee. Nice to meet you.“ Ups, das wird wohl mal ein ganz anderer Gig werden… Die anderen Gäste treffen ein. Allgemeines Händeschütteln, Umarmen und Smalltalk. Man kennt sich. Die Gastgeber Claudia und Peter begrüßen auch uns wie alte Bekannte und führen uns in den Keller, wo sich die „Edenless Bar“ befindet. Ein kleiner zum Live-Club ausgebauter Kellerraum, der ganz offensichtlich schon einige Konzerte gesehen hat. Über und über sind die Wände mit Plakaten, Schallplatten, Musikinstrumenten und diversen Devotionalien bestückt. Ein kleine Bühne und das volle Equipment für eine spontane Session stehen bereit. Man ahnt: Hier dürfte schon der ein oder andere Star gespielt haben.

(Irgendwie erinnert die Situation übrigens an die eines Trinkers zu Zeiten der Prohibition, der Zugang zu einem dieser Speakeasies bekommt, in denen es den richtig guten Stoff gibt.)

Jealous Fish, 26.10.2013

Foto: Özlem Yavuz

Alle versorgen sich noch aus dem gut gefüllten Bier-Kühlschrank und schon eröffnet Peter die „in etwa 183-ste Edenless Bar Session“ und kündigt auch gleich – wie bei einem großen Gig – den Support Act an. Zwei junge Damen, Leonie und Roxy, hat er auf dem Echterdinger Krautfest entdeckt und kurzerhand zu einem Gig eingeladen. Vierzehn und Fünfzehn sind sie, nennen sich „Jealous Fish“ und betreten erstaunlich unerschrocken die Bühne. Wenn man bedenkt, dass hier praktisch jeder locker zu ihrer Eltern- bzw. Großelterngeneration gehört. Vor dieser Runde erfahrener Musik-Haudegen spielen die zwei ein Set aus einem eigenen Titel und einigen Coverversionen. Aktuelles von Jay-Z und Avicii, aber auch Oasis, Pink Floyd und Sophie Hunger (!) haben die beiden im Programm. Stimmlich absolut sicher, locker an der Gitarre, mit feinem Harmoniegesang und selbstbewussten Ansagen. Ich würde mich sehr wundern, wenn man von diesen beiden Talenten nicht noch mehr hört. Das Publikum ist begeistert und die Mama verdrückt eine Träne der Rührung…

Terry Lee Hale, 26.10.2013

Foto: Özlem Yavuz

Nach einem kurzen Umbau betritt Terry Lee Hale die Bühne. Und stellt gleich mal klar: nein, er sei nicht Tamikrest, die ursprünglich für heute angekündigt seien. Interessante Information für uns Neulinge, was hier heute auch hätte los sein können. Allerdings können wir ihn auch ohne diesen Hinweis gerade noch von einer neunköpfigen Tuareg-Kapelle unterscheiden (wobei ich mich frage, wie man eine solche Mannschaft auf dieser Minibühne untergebracht hätte). Er ist übrigens eigens für diesen Gig aus seiner Wahlheimat Paris angereist. Natürlich beginnt er sein Set mit einigen Titeln seines aktuellen bei Glitterhouse erschienenen Albums „The Long Draw„. Mit seiner angenehm coolen Stimme, den lapidaren Texten und meist lässigen (in Wirklichkeit aber virtuosen) Gitarrenspiel verbreitet er im Nu eine extrem relaxte Stimmung. Ok, in dieser besonderen Atmosphäre wird sich wohl jeder Musiker wohlfühlen, dennoch zeigt sich hier ein Meister der Reduktion mit all seiner Routine. (Die beiden Mädels sitzen ihm zu Füßen und man sieht, wie sie jedes Detail aufsaugen)

Terry Lee Hale, 26.10.2013

Foto: Özlem Yavuz

Und dann tut er, was er wohl am liebsten tut: seine Gitarre stimmen. Mit Hingabe wird zwischen jedem Titel penibel gestimmt (ganz besonders akribisch bei seiner „neuen Geliebten“, einer Zwölfsaitigen), natürlich gewürzt durch allerlei Anekdoten: auch bei Neil Young würde gestimmt, da sähe man es nur nicht. Und bei Bob Dylan sei es eh egal. Und natürlich spielt er meine Lieblingstitel „Cable Ballad Blues“ und „Three Days“, aber auch „The Long Draw“, den Titeltrack seines neuen Albums. Ausnahmlos großartige Songs.

Terry Lee hat unzählige Geschichten auf Lager: urkomisch, wie er als Landei mit Cowboystiefeln bei den Fischern in Seattle anheuern wollte. Oder wie man im riet, seinen neuen Titel vielleicht besser doch nicht „Leinfelden Phone Call“ zu nennen. Er habe sich dann für das international besser verständliche „Black Forest Phone Call“ entschieden.

Bei einigen Titeln spielt Gastgeber Peter einen dezenten Rhythmus auf einem der vielen herumliegenden Percussion-Instrumente oder seiner Waschbrett-Krawatte. Das integriert sich wortlos und völlig selbstverständlich, die beiden kennen sich gut, das nennt man wohl eine Männerfreundschaft. Emotionaler Höhepunkt des Abends: Terry Lee spielt für die Tochter der Gastgeber „The Boys Are Waiting„, das Lied, das er als alleinerziehender Vater für seine Tochter geschrieben hat. Ein ergreifendes Lied über die Sorgen eines Vaters und die Fürsorge für seine heranwachsende Tochter.

She don’t know what I know
I try to tell but she’s 12 years old and so full of life
(…)
Dads will be dads and girls don’t stay girls
Now it’s let me go, dad, I want to see the world

Bisher glaubte ich, Joe Strummer hätte mit „Coma Girl“ das ultimative Vater-Tochter-Lied geschrieben, heute wurde ich eines besseren belehrt.

Als wenn dieser wunderbare Konzertabend nicht schon genug wäre, wartet nach der Zugabe noch eine weitere angenehme Überraschung auf uns. Die Gastgeberin hat inzwischen ein Buffet aufgebaut! Der Künstler und die Gäste greifen gemeinsam herzhaft zu. Und Peters einzige Gegenforderung für all dieses Glück erfüllen wir nur allzu gerne: Man möge doch bitte eine der Platten des Künstlers erwerben. Nichts lieber als das, vor allem, da wir sie auch noch mit einer persönlichen Widmung und einem herzlichen Abschiedsgruß überreicht bekommen.

Ich hatte bisher nur eine diffuse Vorstellung vom Gig-Blogger-Himmel, aber hier und heute hat er Gestalt angenommen.

Terry Lee Hale, 26.10.2013

Foto: Özlem Yavuz

Terry Lee Hale

Jealous Fish

3 Gedanken zu „TERRY LEE HALE, 26.10.2013, Edenless Bar, Leinfelden

  • 29. Oktober 2013 um 16:57
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    eins meiner lebensziele: wohnzimmerkonzertveranstalter für lieblingskünstler werden! toller bericht eines sicher sehr tollen abends

  • 29. Oktober 2013 um 18:43
    Permalink

    Hach, welch ein schöner Bericht über einen tollen Abend. Und das Publikum war super angenehm und freundlich. So kann es immer wieder sein. Und Holger: immer gerne wieder, freu mich schon auf’s nächste Konzert. Wird Dir auch gefallen.

  • 29. Oktober 2013 um 19:58
    Permalink

    Ich bin gespannt, Peter! ;)

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