QUEENSRŸCHE, 27.10.2013, Rockfabrik, Ludwigsburg

2025

Foto: Steve Sonntag

Das Pferd Queensrÿche-Bericht lässt sich ja auf mehrere Arten aufzäumen. Einmal so vom persönlichen her, so mit 1986 schon die „Rage For Order“ als Vinyl gekauft, und jenes Album plus „The Warning“ eh viel besser gefunden als das allseits gepriesene „Operation Mindcrime“ mit seiner eiskalten, voll digitalen 80ies Produktion. Oder man nimmt die Aktualität her, und damit die Tatsache, dass Ex-Sänger Geoff Tate sich mit dem Rest der Band spitzenmäßig zerstritten hat, anscheinend so mit Anschreien und Anspucken auf ihrem letzten gemeinsamen Konzert, mit dem Resultat, dass gerade zwei Queensrÿches durch die Welt touren und Platten produzieren. Man kann sich aber zu guter Letzt auch mit der Frage beschäftigen, ob die beiden Metal-Umlaut-Pünktchen über dem ‚Y‘ auch auf jedem Brauser Browser korrekt dargestellt werden (recht profaner Gedanke).

Ein Blick auf das Programm wirft gleich die Frage auf, ob Metaller Bandscheiben aus Titan haben. VIER Vorbands, eigentlich kein Konzertabend, sondern ein Minifestival ist das. Bei unserer Ankunft nehmen wir noch den letzten Song der zweiten Vorband Ivanhoe mit. Ivanhoe? Die Bietigheimer Ivanhoe, deren Name schon zu meinen Abizeiten kuriserte? Haben wohl die letzten Jahrzehnte laut Wiki eine ganz ordentliche Karriere hingelegt, und das was ich zu hören bekomme gefällt mir. Gut arrangierter, fein ziselierter Progmetal oder so, das alles bei sehr gutem Sound. Wäre (noch) früher kommen vielleicht doch keine schlechte Idee gewesen.

Die Rofa ist übrigens sehr gut gefüllt, altersmäßig gut durchmischt das Publikum, bei angenehm friedlicher Atmosphäre. Hätte ich jetzt aber eigentlich auch nicht erwartet, dass Leute die Queensrÿche hören, auf Maulschellen verteilen aus sind. …immer diese Metalvorurteile, man ist vor keinem Klischee in der eigenen Birne gefeit.

Alpha Tiger sind die nächste Band. Aussehen, Songtitel und Bandname klingen schon so ein bisschen, wie durch einen Metal-Name-Generator erzeugt, aber das nur am Rande, denn der Auftritt macht Spaß. Ziemlich klassischer Heavy Metal, mit zwei längeren, epischeren Stücken, die anlassbezogen in das Set aufgenommen wurden. Diese klingen dann auch ein bisschen wie Fates Warning in straight. Gefällt!

Und obwohl meine Metalzeiten schon lange um sind, zeigt mir der Auftritt auch wieder, warum ich immer wieder großen Respekt vor diesem Genre habe. Ich möchte nicht wissen, wie viel Zeit man aufgewendet haben muss, um technisch so gut an den Instrumenten zu sein, und dann noch so perfekt zusammen zu spielen. Natürlich ist das alles irgendwie auch stockkonservativ, andererseits sind die meisten Musik-Moden ja oft eh nur das periodische Wiederaufwärmen bekannter Stile, dann kann man ja gleich dort bleiben, wo man eh schon ist.

Das mit der hohen technischen Qualität gilt natürlich auch für die kommende Band Freedom Call, die allerdings einen sehr eigenwilligen Stil pflegen. Beim ersten Stück denke ich noch, das könnte die erste Metal-Band sein, die beim Super-Pop-Label Elefants signen könnte, so melodisch-poppig kommt das daher. Gefällt mir. Beim zweiten Stück finde ich es noch witzig, beim dritten schaue ich verstört Konzert-Kompagnon Jochen an, und wir granteln irgendwas mit „Malle-Metal“, und die Worte „Wolle Petry oder was!?“ fallen. Wird dem Ganzen natürlich nicht gerecht, aber die Kombination „fröhliche Melodien und harte Gitarren“ konnte ich noch nie so richtig ab, und in der massiven Dosis wie jetzt gleich gar nicht. Egal ob Metal, Punk Rock oder sonst was. Aber Großteile des Publikums feiern die Band ab, also wohl eher mein Problem, was ja auch gar nicht schlimm ist. Vorurteil: die sind bestimmt big in Japan/Russia.

2017

Foto: Steve Sonntag

Die Umbaupause zum Queensrÿche-Auftritt zieht sich ziemlich hin, so dass es erst um 22:20 los geht. Aber dafür gleich richtig super, nämlich mit „Queen Of The Reich“, das Stück, mit dem alles begann. Und schon vom ersten, sehr hohen, Ton an ist klar, dass der neue Mann am Mikro Todd La Torre zumindest stimmlich die Rolle von Geoff Tate ausfüllen kann. Ein Wahnsinn, was der den ganzen Abend da rausjodeln wird.

„Speak“ von „Operation Mindcrime“ ist der nächste Hit, bevor mit „Walk In The Shadows“ mein erster, persönlicher Favorit gespielt wird. Anscheinend nicht nur meiner, denn nach diesem Dreifachschlag zu Beginn, tobt das Publikum vor Begeisterung. Großartige Songs, mit Leidenschaft und technischem Können gespielt, von einer der stilprägenden Bands des Metals. Es gibt Momente, da kann man nicht mehr wollen. Und das schöne ist, das geht den ganzen Abend so weiter.

„The Whisper“ ist ein weiterer Knaller aus „Rage For Order“, bevor mit „En Force“ das erste von vielen Stücken des Albums „The Warning“ gespielt wird. In einem Interview hat La Torre dieses Album als sein Lieblingsalbum von QR angegeben. Auch aus meiner Sicht das vielleicht atmosphärisch dichteste Album. Danach gibt es erst mal eine längere Ansprache von Todd La Torre, in der er sich bedankt, dass er als „the new guy“ akzeptiert wird. Überhaupt das ganze Konzert über der Typ, nicht nur ein hervorragender Sänger, sondern auch Riesenperformer, und das alles mit sehr sympathischer Ausstrahlung.

Mit „Child Of Fire“ und „Warning“ kommen zwei weitere Songs von „The Warning“. Beim Titeltrack weiß ich nicht was mich mehr begeistert, der Refrain oder das Schlagzeugspiel Scott Rockenfields. Ebenfalls herausragend, die perfekten, zweistimmigen Gitarren von Lundgren/Wilton, die den Sound von QR so entscheidend mitprägen. Vom neuen Album gefällt mir „Where Dreams Go To Die“ am besten, aber auch die anderen zwei Neuen sind durchaus ok. Vor allem wenn man bedenkt, dass seit „Promised Land“ ja nix mehr so richtig Gutes von den Leuten kam. Meine Güte, auch schon wieder 18 Jahre  her, als ich sie zur Tournee dieser Platte damals im Kongresszentrum gesehen habe.

2018

Foto: Steve Sonntag

„NM 156“ ist ein weiterer Klassiker vom zweiten Album, bevor, ebenfalls von „The Warning“, das Opus „Road To Madness“ gebracht wird. Ein bombastisches, wirklich berührendes Stück, bei dem es mir mehrere Mal die Nackenhaare aufstellt. Natürlich fehlt in der Liveumsetzung etwas das Orchestrale der Studioproduktion, aber alleine die Ehre das einmal live hören zu dürfen. Großartig! Und wirklich toll gesungen.

Zwischeneinwurf: der Style von Gitarrist Parker Lundgren ist wirklich hervorhebenswert. So gar nicht Progmetal, eher so LA-Tattoo-mäßig, wobei er uns auch noch zusätzlich an Kurgan, den Kurgiesen aus Highlander erinnert. Wenn eh schon alles 80ies ist heute Abend, dann eben auch unsere Assoziationen.

Die zwei letzten Stücke „Eyes Of A Stranger“ und „Empire“ führen mir nochmal nachhaltig vor Augen, wie wichtig und prägend wohl QR in meiner Adoleszenz waren. Note für Note jedes einzelnen Instruments könnte ich mitsingen, ja wenn ich denn singen könnte. Vor allem „Empire“ überrascht mich selber, wie toll ich das Stück finde. Hatte ich fast schon vergessen.

206

Foto: Steve Sonntag

Gegen fünf vor Mitternacht bekommen wir noch zwei Zugaben präsentiert. „Jet City Woman“, nicht unbedingt mein Lieblingsstück, aber live taugt es doch ganz gut, und zum Abschluss wieder einen „The Warning“ Hit: „Take Hold Of The Flame“. Habe ich mich früher immer gefreut, wenn bei meinem Cousin das Video im Kabelfernsehen lief. Jetzt freue ich mich wie verrückt, es live zu hören. Eigenes Empfinden und Publikumsreaktionen lassen nur einen Schluss zu: Das war ein triumphaler Abend.

2 Gedanken zu „QUEENSRŸCHE, 27.10.2013, Rockfabrik, Ludwigsburg

  • 28. Oktober 2013 um 20:45
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    Großartig, Lino! Bin ja immer wieder beeindruckt, was für Sachen du dir so anhörst… ;)

  • 28. Oktober 2013 um 23:51
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    Metal-Sozialisation in den Teeniejahren, das zieht man das ganze Leben mit sich mit. Und mir gefällt das in gewissen Phasen ja immer noch sehr gut.

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