EYEHATEGOD, 14.08.2013, Keller Klub, Stuttgart

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Es gibt sie hoffentlich nur selten: die Tage, an denen EYEHATEGOD die Antwort auf alle Fragen liefern. Falls doch: lieber einen Helm kaufen oder gleich mit Gift im Garten oder auf der Autobahn Federball spielen. Was diese Typen aus New Orleans vor 140 Leuten im Keller Klub veranstalten, ist verstörend, durchaus traurig – aber eben auch ziemlich saugut.

„Peace and Love“, lallt Sänger Mike Williams und streckt zwei dürre Finger in die Luft, die wie einsame McCain-Pommes aussehen. Dann lacht er dreckig und fügt hinzu: „Chaos and Alcoholism“. Man will kaum lachen, weil es so schmerzhaft echt wirkt. Auch weil Williams Billig-Vodka aus der Flasche trinkt, wie das nur Leute tun, die längst keinen Durst mehr haben. Das ist Betäubung. Er kneift seine Augen zusammen, hält sich am Mikroständer fest – nur ein ausgemachter Fachmann würde noch erkennen, ob das noch „Groove“ oder schon „Torkeln“ ist.

Zwischendrin brüllt und kotzt Williams seine menschenverachtenden Zeilen ins Publikum. Vereinzelt strecken Leute zustimmend die Hände in die Luft – auch als er fragt „Wer hat schon mal seine Schwester gefickt?“. Es sind die gleichen Spaßvögel, die auch „Ja!“ brüllen, würde er nach rosa Kaninchen oder Tom Araya von Slayer „Do You Wanna Die!“ fragen. Trotzdem: „Sisterfucker“ ist ein Hit. Zäh, roh und erbarmungslos.

Auch der Sound: abgefuckt und brachial. Das fing schon mit „New Orleans is the new Vietnam“ an. Black Sabbath, Circle Jerks und Celtic Frost in einer Band. Hardcore. Aber eben nicht der Hardcore, der sich auf Äußerlichkeiten stützt, sondern die miese Drecksau, die vom Leben erzählt, das man selbst lieber nicht haben möchte.

Das schmeckt nach verrotteten Zähnen, Schmerzen, etwas Blut, keiner Krankenversicherung und keinem Funken Hoffnung. Wer da angekommen ist, hat nichts mehr zu verlieren. Dem ist längst nichts mehr heilig. Und in ihren fiesesten Momenten entwickeln EYEHATEGOD, tatsächlich die Energie eines wirklich miesen Arschlochs. Einer, der auch einem dicken, sehbehinderten und achtjährigen Mädchen eine abgebrochene Flasche in die Fresse schlagen würde – obwohl sie streng genommen gar nix gemacht hat.

Ein Idiot wagt das Tänzchen: er springt auf die Bühne, packt Williams und versucht mitzusingen. Er bekommt den Mikroständer  in die Weichteile geschlagen und die Sicherheit, dass das hier zwar durchaus joviale Typen sein mögen, aber EYEHATEGOD definitiv kein „Buddycore“ ist.  Den Dreck gibt’s bei Biohazard, das war’s dann aber auch. Nur die Könige der Idioten, glauben, EYEHATEGOD würden hier erzählen, wie tough sie sind. Diese Typen erzählen, wie scheiße ihre Welt ist. Das ist ein himmelweiter Unterschied – selbst am Tor zur Hölle.

Gefeiert wird aber auch, denn Drummer Joey LaCaze hat scheinbar Geburtstag – zumindest erzählt Williams das. Auch dass dessen Wunsch wäre, von einem Kerl in Nazi-Uniform vergewaltigt zu werden. LaCaze lacht. Und ich überlege mir, was ich eigentlich am nächsten Geburtstag machen soll.

Ja, das hier ist abgefuckt. Runtergewirtschaftete Typen, die das Konzert für einen Joint unterbrechen, aber eben auch Typen, denen man jeden Ton und jedes Wort kommentarlos abnimmt – selbst die Unverständlichen. Das sind Leute, mit denen man gerne vier Getränke lang am Tresen steht, aber vor dem fünften doch lieber nach Hause geht. Leute, die unter Umständen ihre Zähne auf den Tisch legen können, bevor sie essen.

„Erinnert sich einer an unser Konzert in der Röhre damals?“, fragt Williams. „Ja klar, Du auch?!“ brüllt einer zurück. Der Punkt geht trotzdem an den hageren Sänger: „Nee, deswegen frag‘ ich ja.“

Dennoch, spröde Songs wie „Shop Lift“ oder „Lack Of Almost Everything“ spielen EYEHATEGOD derart heavy und brachial auf den Punkt, dass man ihnen einen saftigen Schmatz auf die Backe drücken möchte. Jedem einzelnen. „Gott, ist das geil“, sagt einer. Keine Ahnung, ob Gott das unterschreiben würde. Alle anderen im Raum schon. EYEHATEGOD sind großes Kino an diesem Mittwochabend.

Allen voran Jimmy Bower, auch bekannt als Schlagzeuger bei Down. Der spielt an der Gitarre zwar nichts, das auch nicht Tony Iommi bereits abgenickt hätte, aber er führt diesen ausgekotzten Abgesang auf den amerikanischen Traum meisterlich und bestens gelaunt an. Kein „Yes, we can“, kein „Yo bama“. Das hier ist die Stimme von der Barrack Obama durch Inszenierung ablenkt. Doch EYEHATEGOD sind derart laut – auf Dauer wird das keiner totschweigen können. Irgendwann ist Schluss. Auch im Keller Klub. Draußen vor der Tür wartet schließlich das vergleichsweise gute Leben.

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