BON JOVI, 21.06.2013, Cannstatter Wasen, Stuttgart

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Einmal die Welt durch die Augen von Jon Bon Jovi sehen. Das wär’s. Der 51-Jährige hat den Dreh nämlich raus: alles wird gut, alles ist gar nicht so schlimm, weitermachen, nicht unterkriegen lassen, immer schön rocken und noch irgendwas mit „Baby“. Dann ist die Sache in trockenen Tüchern. Her mit dem schönen Leben. Sollten alle Stricke reißen, ist sich der Mann auch nicht zu schade, mal tiefer in die Werkzeugkiste der Poesie zu greifen: „Nanananananananananaaaa“.

In seiner Welt ziert das Cover der Platte „Lost Highway“ natürlich das Bild einer Landstraße und wenn das Wort „Rock“ im Liedtitel vorkommt, dann wird auch gerockt wie ein Hurricane – oder eben wie Jon Bon Jovi, die menschliche Landkarte der kurzen Wege. Immer nah an der Bügelfalte und oft genug mit dem Sexappeal von einem, der vor dem Geschlechtsverkehr noch kurz die Kleidung zusammenfaltet. Keine Ahnung, ob das schlecht ist – sicher ist nur: man muss es halt wirklich wollen. Wenn nicht, dann läuft New Jerseys ungefähr achtbester Popstar Gefahr, dass man ihm die Grippe wünscht. Wer aber in der Laune dazu ist, bekommt Weihnachten, Ostern, Sommerschlussverkauf und Champions-League-Sieg auf einmal um die Ohren. Die schöne Welt ohne Punkt, Komma, „wenn“ und „aber“.

„Showtime in 15 Minutes“ steht auf den Videotafeln und aus den Boxen schallen die Foo Fighters, Queens Of The Stone Age, AC/DC, Johnny Cash und Led Zeppelin, während Christina Stürmer im Publikum gemütlich Autogramme schreibt. „Christiiinnaaa“ brüllt einer von der Tribüne in ihre Richtung. Dann noch einer. Erst als einer „Elfriiieeeddeeee!“ brüllt, dreht sie sich um und winkt. Ich glaube, ich bin da etwas Großem auf der Spur. Dann fahren mehrere Limousinen hinter die Bühne. Der Chef und seine Crew kommen. Jon Bon Jovi.

Auf dem Wasen ist der Mann mehrheitsfähig: so viele erstmal grundlos zum Himmel gereckte Arme gibt’s höchstens bei Depeche Mode. 30000 Leute feiern den Mann aus New Jersey ab, noch bevor er irgendetwas getan hat. Das sind wahrscheinlich die Vorzüge, wenn man eine Legende, Ikone oder sonstwer dieser Güteklasse ist. Kaum einer erwartet noch große Leistungen, sondern ist erstmal froh, dass Du überhaupt da bist. Jon Bon Jovi hat das längst perfektioniert. Obwohl er in meiner kleinen Welt immer ein  „65000 Typ“ bleiben wird.

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Das Bühnenbild ist aber schon mal der Kracher: die Front eines riesengroßen Cadillacs. Kühlergrill, Lichter und Windschutzscheibe sind Videoflächen und die Band steht quasi unter der Motorhaube auf der Stossstange – wie die Mücken, die sportlichen Autofahrer gerade im Sommer gerne am Auto kleben bleiben.

„That’s What The Water Made Me“ macht den Anfang, 1A Poprock ohne Wiedererkennungswert, dafür auch ohne nennenswerte Sauereien, One Republik könnten damit genauso gut bei Markus Lanz auftreten. Besser als die Guano Apes im Vorprogramm ist das allerdings schon nach grob vier Tönen. Das Göttinger Quartett bekleidete zusammen mit Christina Stürmer die Opener-Positionen des Konzerts. Die Stürmer hatte ich verpasst, Guano Apes leider nicht. Nach eigenem Bekunden freuen die sich  immer wieder, auf der Bühne zu stehen, um zu rocken. Wenn sie es halt nur getan hätten. Allerdings: nicht mal Rockröhre Sängerin Sandra Nasic schafft es, „Big in Japan“ von Alphaville kaputtzusingen. Es spricht für Alphaville, sonst für gar nix und -niemanden.

Jon Bon Jovi ist sich wiederum nicht zu schade, den harten Schwerarbeiter auf der Bühne zu geben. Angestrengt und sympathisch wirft der sich ans Publikum ran. „Shot Through The Heart and you’re to blame. Darling,…“ und dann alle „Ju gieve lof a bäht näim. Bäht Nähim!“ Batz. Die Nummer fliegt. Alle Arme auch. Bon Jovi und der Wasen brauchen kaum einen Refrain und alle sind gemeinsam auf Betriebstemperatur. Mit „Raise Your Hands“, ebenfalls von „Slippery When Wet“  machen Bon Jovi freilich auch keine Gefangenen.

Entzückte Damen schwofen locker auf der Stelle, pieken abwechselnd mit den Zeigefingern in die Luft, lächeln entrückt und klatschen mit sich selbst um die Wette. Das ist Musik als reines Entertainment, gerne auch im Hintergrund. Als würde man das Radio aufdrehen und hoffen, dass was Gescheites kommt. Irgendwas zum Mitsingen. Daran gibt’s nix Schlechtes.  Und spätestens als Jon Bon Jovi „Born To My Baby“ rausholt lächelt auf dem Wasen jeder. Das ist so abgrundtief positiv. Mein Fuß wippt und ich frage erst gar nicht warum. Manche Dinge muss man einfach genauso hinnehmen.

„Nanananananananananananaaaa, You we’re born to be my Baby“. Eines davon wurde 50 und will tanzen – das steht zumindest auf dem Pappschild, das sie hochhält, während sie auch tatsächlich tanzt. Im Handumdrehen gesellen sich zwei weitere Damen in ihrer Altersklasse dazu. Gemeinsam lassen sie die Hüften kreisen, wie die Frauen in den Bon Jovi Videos in den Achtziger-Jahren – nur halt ohne Stripperstange. Die anderen Girls halten eine Flagge hoch auf der „United States Marine Corps“ steht. Nie waren Krieg und Spaß näher beisammen. Ab und an dreht sich das Damen-Corps um und animiert die Umstehenden zum Ausflippen. Mehr Mitmachzwang gibt’s nur bei Karaoke-Partys. Jon Bon Jovi singt aber live. Wenn auch ab und an mit beängstigend dünnem Stimmchen.

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Richie Sambora ist natürlich immer noch nicht dabei. Er wurde (vorübergehend) wegrationalisiert und durch Phil X ersetzt. Möge er keinen Nachnamen besitzen, ein echter Rocktyp ist er trotzdem. Mit einem beinahe genialen Schachzug löst Jon Bon Jovi das Dilemma bei „Wanted Dead Or Alive“, der einstigen Buddy-Hymne von ihm und dem absenten Richie Sambora. Er holt einen kleinen Jungen auf die Bühne. Marco, „eleven years old“. Als Jon Bon Jovi ihn eben „Wanted Dead Or Alive“ singen lässt, steht der Wasen endgültig Kopf. „Jon Bon Marco!“  ruft der Chef und grinst sich fast die Kronen aus dem Gesicht. Dann singt der Kleine „I’m wanted“ und reckt das Mikro in den Abendhimmel, damit alle Anwesenden „Dead Or Aaaaaalive“ singen. Bäm. Show gestohlen. Da ist auch vollends egal, dass der Kleine der Gewinner bei DSDS-Kids war.  „I’ve seen a million faces, and I rocked them all“.

„Runaway“, Alter. Wer so ein Lied in der Tasche hat, gewinnt mindestens für vier Minuten im Leben. Bon Jovi ziehen das Ding wahrscheinlich auch deswegen in die Länge. Es sei ihnen gegönnt. Und natürlich ist das da auf der Bühne eine Firma. Ein Konzern, der sich bestmöglich verkaufen will, aber im Gegensatz zu Rewe oder Daimler werden Refrains feilgeboten und im Sonderangebot gibt’s eine Schippe Lebensgefühl und inszenierte Lockerheit. Christina Stürmer kommt auch noch mal auf die Bühne und singt „Who says you can’t go home“. Die Rolle hatte in der Vergangenheit u.a. schon Bruce Springsteen übernommen.

Die großen Gesten hat der Mann aber im Blut.  Breitbeinig steht der bei „Amen“ am Mikroständer, streckt den Arm gen Publikum aus  und greift mit den Fingen nach all der Luft,  die nie einer festhalten kann. Nicht mal Jon Bon Jovi. Dann ballt er die Faust. Und wenn er  das Wort „Heart“ singt, dann fasst er sich natürlich auch ans Herz. Damit auch der Letzte weiß, was er meint. Falls noch Fragen sind: „Love Is The Answer“.

Abfeiern oder Heimgehen – hier ist mittlerweile kein Platz für ironische Distanz, Szenegetue oder Zwangscoolness. Bon Jovi sind wie „Wetten, dass…?!“. Alles ist bunt, alles ist groß und jeder Anwesende lächelt. Mindestens eine Hand voll wirklich schmissiger Songs und die Tatsache, dass Freitagabend ist, sind da Grund genug. Das nun madig zu machen, nur weil JBJ den Rockstar spielt, hieße aufrichtigen Menschen in die Suppe zu rotzen. Nur Arschlöcher tun so etwas. Niemand fragt bei einem Hollywood-Blockbuster, ob das real sei. Warum dann ausgerechnet bei Bon Jovi damit anfangen?

Natürlich ist das oft fürchterlich kitschig, viel zu dick aufgetragen und schamlos auf den kleinsten gemeinsamen Nenner runtergerechnet: „We (both) got jobs, cause there’s bills to pay“.  Aber ein paar Sitze weiter kämpft eine Dame mit den Tränen, ihr Begleiter fasst sie an den Schultern und drückt sie an sich. Es gibt tausend Gründe, Bon Jovi nicht leiden zu können oder das alles abgrundtief zu verachten. In diesem Moment zählt aber kein einziger davon. Da ist „Fressehalten“ eine gute Option und Musik die beste Idee. Egal welche. Zu Hause kann ich wieder Kvelertak und die MC5 lobpreisen. Auf dem Wasen halte ich meine Klappe, denn das eine hat nix mit dem anderen zu tun.

Vereinzelt halten ein paar Leute vor Freude Wunderkerzen in die Luft. Seit der Erfindung des beleuchtenden Handy-Displays sieht man das nicht mehr so oft. Der Moment ist umso schöner, weil irgendjemand zu Hause nicht nur Wunderkerzen rumliegen hat, sondern sich selbst auch geistesblitze: „Moment, lass uns noch Wunderkerzen für die Balladen mitnehmen“. Das ist ein letzter Funken echter Rockromantik, der Ort an dem Leute wie Jon Bon Jovi unsterblich sind. Auch er kann das nicht torpedieren, mit dem Meer aus Kerzen auf der Videoleinwand. Nach 140 Minuten und „Living On A Prayer“ ist Schluss.

In der vollbepackten U11 ruft nur ein paar Minuten später einer „heiß und fettig“ als er aussteigen will. Ich muss grinsen, schaue mein Smartphone an und denke „Hihi. Teflon“.

3 Gedanken zu „BON JOVI, 21.06.2013, Cannstatter Wasen, Stuttgart

  • 25. Juni 2013 um 10:20
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    Was ist ein “65000 Typ” ?

    Text: „Gefällt mir“. Sehr arg!

  • 25. Juni 2013 um 11:08
    Permalink

    Dankeschön. Einer bei dem immer 65000 Leute aufs Konzert kommen. Auch wenn er im Galao spielen würde.

  • 7. Juli 2013 um 20:30
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    Haha… sehr gut! Muss ja bei ’shot through the heart‘ immer an Barney Stinson denken. Und dann kann JBJ ja nicht 100% kacke sein.

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