MAIFELD DERBY, 31.05.-02.06.2013, Reitstadion/Maimarktgelände, Mannheim

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Foto: Udo Eberl

Wo gibt’s denn so was? Ein Festival, bei dem man nach dem pünktlichen Konzertbeginn der einzelnen Bands und Künstler die Uhr stellen kann. Ein Festivalgelände, auf dem sogar ausgetretene Kippen auffallen, da praktisch kein Müll herumliegt. Ein kleines Konzert-Dorf mit vier Bühnen und Reitstadion, in dem für drei Tage eine eigene Währung für Getränke, der Derby-Dollar, eingeführt wurde. In dem das festivaleigene Merchandising einem Projekt für „Therapeutisches Reiten“ des Reitervereins Mannheims zufließen wird, bei dem der Veranstalter Timo Kumpf selbst Musiker ist, der unter anderem bei „Get Well Soon“ in die Saiten des Basses greift, und von vielen Freunden unterstützt wird. Und seiner Familie, die mit dem Angebot der eigenen Landmetzgerei für das etwas andere Fast Food sorgte.

Klingt nach einem kleinen gallischen Dorf für Musik. Umso erstaunlicher, dass der Besucherrekord beim dritten Anlauf deutlich gebrochen werden konnte. Bereits am ersten Tag waren mehr als 3000 Besucher auf dem Gelände zwischen Messe, Autobahn und SAP-Arena. Klingt nach Gewerbepark-Atmosphäre, doch die Veranstalter setzten alles daran, es den Besuchern so heimelig wie möglich zu machen. Und mindestens genauso wichtig: Im großen Zelt, dem Hauptspielort des Mannheimer Festivals, war es nie so eng, dass es unangenehm war. Die Bedingungen stimmten also – übrigens auch bei den Festivalcampern.

Beim Programm waren sowieso keine Klagen angesagt. Was hier beim Maifeld Derby an drei Tagen auf vier Bühnen zu moderaten Preisen geboten wurde, das hatte wahrlich internationales Format und war sehr ausgesucht. Mit ein Grund, dass bei diesem wirklich grünen Festival, das neben Müllkonzepten, dem Verzicht auf Kunststoff und Infoständen zum Thema Umwelt auf Ökostrom setzte, auch an den folgenden Tage  immer so um 3000 Besucher auf dem Platz waren. Am ersten Tag sogar trotz strömenden Regens.

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Foto: Udo Eberl

Unter freiem Himmel boten hier Dry the River den pophymnischen Soundtrack zum Hochwasser am nahen Neckar, doch der Regen sollte erst ein wenig später am Abend aufhören. Da hatten die deutschen Acts Enno Bunger und Sea & Air ihre gefeierten Konzerte auf der Parcours D’Amour-Bühne bereits hinter sich. So groß war der Andrang auf der Nebenbühne, die zwischen Stoffherzen und handgemalten Pappbäumen zum Spielboden für Songwriter wie den fantastischen aus Brooklyn stammenden Kevin Devine, aber auch zur Leseecke für Autoren wurde, dass man zeitweise vor dem Eingang zur etwa 400 Besucher fassenden Tribüne Schlange stehen musste. In der Stunde vor Mitternacht wurden hier zudem ambitionierte Kurzfilme gezeigt.

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Foto: Udo Eberl

Nahe am Independent-Film  war der Auftritt von CocoRosie. Zunächst die Ansage, dass man das Konzert sofort abbrechen werde, wenn im Zelt geraucht würde. Dann zogen die beiden Schwestern Sierra und Bianca Cassady, die zuletzt zu Robert Wilsons Berliner „Peter Pan“-Produktion die Musik beitrugen und gerade ihr Album „Tales of a GrassWidow“ bei City Slang veröffentlicht haben, das Publikum im vollen Zelt in einen Kosmos, der fast kindlich naiv anmutete. Zerbrechlich, poröser Pop, von einem Beatboxer angetrieben, und Sirenengesang – Sierra, die Harfenistin, ein wildes und strahlendes Dancing Girl, Bianca eine Waldfee, die sich während des Auftritts in ein ätherisches Nichts aufzulösen schien. Bisweilen erinnerte das an Björk, allerdings brachen CocoRosie das elektronische Moment immer mit Weltmusik und folkloristischen Elementen.

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Foto: Udo Eberl

Dagegen waren die Weilheimer The Notwist, die seit vielen Jahren den Doppelstempel Hochkultur und Indie-Legende verpasst bekommen, mehr als greifbar. Sie spielten nicht nur ihre popaffinen Songs wie „Pilot“ nahe am Original, sie bohrten auch trashige Gitarrenriffs in die Melancholie oder füllten das Zelt elektronisch angetrieben mit dem Puls der Nacht. Kultig. Zwei neue Stücke hatten sie im Programm. Hörproben für das neue Album, das gerade aufgenommen wird und wohl im Januar des kommenden Jahres veröffentlicht werden soll. Zum Höhepunkt des Konzerts wurde „Neon Golden“, das aus der Indie-Bluesecke auf den Dancefloor geschoben wurde. Sehr stark war das. Danach hatten „Reptile Youth“ trotz eines mächtig aufgepumpten Dance-Pops nicht mehr ganz so gute Karten. Für das etwas andere Finale in der Nacht sorgte übrigens der musikalisch schillernde „Gold Panda“.

Während man die gefeierten Auftritte der Festival-Headliner Thees Uhlmann, Sophie Hunger oder Wallis Bird fraglos in die sympathische Mainstream-Ecke schieben darf, waren das Salz in der Festival-Suppe beim Maifeld Derby die Pop- und Rock-Delikatessen. Scout Niblett, Daughter, We Were Promised Jetpacks, Kadavar – die Bandbreite war groß und im kleinen „Brückenaward“-Zelt konnte man sich von aufstrebenden Bands so richtig die Ohren freiblasen lassen, als Bands wie Schnaak oder „The Hirsch Effekt“ am Start waren. Und eigentlich stand oder saß beim Festival der extrem kurzen Wege immer Publikum vor den Bühnen.

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Foto: Udo Eberl

Beim Auftritt von Efterklang aus Kopenhagen sowieso. Popkultur – bombastisch und plakativ, gleichzeitig von durchsichtiger Schönheit, nahe an der Esoterik und dank des Sängers Casper Clausen doch voller Star-Appeal wurde hier geboten. Bisweilen hatte die Entspanntheit der Musiker einen fast schon esoterischen Anstrich, doch die Sounds und gesangliche Klasse waren beeindruckend. Clausen hatte übrigens eine Geschenkkiste des Immergut-Festivalpublikums ans Maifeld mitgebracht. Diese wurde in Mannheim dann neu gefüllt – Adresse war das nächste Efterklang-Konzert in Leipzig. Bereits am Nachmittag  hatten die großartigen Kanadier „Royal Canoe“ eine Wahnsinnsshow geboten. Sie verbanden Rock, Pop und Electro vortrefflich und klangen nicht nach einem, sondern vier Alben. Überhaupt: Der Mix aus Elektronik  und Pop war hier eine große Sache, nicht nur bei „When Saints Go Machine“.

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Foto: Udo Eberl

So viel Großartiges und Aufkeimendes war beim Maifeld Derby in der Schnittmenge zu erleben, dass der eher laue Auftritt von Leslie Clio nicht weiter nervte. Man hatte ja zuvor David Lemaitre live erleben können. Und der zeigte, was für einen Sound man mit einem Trio zaubern kann, wenn man’s kann. Klare Derby-Sieger waren in jedem Fall die Derby-Besucher. Sie sorgten für eine entspannte Atmosphäre und ein echtes Gute-Laune-Festival. Und das endete am Sonntag mit Sonne. Ein sonniges Finale hatte sich dieses Derby auch mehr als verdient.

Maifield Derby

Carole Keating

CocoRosie

David Lemaitre

Efterklang

Immanu El

Intergalactic Lovers

Jack Beauregard

Kat Frankie

Kevin Devine

Leslie Clio

Marla Blumenblatt

Reptile Youth

Royal Canoe

Sizarr

Steaming Satellites

The Notwist

Thees Uhlmann

Tobias Kuhn

When Saints Go Machine

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