CULT OF LUNA, THE OCEAN, LO!, 06.05.2013, Universum, Stuttgart

CULT OF LUNA + THE OCEAN + LO!, 06.05.2013, Universum, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Neulich habe ich auf Deutschlandfunk ein Interview mit dem Elektro-Musiker Robag Wruhme gehört, in welchem dieser andeutet, dass Kollegen ihm immer wieder mitteilen, dass er so viele Ideen in ein einzelnes Stück packt, dass man daraus ebenso gut auch drei machen könnte. In der Tat kann man dem Interviewer Sascha Verlan Recht geben, dass es in Wruhmes Musik kaum Takte gibt, die sich wiederholen, weil beständig neue Klänge und Geräusche aufkommen. Aber das stimmt leider auch nur, wenn man den Umstand außen vor lässt, dass diese elektronische Musik aus völlig stereotypen, sich gleichförmig ins endlose fortsetzenden Rhythmen besteht, ohne irgendwelche Schwankungen in Geschwindigkeit oder Lautstärke, ohne irgendetwas, wodurch sie einen Ausdruck oder irgendeine Form von Emotionalität gewänne.

Ohne solche Musik jetzt abwerten zu wollen – Gleichförmigkeit und Monotonie sind nicht per se schlecht –, muss ich sagen, dass ich da schon froh bin, The Ocean oder Cult of Luna hören zu können, Bands, bei denen in jedem Stück so viele Ideen stecken, dass andere daraus ein ganzes Album (oder eine ganze Diskographie) machen würden, Bands, die beständig abwechslungsreich, unvorhersehbar und originell sind, ohne dabei den Zusammenhalt der Stücke aus den Augen zu lassen, ohne beliebig zu klingen, Bands, die eben immer auch Ausdruck und Emotionalität transportieren.

CULT OF LUNA + THE OCEAN + LO!, 06.05.2013, Universum, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Diese Emotionalität ist zum Teil durchaus schwer zu greifen, weil sie genauso komplex ist, wie die Musik, über welche sie transportiert wird. Als erstes fällt mir das im Uni bei den Openern Lo! auf, die zwar mit den ersten beiden Stücken noch als plumper Prügel-Sludge daherkommen, sich dann aber einem durchaus abwechslungsreichen Post-Hardcore zuwenden. Das ist auch gut so, denn ich scheine nicht der Einzige im Publikum zu sein, welchem das Gerumpel etwas zu einseitig ist: Die Australier legen anfangs einen Ziegelstein aufs Gas und langsamer wird’s höchstens, wenn bei Vollgas zugleich kurz an der Handbremse gezogen wird. Trotz all des Gebrülls von Jamie-Leigh Smith klingt die Musik weniger nach Wut, Frust oder Verzweiflung als schlicht melancholisch. Einer Melancholie freilich, die mit Vollgas auf einen hereinbricht. Das mag an der heiseren Note in der Jamies tiefer und Carl Whitbreads seltener auftretenden leicht höheren Brüllstimme liegen und verstärkt sich noch, wenn die späteren Stücke des Sets vielseitiger werden, ungewöhnliche, verspulte Lead-Gitarrenmelodien aufweisen oder zwischen ganz ruhigen, nur von Carls Gitarre oder nur von Adrian Shapiros Bass getragenen Passagen und dem vollen Brett wechseln. Zwischendrin doomed es auch mal ein bisschen.

Ganz zum Schluss des Sets kommt überraschend noch einer der beiden The Ocean-Sänger, auf die Bühne. So schreien sie sich dann zu dritt die Seele aus dem Leib, bevor es in eine kurze Umbaupause geht und wir auf die nächste Band treffen, die ich bislang genauso wenig kenne wie Lo!.

CULT OF LUNA + THE OCEAN + LO!, 06.05.2013, Universum, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Während dieser Umbaupause versucht Björn Springorum mich schon mal kräftig und ohne zurückgehaltene Begeisterung auf die nächste Band The Ocean einzustimmen. Nicht unzutreffend muss ich sagen, denn diese begeisterte Verbalrezension über das neue Album „Pelagial“ unterstreichen die Ex-Berliner und Jetzt-Schweizer mit einem Set, das bis auf zwei ältere Stücke fast nur aus den nun aber auch wirklich phantastischen Kompositionen vom neuen Album besteht.

Los geht es mit den Eröffnungsstücken des Konzeptalbums über eine Reise in die Tiefen der Ozeane: „Epipelagic“ und „Mesopelagic“. Der erste, instrumentale, nach der obersten, 200 Meter dicken Meeresschicht benannte Track ist leicht und plätschernd. Die leichte Gitarre und das Klaviergeplänkel führen dann direkt in das zweite Stück über, wo zunächst sanfter Klargesang auftritt, der gemeinsam mit den Gitarren und den heute sehr heftigen Drums in eine klangvolle Heavyness bis hin zum Post-Hardcore-Geschrei übergeht.

Abwechslungsreiche Riffs, verwirrende Leadmelodien, vertrackte Breaks und Rhythmuswechsel, schöne Klaviermelodien und Synthesizer-Effekte, die leider alle vom Rechner stammen, griffige zentrale Passagen, die man mitgrölen könnte, hätte man die Texte schon mal gehört. Alle Überbleibsel von Songstrukturen werden aufgelöst, originelle Passagen reihen sich aneinander, etwa, wenn irre gefrickelte Gitarrensoli in die Breaks der anderen Musiker hineinschießen. Aus der Erinnerung heraus scheint mir das „Bathyalpelagic II – The Wish in Dreams“ zu sein. Selbst falls ich mich irren sollte: Reinhören lohnt sich! Auch wenn sich die Stücke im Charakter immer mehr zur Härte steigern, werden beständig musikalische Themen aus vorherigen Stücken eingeflochten, sodass diese Verbindung aus unüberblickbar vielen musikalischen Ideen immer schlüssig und nicht willkürlich wirkt.

Man kann sich ganz hineinfallen lassen, hin und her getrieben durch die häufigen Wechsel und neuen Impulse, welche die Aufmerksamkeit fesseln. The Ocean führen einen da durch ruhige musikalische oder pelagische Zonen, durch wilde und durch turbulente Zonen. Sie steigern mit der Intensität von Rhythmus und Geschwindigkeit, mit dem Schwanken zwischen lauten und zurückgenommenen Passagen die emotionale Involviertheit des Publikums. Nach allem fangen sie einen mit fast schon episch-atmosphärischen Melodien und ohrwurmverdächtigen Melodien wieder auf. Mal mitreißend, mal besänftigend ist das. Mithin am eindrucksvollsten finde ich, wie vielseitig und präzise Loïc Rossetti, der hinter den Saiteninstrumenten und zumeist vom Publikum abgewandt steht, seine Stimme einsetzen kann: Von der fast kindlich weich klingenden Kopfstimme über eine warme, sehnsuchtsvolle Singstimme und ein versoffenes Röcheln bis hin zum Geschrei, mal auch einzelne Kopfstimmennoten einbauend. Er macht sich das gar nicht leicht. Aber wie bei allem an The Ocean bringen sie auch das perfekt rüber: Druckvoll, stets überraschend, anspruchsvoll, emotional.

CULT OF LUNA + THE OCEAN + LO!, 06.05.2013, Universum, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Leider beginnt damit der emotional etwas zweischneidige Teil des Konzertes: Nachdem The Ocean ihren Slot deutlich überzogen haben, eilt die Uhr bereits auf die Elf zu. So mischt sich in die Vorfreude auf Cult of Luna nun auch einiges an Nervosität, wie viel wir von dieser Band wohl noch zu sehen bekommen würden, bevor die letzten Bahnen fahren. Für einige wird das sehr wenig sein, nachdem die Schweden erst um sieben vor elf auf die Bühne gehen. Soweit ich das überblicken kann, hat keiner der Leute die ich hier kenne, das Konzert bis zum Ende gesehen. Schade. Wirklich schade.

Nach dem Auftritt von The Ocean hätten die meisten Bands wohl verloren gehabt, aber Cult of Luna wären nicht Cult of Luna, wenn sie uns nicht eine ungeheuerliche Wand rein schieben würden. Das fängt ja schon bei der Besetzung an. War The Ocean-Bandleader und Pelagial Records-Betreiber Robin Staps noch mit vier Mitstreitern aufgetreten, stehen jetzt sieben Mann auf der Bühne. Die mussten wahrscheinlich vor dem Gig ausatmen, denn Cult of Luna haben es geschafft zudem die beiden Schlagzeuge von Magnus Lindberg und Thomas Hedlund auf die nicht besonders große Bühne des Universums zu pressen. Vor dem rechten steht Anders Teglund mit seinen Keyboards. Auf dem Rest der Bühne tummeln sich die drei Gitarristen Johannes Persson, Eric Olofsson und Fredrik Kihlberg und Bassist Andreas Johansson. Wie die Band es schafft, in dieser bedrängten Enge auch noch voll abzugehen, ist mir schleierhaft. Glück gehabt aber, dass Cult of Luna geschrumpft sind: Auf dem Roadburn vor ein paar Jahren waren sie beispielsweise zu neunt aufgetreten …

Am Anfang dauert es ein wenig, bis ich mich mit der Musik akklimatisiert habe. The Ocean waren schon eine Macht. Aber Cult of Luna lassen das nicht lange auf sich sitzen. Das fängt mir ihrem speziellen Gitarrensound an, der sowohl unterkühlt, als auch druckvoll dicht daher kommt. Interessanterweise verändert dieser Gitarrensound im Nachklang seinen Charakter und wird seltsam warm. Auch sonst ist alles drin: Gebrüll wie Lotte, gerne auch mal mehrstimmig, Klargesang, Vocoder, Percussions, ultra langsames Klavier. Zugleich wird die dickste Lightshow aufgefahren, die ich je im Uni gesehen habe. Eingehüllt in dichtem Neben sieht man die Musiker, wenn man nicht gerade ganz vorne steht, zumeist nur als Schattenriss im Geflacker von Stroboskop und Moving Heads. Der Beleuchter weiß, was er tut, gibt er doch der winzigen Bühne durch das Aufbauen mehrerer Farbschichten Kontrast und Tiefe. Sieht gut aus, macht aber erst richtig klar, wie eng es da oben ist.

Soweit ich die Stücke gut kenne, stelle ich nebenbei bemerkt auch fest, dass die Live-Versionen von der Studioaufnahme in einigen originellen Elementen abweichen. Vor allem von den Keyboards kommen immer wieder überraschende Töne und Fills. Das geschieht in der Regel an den heftigen, aufgepeitschten Stellen. In ihren ruhigeren Passagen hat die Musik dagegen etwas Schwelenden, Schwerendes. Auch hier steckt wieder ganz viel Melancholie drin, wie in den frühen Crippled Black Phoenix-Platten. Aber dann bricht die Musik wieder los wie ein Manisch-Depressiver in der Hochphase: Stücke wie „Finland“ erfüllen einen einfach mit Kraft, so mächtig kommen sie daher. Die synchron von zwei Schlagzeugen gespielten und damit irgendwie ungewohnt klingenden Rhythmen sind kräftiger den je. Alles verdichtet sich wie ein Muskelkrampf. Wir sind wieder bei Gebrüll aus tiefer Kehle angekommen.

Die Stücke sind so voll von Ideen, dass man sich gar nicht mehr an alles erinnern kann, wenn sie enden, so voll von Ideen, dass es einem so vorkommt, als können sie unmöglich weniger als eine halbe Stunde gedauert haben, auch wenn es sicherlich weit weniger war. So kann man aber trotz der dahin tickenden Uhr noch möglichst viel von Cult of Luna aufnehmen.

Irgendwo in den ruhigen Passagen eines Stückes vom neuen Album möchte ich mich in den schönen Melodien verlieren. Aber auch ich muss jetzt gehen. Selbst wenn das Konzert überwältigend ist. Letzter Bus. Der Wecker klingelt erbarmungslos um fünf. Draußen schüttet es. Je weiter ich in die U-Bahn-Station unter dem Uni gehe, desto mehr hört man von Cult of Luna nur noch den langsamen Herzschlag der Drums: Bumm, Bummbumm, Bum, Bummbumm. Als ich am anderen Ende des Charlottenplatzes nach oben gehe, ist der Herzschlag verklungen und man hört nur noch das gleichförmige, sich ins endlose fortsetzende Rauschen des Regens. Bewegend.

CULT OF LUNA + THE OCEAN + LO!, 06.05.2013, Universum, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

The Ocean:

Cult of Luna:

2 Gedanken zu „CULT OF LUNA, THE OCEAN, LO!, 06.05.2013, Universum, Stuttgart

  • 9. Mai 2013 um 21:18
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    thx, Holger! Bei dem lighting war’s aber nicht schwer, auch wenn nur 5 min (!) shooting pro band erlaubt waren…

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