JUNIP, 03.05.2013, Karlstorbahnhof, Heidelberg

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Foto: Michael Haußmann

Hilft ja alles nix, ich muss mit der Tagesaktualität anfangen: Jeff Hanneman ist tot, viel zu früh mit 49 Jahren abgetreten. Wer weiß, wie viele böse Riffs und atonale Soli des „just a californian punk“ noch gekommen wären. Sicher ist, dass er mit „Reign In Blood“, welches zu Großteilen auf seine Heineken-Kappe geht, aber eh schon sein musikalisches Statement für die Ewigkeit hinterlassen hat. Dass die Todesursache evtl. (Zeitpunkt jetzt noch totale Spekulation) die Nachwirkungen eines Spinnenbisses sein könnten, passt vom ganzen Slayer-Ding dann leider auch irgendwie. Mit Junip heute Abend hat das natürlich null komma nix zu tun.

Pickepackevoll ist es im Karlstorbahnhof. In Internetversandhäusern würde stehen, wenn Ihnen das gefällt, mögen Sie bestimmt auch „Berufspendeln in Tokyos U-Bahn“ oder „Totgetrampelt werden beim Schlussverkauf“. Völlig unüberraschend viele junge Studenten, aber nicht so wie aus Stuttgart gewohnt die grobe Maschinenbauer-Abteilung vorwiegend maskuliner Zusammensetzung, sondern auffallend großer Frauenanteil. Anmutige Sache, denkt man gerade so, bis man gefragt wird „Für wen schreiben SIE denn?“. Der Fotograf kommentiert das sichtlich zufrieden mit „gig-blog in der Demografie-Falle“. Dann eben Revanchefoul meinerseits: Was in Gottes Namen ist der Grund unfassbar sperrige Taschen mit gefühltem Inhalt für eine Woche Urlaub auf ein Konzert mitzuschleppen, und damit den verbliebenen Restraum noch komplett zuzusperren?

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Foto: Michael Haußmann

Vorprogramm ist derweil James Mathé, aka Barbarossa. Solo auf der Bühne, begleitet von elektronischem Rhythmen und selber Synthies live spielend, bekommen wir eine halbe Stunde ruhigen, getragenen Electro-Pop zu hören. Sein Gesang erinnert mich etwas an The Ruby Suns, die Musik an eine Art melancholischen R’n’B-Pop. Das hat dann durchaus so seine atmosphärisch schönen Momente, aber auch Stellen, an denen man sich ertappt, dass man gerade darüber nachgedacht hat, was für eine schöne Rückhand Longline man vorher beim Tennis doch geschlagen hat. Vielleicht eine Spur zu ruhige Musik als Vorprogramm für so eine volle und recht große Venue. Das Terence Trent D’Arby -Cover von „Wishing Well“ ist dann aber sehr nett.

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Foto: Michael Haußmann

Jose Gonzalez’ Junip kommt, diesmal im Sextett, gegen 22 Uhr auf die Bühne. James Mathè ist auch dabei und wird rhythmisches, sowie schöne zweite Stimmen beitragen. Was gleich mal auffällt: das große Reh als Bühnenhintergrund und das schöne Licht. Unterstreicht sehr die Farbe von Junips Musik, die ja immer sehr warm und wohlig klingt. Schön auch die reichhaltige Instrumentierung, mit wabbernden Analogsynthies, Bongos etc.

Das erste Drittel ist dann auch sehr nett, aber irgendwie auch ein bisschen zu unspannend. Vor drei Jahren im Schocken hatten diese ruhigeren Momente im dortigen intimeren Ambiente besser funktioniert. Hat bestimmt aber auch was damit zu tun, das man ruhigere Musik entspannter genießen kann ohne Handtasche in der rechten Rippe, und Leuten, die einem ständig auf die Zehen steigen.

Geboten wird ein guter Mix aus Junips bisherigem Schaffen, wobei die zweite Hälfte dann, trotz manchmal übersteuernden Basses, sehr viel aufregender wird. „Rope & Summit“ ist so ein Beispiel, bei dem zu den üblichen Zutaten des Junipschen Sounds, noch eine krautrockige Komponente hinzukommt, die dem Stück schön Dynamik hinzufügt, und zu einem sehr tollen, gesteigerten Ende führt. Weiteres Beispiel: „Far Away“ mit seinem „Neu!“ inspiriertem, treibendem Rhythmus. Großartig!

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Foto: Michael Haußmann

Der Höreindruck des neuen Albums bestätigt sich übrigens auch live. Ein Bruch zum bisherigen Stil stellen die neuen Stücke nicht dar, fügen sich eher nahtlos und harmonisch in das bisherige Gesamtwerk ein. Aber richtig rausragen tut so im ersten Moment auch keines.

Höhepunkt des Abends für mich ist dann „Tide“, das sich zu einem finalen Crescendo steigert, bei dem einem das ein und andere Mal eine Gänsehaut überzieht. Das ist dann so ein Moment, in dem diese Mischung aus gezupfter, folkiger Gitarre, Joses charakteristischer Stimme, und reichhaltiger Instrumentierung eine perfekte Liaison mit Dynamik und Rhythmik eingehen. „Tide“ eben, wie eine Flut, die alles mitnimmt, so ist dann auch die Musik. Alleine für diese Minuten hat sich die Anfahrt schon gelohnt. Eine Zugabe gibt es auch noch, aber nach „Tide“ braucht man eh nix mehr. Wir können zufrieden im Mai-Monsun nach Stuttgart zurückfahren.

3 Gedanken zu „JUNIP, 03.05.2013, Karlstorbahnhof, Heidelberg

  • 5. Mai 2013 um 11:01
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    Respekt vorm Revanchefoul. Mir ist nicht mal im Nachhinein eins eingefallen, als ich kürzlich von hinter der Theke im Rocker gesiezt wurde.

  • 6. Mai 2013 um 09:39
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    das „Revanchefoul“ hat übrigens eine andere getroffen, als die Siezerin. Aber man darf ja wohl mal ziellos um sich schlagen, wenn man in seiner jugendlichen Ehre getroffen wird.

  • 6. Mai 2013 um 15:17
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    Ich habe mich für die Münchenvariante entschieden: die pickpacke vollen Kammerspiele stellen Menschen im Siezalter da noch nummerierte (zunächst sehr ungemütliche) Theatersessel zur Verfügung! Und ein pickpacke voller Karlstorbahnhof ist meiner noch recht frischen Erinnerung nach ganz schön anstrengend! Vielen Dank für den wunderbaren Bericht, der meine Eindrücke voll bestätigt. Ich fand den Opener wahrscheinlich noch ein bisschen langweiliger, auch wenn er stimmlich gut war. Bei Junip selbst musste sich der Spannungsbogen scheinbar wirklich erstmal aufbauen, aber spätestens ab dem neuen „Your Life Your Call“ wurde es besser und besser! Der Inszenierungsgedanke wurde durch das schöne Theater, die im Kreis um Herrn Gonzales gescharten Instrumente und nicht zuletzt durch Bambie unterstützt, das einem aufgrund der Lichteffekte manchmal tief in die Augen zu blicken schien! Ein superschöner Münchenabend und wettertechnisch hatte ich mich ja offensichtlich am Samstag mit der bayerischen Landeshauptstadt stark verbessert.

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