AGALLOCH, 30.04.2013, Club Zentral, Stuttgart

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Foto: Tox

Agalloch aus Portland, Oregon (USA) haben in meiner Sammlung das Black-Metal-Tag, wobei es sich bei genauerer Betrachtung nicht um klassische Vertreter dieses Genres handelt. Band-Chef „Haughm“ spricht meines Wissens von „Dark Metal“. Wenn man sich z.B. das Album „The Mantle“ von 2002, anhört, findet man auch Folk-Elemente. Für Black-Metal-Puristen wahrscheinlich auch wieder ein Graus. Ob der Band allerdings so viel Hass entgegenschlägt wie anderen Black Metal Bands aus den USA, die sich auch nicht um die klassischen skandinavischen Tugenden scheren, wie z.B. Liturgy aus Brooklyn, ist mir nicht bekannt. Für mich gilt eher – je weiter vom albernen Corpse-Paint, Satanismus, grausigster Klangqualität weg, umso besser. Nicht dass ich die Black-Metal Klassiker aus den 1990ern nicht super finden würde. Aber heute noch dieses Ding durchziehen, ist ungefähr so aufregend wie ein KISS-Konzert im Jahr 2013.  Abgesehen vom kurzen Haughm sieht in der Band auch keiner nach Heavy Metal aus. Gitarrist und Bassist würden als Verwaltungsfachangestellte durchgehen, der Drummer sieht eher nach einer HC/Punk aus den 1980ern aus, also optisch gibt’s kaum Ausfälle.

Mit erwähntem Album habe ich die Band kennengelernt, und warte schon lange auf eine Show in der Nähe. Das geht nicht nur mir so, denn das Haus ist restlos ausverkauft, auch die Abendkasse spuckt keine Tickets mehr aus. Häufig berichten wir leider von schlecht besuchten Konzerten. Hier und heute kommt zusammen, dass die Band eine treue Fan-Gemeinde hat, der Ticket-Preis niedrig gehalten ist, und vielleicht auch noch daran, dass Veranstalter SCR aus Ludwigsburg sich wieder die Mühe gemacht hat, und das gute alte „Hardticket“, wie es noch bis zum Jahr 2000 ungefähr üblich war, wieder eingeführt hat, also das genaue Gegenteil der seelenlosen Billigvariante von Eventim.

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Ein Kumpel, der mit mir das Konzert besucht, äußert nicht ganz unberechtigt Bedenken, ob das heute nicht in einer Art Mittelaltertreffen enden könnte, Stichworte wie „Pagan-Metal“ fallen, Angst vor Tolkien-Terror. Könnte man schon bekommen, bei einer Band, deren Namen meines Wissens bedeuten soll: Der Geruch von Rauch eines Lagerfeuers im tiefen Winter. Wahrscheinlich mal wieder auf elbisch. Haughm befeuert diese Ängste im wahrsten Sinne des Wortes, als er zu Beginn der Show irgendwas in kleinen Töpfchen anzündet, und kultische Gegenstände neben den Töpfchen auf Holzklötzen verteilt. Sieht aus wie eine Hasenpfote. Soll ja Glück bringen, es ist aber tatsächlich ein Rehfuß. Macht die Sache nicht besser, aber geht schon alles in Ordnung, mehr in der Richtung passiert dann nicht mehr, Wotan sei Dank!

Von jetzt an wird’s echt gut. Erstens: Der Sound. Wirklich sehr gut, kennt man sonst fast nur aus der Manufaktur. Man hört sogar den Bass! Das erste Stück ist gleich ein Agalloch-Hit, „Limbs“ vom kein bisschen weniger schwachen „Ashes Against The Grain“-Album. Bis ins kleinste Detail vorgetragen wie auf dem Tonträger, auch der Gesang. Stücke unter 5 Minuten gibt’s sowieso nicht, alles ziemlich episch. Insbesondere die aktuelle EP „Faustian Echos“, ein Stück um die 20 Minuten, wird vom Gefühl auch in dieser Länge gespielt. Nach der Show rede ich kurz mit Gitarrist Don Anderson, der jemanden zum Anprosten gebraucht hat. Er erzählt, dass die Idee zu diesem Stück in Frankfurt entstanden ist, in einer „Goethe Bar“. Außerdem gibt’s auch noch interessanter Weise eine Verknüpfung von Agalloch zu einem Mitglied der deutschen Kraut-Urgesteine von Faust, wie er mir erzählt. Dieser ist auch für aktuelles Artwork verantwortlich, und heute Abend sogar auch anwesend. Überhaupt Krautrock, von Grobschnitt oder Faust ist er ein riesen Fan, und hat gehofft in deutschen Plattenläden billigere Kraut-Scheiben als in den USA abgreifen zu können. In Stuttgart sei er aber leider nicht fündig geworden. Stuttgart bringt dann auch noch den Lacher des Abends – Vaughn bedankt sich beim Publikum und er freut sich in Stuttgart spielen zu dürfen, dieser „Beautiful City“. Alles lacht. Wie schlimm muss Portland aussehen, frage ich mich.

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Foto: Tox

Der große, mir bestens bekannte Hit kommt zum Glück, also auch das Set lässt keine Wünsche offen. „In The Shadow Of Our Pale Compagnion“ sollte man gehört haben, auch wenn man sonst mit Metal nichts anfangen kann. Das Stück ist ja auch eher eine Folk-Rock Nummer. Ein Cover kommt noch, von Sol Invictus „Kneel To The Cross“. Ich hab das Gefühl fast alle kennen das Original.

Zugabe gibt’s auch, intensives Material, zieht sich ziemlich in die Länge, verschiedene Teile von „Our Fortress in Burning“ glaube ich. Mir hat es wirklich sehr gut gefallen, den HC-Fans, die jedes Lied mitsingen können, und zum Teil recht jung sind, ist sicher das Herz aufgegangen. Besonders als Haughn seine Hörner, Pfoten und Campingtöpfe wieder schwer schamanisierend einsammelt. Der Band hat es in unserer „Beautiful City“ sicher auch gefallen, die dürfen wieder kommen.

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Foto: Tox

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