TINA DICO, 08.03.2013, Sudhaus, Tübingen

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Foto: Steve Sonntag

Manchmal frage ich mich, ob ich abgestumpft bin – gefühlsmäßig. Nicht, weil ich nicht empathisch bin. Bin ich. Ab und zu wär ichs gern weniger. Aber trotzdem: 2011 war das, der Sommer. Herrlich. Die Fenster auf, die Vorhänge halb zu und leichter Wind, der durch die Wohnung zieht. Und halt Musik. Egal welche. Nur Musik und du und Gänsehaut. Ist schwer, da zu laufen. Bremst nämlich. Da kannte ich Tina Dico noch gar nicht. Ist bei mir aber seltender geworden, die Gänsehaut. Heute nicht, mich schauerts. Einfach aus Freude und Rührung und weil der Moment so schön ist. Danke Tina Dico und Helgi Jonsson. Wirklich. Danke.

Der Hinweg ist schön: Drei Kerls, ein Auto und drei Bier. Also jeder eins. Über die B27 Richtung Geburtsstadt. Tübingen ist eh schön, wir laufen nämlich an einem Fluss entlang, überlegen uns, ob wir fit genug sind drüber zu springen und verwerfen das Ganze wieder. Außerdem gibt’s Disco-Dogs dort, jaja. Hunde mit Neonknicklichtern um den Kopf. Gut fürs Herrchen, für das Tier bestimmt nicht unnervig. Ach ja: Schön ist sie, die Dänentina. Und wahnsinnig toll singen kann sie auch. Eigentlich ist ihre Stimme ein eigenes Instrument. Vor allem, weil bei der Akustik-Tour nur Gitarre, Klavier und Posaune zu hören sind. Und der Helgi Jonsson ist auch toll. Der kommt aber erst nach ein paar Songs auf die Bühne.

So richtige Fans hab ich ja noch nie verstehen können. Also die, die sich so aufopfern für Musiker oder Bands oder Filmstars. So richtig mit kreischen und hinterherreisen und alles. Ein bisschen halt, aber voll und ganz? Check ich nicht. Ist doch eh alles eins. Klar, dass die Musik für einen geschrieben wurde. Muss zwar jeder selber wissen, ich aber weiß es nicht. Bei Tina Dico ist das anders. Wenn die ne Autopanne in der Pampa hätte, würde ich ihr nicht helfen. Trau mich nicht. Einfach das Radio lauter und vorbei heizen. Und dann vergessen. Oder als Traum abtun. Wenn sie mir die Hand hinstreckt, lach ich peinlich berührt und geh dann weg. Trau mich nicht.

Da ist der Abstand zu ihr beim Konzert ganz hilfreich. Obwohl ich ganz hinten stehe und über die Köpfe der anderen Zuhörer schauen muss, bin ich mir sicher, sie hat hauptsächlich für mich gesungen. „Magie“ auf dem Konzert ist ja arg abgedroschen und trotzdem ist es das, was hier heute passiert. Tina singt wunderbare Songs, während Helgi meist den Begleitgesang übernimmt. Und mitinstrumentalisiert. Ich glaube, die machen nicht nur Musik, weil sie sich musikalisch so gut verstehen. Yeah! Beziehungsanalyse. Eigentlich hat sie mich vom ersten Ton, die Gänsehaut kommt aber mit „Warm Sand„. Und geht auch nicht mehr weg. Als wir dann alle „right here“ mit ihr singen, hätts auch brennen können, scheißegal. Starke Frau und starke Lieder. Die meisten sind arg melancholisch und manche auch traurig. Aber trotzdem blitzt immer ein Hoffnungsschimmer durch. Das tut gut, kann man immer gebrauchen.

Licht und Bühne sind unspektakulär, das Sudhaus ist trotzdem eine schöne Konzertlocation. Alte Brauerei eben, das Soziokulturelle Zentrum Sudhaus. Schön mal raketendicht Bruderschaft trinken und alles. Obwohl ausverkauft tritt mir niemand auf die Füße. Mitwippen und Biere durchprobieren ist also kein Problem. Tina hat ein rotes Kleid an, der Helgi ein Jackett. Und sie wohnt jetzt in Island. Da zieht jeder hin, grade. John Grant nämlich auch. Soso.

Helgi kann übrigens deutsch, hat jahrelang in Österreich gelebt. Er sagt, dass man „Infektionen und son Scheiß“ bekommen kann. Grad beim Tätowieren. Habs schon immer gewusst. Fäule. Außerdem wurde in einer Kritik geschrieben, dass da zwei kraftvolle weibliche Stimmen auf der Bühne stehen. Wo, weiß ich nicht mehr, Geschlechter werden aber sowieso überbewertet. Sie singen darüber, dass Stille laut ist und dass langsam gehen oft der schnellste Weg wohin ist. Und darüber, dass man obwohl man alles erträumte hat, trotzdem los will. Weisheit, du geile Sau!

Tja. Jetzt. Rum ist er, der objektive Bericht. Weiß eh nicht, was ich noch schreiben soll. Schön wars. Lieder aufzählen bringt nix, weiter rumheulen auch nicht. Ich will noch erwähnen, dass wenn die mal wieder in Stuttgart sind, jederzeit ein Platz hier auf der Couch frei ist. Und dass die meisten anderen Singer/Songwriter verschwinden können. Ist die Tina ja zwar eh nicht so wirklich, wirkt akustisch aber leicht so. Sonst steh‘ ich brüllend und im Unterhemd am Fenster und schmeiße meine Schlappen auf die anderen. Womöglich auch mit Gänsehaut.

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Foto: Steve Sonntag

3 Gedanken zu „TINA DICO, 08.03.2013, Sudhaus, Tübingen

  • 10. März 2013 um 09:45
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    Hey Steve,
    gelungener Einstand! Willkommen beim Blog :)

  • 10. März 2013 um 09:45
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    So war’s nämlich, jawoll. Ob das Publikum sie verdient hat, müssen wir leider im Raum stehen lassen. Da hätte ich gern ein paar Wurfschlappen gehabt. Gern auch das Unterhemd.

  • 10. März 2013 um 11:24
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    Drei Mann, ein Bier.
    Drei Mann, drei Bier.
    Ein Mann, drei Bier.
    Drei Mann in einem Boot auf dem Neckar, ohne Tina…

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