FRAKTUS, 02.02.2013, Karlstorbahnhof, Heidelberg

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Foto: Andreas Meinhardt

T.: Also, Lino, kannst du Dich daran erinnern, wann Du den ersten Fraktus-Moment in Deinem Leben hattest? Ich meine, so was vergisst man ja nicht. Größenordnung 1. Kuss, 1. Rausch, 2. Kuss.

L.: …oder die erste 3 im Zeugnis (erst im Gymi).
Muss ja zugeben, dass mir Fraktus erst durch den Film bekannt geworden sind. In den frühen 80ern war ich noch zu Beatles-fixiert, und dann kam der Metal. Du etwa schon früher?

T.: Einen Orden mit Smirkey kann ich mir sicher auch nicht an die Brust heften. Fraktus sind bei mir viel zu lange in Vergessenheit geraten. Aber ja, ich hatte einen Fraktus-Moment. Ca. 1991, damals war die Band ja praktisch komplett von der Bildfläche und aus den Geschichtsbüchern verschwunden. Im Keller von zwei befreundeten DJs und Musikproduzenten hat mir einer dieser Typen, heute ein gemachter Mann, Fraktus vorgespielt.

L.: Das Konzert hat, mehr noch als der Film, unterstrichen, wie weit vorne die Band damals gewesen sein muss. Man hat eine Ahnung davon bekommen. Der Sound, die Ästhetik, diese drei Musikgenies, jeder mit seiner ganz eigenen Art. Gab wohl keine Band, die dem damaligen deutschen Zeitgeist aus Atomkraft, Nato-Doppelbeschluss und überstandenem Deutschen Herbst eine so zwingende, nach Dystopie klingende musikalische Form gegeben haben. Da merkt man erst, dass der Proto-NDW von Fraktus wirklich der Beginn von allem war, was danach in der deutschen (und nicht nur in der) Pop-Musik relevant werden sollte.
Aber wie war denn dieser erste Fraktus-Moment?

T.: Ich war wie elektisiert. Ich hatte von Techno nicht die größte Ahnung, im Gegensatz zu, ich nenne ihn jetzt mal willkürlich „W“. W hat mir damals eingetrichtert: „Egal was die Leute 2013 sagen werden, Fraktus sind die Erfinder von Techno, basta!“ Amen! W hat auf dem 2. Turntable Afrika Bambaataa & Soul Sonic Force laufen lassen, diese völlig konträhreren Stile gemixt, ich hab nur gedacht: Ich glaub mein Hamster bohnert.

L.: Kann ich mir vorstellen. Aber nun zum Live-Auftritt. Um halb zehn ging es ja los, mit dem Intro der Doku „Fraktus“, und dann kamen die drei auch schon. Eine mystische Aura, unterstrichen durch die futuristische Helmbeleuchtung. Schade, dass die bei Thorsten Bage nicht funktioniert hat, den das sichtlich genervt hat. Aber Vollprofis! Danach kamen gleich die gnadenlosen Beats, die unheilschwangeren Vocals.

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T.: Mir ist’s auch heiß/kalt den Rücken runter gelaufen, als diese geballte Ladung Musikhistorie auf die Bühne kam. Außerdem war ich alles andere als nüchtern (7353=057). Mein erster Gedanke zu den Helmen war ja: DAFT PUNK! Die haben also auch nicht nur den Musikstil 1:1 von Fraktus geklaut. Weil Fraktus ja lange im Untergrund waren, ging’s logischer Weise mit selbigem los. „Untergrund“ – die besten, härtesten und rundesten Beats aller Zeiten.

L.: Mein musikalischer Favourite war ja „Pogomania“. Unheilvoll, düster! Aber eigentlich haben alle Stücke funktioniert. Ob die avantgardistischeren mit Bernd Wand am Gesang, oder die auf die Tanzfläche schielenden Stücke, bei denen Thorsten Bage das Zepter übernahm. Sehr gut, wie sie auch immer die Stücke eingeleitet haben. Am besten die Erzählung Bernd Wands über das Reisig-Weib im Heidelberger Münster. Die Mannschaft hinter dem Mischpult und Bage haben sich dabei schlappgelacht. Das muss der Mann mit der weichen Hüfte sich an Ort und Stelle ausgedacht haben.
Interessant auch zu beobachten, wie die gegenseitigen Animositäten der Bandmitglieder (Bage zu Dickie: „keinen geraden Satz kriegst Du heraus!“) im Laufe des Abends schwankten, und sich ständig neue Koalitionen bildeten.

T.: Ich könnte mich gar nicht entscheiden welche dieser Techno-Hymnen für mich die Beste war. Ich käme mir schmutzig vor, blasphemisch. Ein Kritikpunkt: Der selbsternannte „Riemige Esel im Gestüt der Leidenschaft“, aka Thorsten Bage. Er war schon in den 80ern der Hooligan der Band, immer die größte Fresse, ein Typ der seine Grenzen ständig ausloten muss, und gerne mal weit über’s Ziel hinaus schießt. Sein neuer Spleen, die Pfeife oder Flöte oder was weiß ich was das genau ist, die hat also teilweise schon genervt. Zumal ein Hans Dampf wie er offenbar zu viel von selbigem hat, und er schon mal an den richtigen Tönen vorbeipfeift/flötet. Die von Dir erwähnten wechselnden Anfeindungen machen ja auch den Reiz der Fraktus Show aus. Techno, aber trotzdem Rock n‘ Roll, nicht nur XTC und Friede Freude Haschischkuchen, nein auch Schnaps Bier und Prügel. So was wird erwartet, und Gott sei Dank immer noch geliefert.

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L.: Und wenn wir schon am Bashen des Königs von Ibizas sind. Was hat es mit seinen ständigen, ausufernden Tanzeinlagen auf sich gehabt? Kommt das von diesen Drops, die es beim Merch zu kaufen gab?
Aber stimmt schon, schwach war nix. Stark die Animationen im Fantasy-Style mit den geflügelten Pferden. Stark wie Bernd mit seiner Peitsche das Schlagblech bearbeitete. Stark die klare Abgrenzung gegen Krieg in „Bombenalarm“, das wünscht man sich auch mal von anderen Bands, dass sie einfach mal „Nein!“ zum Krieg sagen. Aber sowas können eben nur Fraktus. Toll auch noch die Kapitalismuskritik mit dem Anruf bei Ackermann.

T.: Zum Glück muss man aus jetziger Sicht sagen, warst Du gesundheitlich angeschlagen, und hast Dir im Gegensatz zu mir die von Dir erwähnten „Drops“ nicht reingehauen wie Popcorn, und konntest offenbar jedes Details der Show aufsaugen wie ein Schwamm. Ich war ja voll am raven, habe aber die von Dir erwähnten choreographischen Glanzleistungen und Visuals eingeschränkt wahrnehmen können. Bage wieder – man konnte ganz klar den Alpha-Raver in ihm erkennen, kein Wunder, dass er im Gegensatz zu Wand und Schubert in seiner Mulit-Millionen Finka in Spanien residiert, und von seiner Musik auch in der Phase des „Untergrund“ mehr als gut leben konnte. Der Typ hat’s einfach im Blut, er ist der James Brown des Techno, der Mick Jagger des Euro-Dance. Was auch nicht allen Lesern bekannt sein dürfte: Wand hat mit seinen bahnbrechenden Erfindungen im Bereich von Alltagsgegenstände=Musikinstrumente den Weg geebnet für „Industrial“ im Bereich Metal. Nine Inch Nails, Ministry – undenkbar ohne den Grenzgänger Wand. Die Lorbeeren gingen zwar trotzdem an Deutschland, aber ich finde die Neubauten könnten langsam mal zugeben, wer die Idee zuerst hatte.

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L.: Da hast Du Recht. Wird jetzt trotzdem Zeit den Fuchs abzuschießen, und zum Ende zu kommen. Nach 90 Minuten gab es als Zugabe ein acapella cover von Computerfreak. Überhaupt hatte man öfters mal den Eindruck, dass der Fraktus-Humor denen von so Leuten wie Heinz Strunk, Rocko Schamoni oder auch Jacques Palminger sehr ähnelt. Aber gut, Brunsbüttel, das ist in der Nähe Hamburgs. Da ist der Humor halt so. Auf jeden Fall waren alle begeistert über das Konzert. Die Musikszene ist froh über das Comeback, und wir beim nächsten gig wieder dabei.

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