CLUTCH, 26.01.2013, Universum, Stuttgart

Clutch

Foto: Christian Nuglisch

Gottseidank hab‘ ich’s nicht so mit dem Glücksspiel. Ich Trottel hätte brühwarm meine Heizung verwettet, dass sich bei bei Clutch im Universum grob über den Daumen höchstens 150 Typen – sympathisch, mit Vollbart, Karohemd, Truckermütze und keiner Frau – die Beine in den Bauch stehen. „Arschgeleckt“ (B. Labbadia): Ausverkauft. Samstagabend gibt’s funky Stonerrock mit viel fremder Körperwärme. Ist ja auch was wert im bitterkalten Winter.

Was die Frauensache angeht: Es gibt viele von denen, die bei der Erwähnung des Wortes „Clutch“ am Rande der Ekstase balancieren oder gleich vollkommen durchdrehen. Die meinen im Regelfall allerdings meistens Handtaschen, nicht Neil Fallon und seine Freunde aus lolroflhihi Germantown/Maryland. Denen wiederum scheint derzeit wirklich die Sonne aus der Hosentasche.

Im März erscheint „Earth Rocker“, die zehnte Platte des US-Quartetts, fast die komplette Europatour ist ausverkauft und aus der Band, die jeder früher mal hörte, wurde fast klammheimlich eine, die gerade scheinbar jeder hören will. Nicht zu vergessen: in der Serie „The Walking Dead“ wurden allerlei Zombies fachmännisch niedergestreckt, während „The Regulator“ von Clutch im Hintergrund lief.  Zusatzpunkte: Zum Oeuvre des Quartetts gehören mindestens drei Hände voll Lieder, in denen es prinzipiell lediglich um den Tatbestand des Rockens geht.

Auch toll: Je nach Tagesform gibt’s Samstagabends nix wesentlich Wichtigeres, als ordentlich rumzurocken. Wie das nur der Zufall hinbekommt: Es ist Samstag und Clutch sind eine sackegute Rock’n’Roll-Band. Deswegen plänkeln die auch nicht lange doof durch die Gegend.

„The Mob Goes Wild“. Ein Lied, wie man das wahrscheinlich nur einmal im Leben schreibt, mit unwiderstehlichen Hüften und mindestens ebensolchen Schwung. „Please allow, me to adjust my pants, So that i may dance the good time dance“, klare Ansage: nochmal Hose zurechtzubbeln und dann rocken wie ein Hurricane. Durchdrehen  geht natürlich auch. Denn das Lied ist ein Knaller, furios und doch so simpel. Und Hand auf die Hose, Brüder und Schwestern: wenn der Spaß am größten ist, ist der Kopf meist ausgeschaltet.

Ich für meinen Teil bin so erregt, dass ich gleich mal schief, aber umso nachdrücklicher mitsinge „Condoleca Rice is nice, But I prefer A-Roni“, obwohl ich bislang gar nicht wusste, was „A-Roni“ bitteschön sein soll. Schnelle Recherche: Rice-A-Roni ist eine Reisfertigmischung, auch als Pasta erhältlich. Wieder was gelernt, mehr als bei jeder College-Rock-Band.

Bumsfallera oléolé, es geht gleich weiter mit „50 000 Unstoppable Watts“ und „Mice and Gods“. Du liebe Güte, so geht also „noch einen draufsetzen“. Wer Arme hat, reckt sie in die muffige Luft – wer kann, singt mit. „Fire it up, fire it up, fire it up yeah that’s the ticket now kick out the jams. Engineer the future now. Damn tomorrow, future now!“ Genau: Zukunft, jetzt. So geht das. Samstagabend wird geübt, ab Montag läuft der Stunt dann in Echtzeit. Schwöre.

„Burning Beard“, ist ebenfalls ein echtes Kabinettstück: Irrwitziger Rhythmus, ordentlich Bums und Neil Fallon singt und gestikuliert sich allmählich in einen wahren Rausch. Ein bisschen wie ein irrer Prediger, der Menschen in seinem Keller foltert, um sie zu Gott zu führen. Äh, Beachtlich auch, dass er seinen Kaugummi beim Singen nicht verliert. Mir fällt Essen oft aus dem Mund, wenn ich beim Kauen rede. Der Mann singt sogar und grinst derart sympathisch, dass man ihn einfach herzhaft auf die Schulter klopfen und „Bro“ zu ihm sagen möchte. Ich glaube, er foltert niemanden im Keller.

Hark, die Supportband aus Wales habe ich leider ziemlich verpasst. Die haben früher angefangen als Vorabendserien. Ein Voivod-T-Shirt und zwei Lieder später, war klar: Ich Depp hätte früher aus dem Haus gehen sollen. Wuchtiger Doom-Metal war das.

Clutch

Foto: Christian Nuglisch

Mindestens so pfundig: „Earth Rocker“ von der kommenden Platte. Kurz, knackig und immer schön der Nase nach. In den fantastischen Momenten vermitteln Clutch den Eindruck, es gäbe tatsächlich etwas Echtes und es wäre unbedingt notwendig, sich auch darauf einzulassen. Was auch immer das sein und wozu es auch immer gut sein mag. Bis dahin reicht ihr Rock’n’Roll.

„Power Player“ ist so ein Moment. JP Gastier spielt sein Schlagzeug mit unverschämter Lässigkeit, als würde er eigentlich auf der Couch sitzen und Neil Fallon gibt dazu die harte Mischung aus Jello Biafra, Dick Valentine von Electric Six und eben diesem irren Prediger aus dem Mittleren Westen der USA. Sagenhaft. Bravo. Und wenn alle längst stehen, gibt’s nun mal nichts außer Standing Ovations. Ansonsten gäbe es aber kaum einen besseren Zeitpunkt dafür.  Ich überlege mir „JP, ich will ein Kind von Dir!“ zu rufen, lasse es aber lieber. Ich hätte keinen Plan B, falls er „Okee!“ sagen würde.

Gitarrist Tim Sult ist ebenfalls der Kracher. Zu Beginn des Konzerts klappte er das Kinn auf die Brust und seitdem spielt er eben Gitarre und schunkelt mit sich selbst um die Wette. Wenn er dann mal aufschaut, wirkt’s als ob ihn irgendjemand beim rumgrooven gestört hätte. Toller Kerl. Apropos: „Electric Worry“, tolles Lied. Denn auch den Blues spielen Clutch mit der Lässigkeit von ein paar Typen, die auf der Veranda hocken und nebenbei acht bis 15 Bierchen zischen. ZZ Top würden Clutch da den Gutfind-Daumen geben.

Alle Anwesenden im Universum haben das längst getan. Überall wird gegrinst, Arme hochgerissen, geschunkelt und Textfetzen gebrüllt. Zwei Jungs vor der Bühne drehen schon komplett durch: Abwechselnd highfiven, umarmen und halten sie sich an den Händen und schreien „Yeah, Jaa, Jaahhh!!“. Zwischendrin fotografieren sie sich gegenseitig. Abendmahl im Jungshimmel. Mehr Ekstase gibt’s höchstens bei „Bonnie In Clyde“ oder vielleicht „Brokeback Mountain“. Äh, huch, Faden verloren.

Clutch

Foto: Christian Nuglisch

Ja, genau: „Profits Of Doom“ ist aber auch Rockerotik ohne Wenn und Aber. „The Regulator“ gibt’s dieses Mal ohne tote Zombies, dafür aber mit umso mehr gutem und sauberem Spaß. Wie gemacht, um mit vorgehaltener Wasserpistole eine Tankstelle zu überfallen, nur Schokoriegel einzupacken und dann doch wieder zurückkommen, bezahlen und sagen: „‚Schuldigung, war nicht so gemeint.“

Nach „Pure Rock Fury“ ist dann Schluss. Ein letztes Mal noch spielen Clutch ihren Rock’n’Roll, wie nur Männer mit Eheringen das tun können. Da wird kein Ton verschwendet, da wird nicht falsch rumgegockelt. Eine Band wie ein Vollbart. Die Liebe, die ihnen entgegenschlägt auch. So was passiert schließlich nicht von heute auf Morgen. Das muss man sich verdienen. Clutch haben das. Darauf verwette ich meine Heizung.

Clutch

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