DISPATCH, 25.01.2013, LKA Longhorn, Stuttgart

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Foto: Heike Pannen

„Mein Gott ist DAS GEIL!“, „Funky-fucking-Reggae!“, „Gleich piss ich mich voll!“, “Go for it – gebt’s uns!“: Konzertreaktionen auf dem Höhepunkt. Und ja – nachvollziehbar. Irgendwie taumelt alles, irgendwie feiert alles, irgendwie liebt sich alles. Der ganze Saal ist wie in Trance, auch ich. Normal, ist das nicht. Schon gar nicht, wenn man über 40 ist und eigentlich schon so ziemlich fast alles gehört und erlebt zu haben meint. Aber Dispatch ist eben eine der coolsten Bands der Welt, und heute sind sie erstmals hier in Stuttgart, hier im LKA.

2004 wollten sie nicht mehr, die drei Indie-Rock-Ikonen: Chad Stokes (Vocals, Gitarre, Bass), Brad Corrigan (Vocals, Drums, Gitarre) und Pete Francis (Vocals, Gitarre, Bass). FunkRockReggae-Götter mit subtil, subversiv politischem Anspruch. Musikalisch ein verspieltes Dream-Team auf der Bühne, das ohne viel elektronischen Schnick-Schnack auskommt. Eigenwillig, unangepasst und bemüht Worten Taten folgen zu lassen. Man glaubt ihnen einfach, dass sie die Welt verbessern wollen. Aber seit ihrer Gründung 1996 hatten sie sich auseinander gelebt. Ein Meilenstein war dann sicher ihr Charity-Konzert für Simbabwe. Durch persönliche Erfahrungen und Kontakte in Afrika motiviert, fanden sie sich dafür wieder zusammen und wollten eigentlich nur einen Gig im Madison Square Garden New York spielen. Es wurden drei daraus. Ihre weltweite Fan-Gemeinde ist echt stark. Man glaubt Dispatch, dass sie sich für die Fans wieder zusammen rauften und nicht zum Zwecke der Erwirtschaftung irgendwelcher Alimente. Seit letztem Jahr sind sie sogar gemeinsam auf Europa-Tournee, um auch hier den Fans etwas zurückzugeben. Mit „Circles around the Sun“ haben sie auch endlich ein neues Album.

Als Vorgruppe spielen die Kongos aus Südafrika. Auch sehr cool. Überraschend schnell zieht das Publikum mit. Spätestens als ihr T-Shirt-Verkäufer Mozart (ich denk ich hab den Namen richtig verstanden) zum Sprechgesang mit auf die Bühne kommt. Die können wahrlich auch was und ich denk, von denen wird man noch viel hören.

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Foto: Heike Pannen

Dispatch hatte vor dem Auftritt im LKA in Stuttgart wohl noch einen weiteren, ganz kleinen Gig geplant, im Plattencafé Ratzer Records. Wegen einer Autopanne, erzählt die Band, kamen sie zu spät und konnten kaum was spielen. Sympathisch, dass sie sich dafür entschuldigen und die wenigen Fans die zu Ratzer Records kamen, kurzerhand ins LKA eingeladen haben. Überhaupt glaubt man den drei jedes Wort und jede Geste. Von Anfang an singen die Fans mit und folgen frenetisch dem Motto: „Peace, Love, Unity!“

Dieser erfrischend verspielte Rock-Reggae-Sound, ist aber auch einfach zum verlieben. Alle Bandmitglieder sind total gleichberechtigt, wechseln untereinander die Instrumente und jammen, dass die Boxen beben. Mein Lieblingssong „Broken American“ wird in einer atemberaubenden Maxi-Version gespielt: für so was geht man auf Konzerte!

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Foto: Heike Pannen

Die Grenzen zwischen den Improvisationen und den Orginalstücken sind fließend. Man erkennt immer die Urform, aber ich sag mal bei Dispatch, ist jede Live-Version ein eigenes Kunstwerk. Über allem steht diese Lebensfreude, selbst wenn die Texte melancholisch sind. Dispatch erzählen in ihren Liedern gern auch mal sehr traurige Geschichten. Songs wie „Flying Horses“ leben von dem Kontrast zwischen heiterer Musik und tieftraurigem Text. Das sind echte Gedichte:

“The river of doubt gave birth to a beautiful stone
and in my hands I held it and I knew I was on my own”

Da gilt der alte Grönemeyer Satz: „Lache, wenn es zum Weinen nicht reicht!“ Dispatch kann solche Momente der Melancholie halten, geradezu ausreizen, nur um einen dann gleich wieder hoch zu reißen, höher als zuvor. Achterbahn mit Mundharmonika-Begleitung und immer wieder Reggae-Rausch. Bob Marley hätte seine Freude daran gehabt.

Die teils von sehr weit angereisten Fans sind glücklich. Das LKA ist seinem Ruf Außergewöhnliches zu bieten mal wieder gerecht geworden. Und ich fühl mich endlich mal – nicht mehr über 40. Musik soll ja jung halten. Zu Dispatch werde ich also allein aus gesundheitlichen Gründen jederzeit wieder gehen.

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Foto: Heike Pannen

4 Gedanken zu „DISPATCH, 25.01.2013, LKA Longhorn, Stuttgart

  • 27. Januar 2013 um 17:14
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    Argh! Das ist doch mein Genre! Wie konnte es sein, dass ich diese Band überhaupt nicht kenne, erst durch diesen tollen Beitrag kennenlerne – und mich jetzt ärgern muss, dass ich nicht dabei war. Na, dann sehen wir uns sicher bei State Radio…

  • 28. Januar 2013 um 13:45
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    Es war mein erstes Dispatch Konzert. Ich kannte keinen einzigen Song. Und was soll ich sagen…..es war unbeschreiblich grandios!!! Dem Blog stimme ich zu 100 % zu. Er beschreibt exakt das Wohlfühlgefühl auf diesem Konzert. Und dass die Bandmitglieder super nett sind, kommt als i-Tüpfelchen noch dazu. :-))
    Die Kongos waren ebenfalls klasse!! Musikalisch und persönlich.
    Zu beiden Bands werde ich auf jeden Fall wieder gehen, wenn sie mal wieder in die Gegend kommen.
    :-)))

  • 29. Januar 2013 um 07:18
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    War wirklich ein unglaubliches Konzert! Ich zehre noch immer davon. Freut uns, wenn die Bilder und der Artikel die Stimmung gut wieder geben.

  • 29. Januar 2013 um 09:04
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    Hi Felix,
    danke für den spannenden Bericht. Habe von der Band auch noch nie etwas gehört. Klingt interessant was Dispatch abliefert. Werde da auf alle Fälle mal reinhören.

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