CANDELILLA, DIE NERVEN, 25.01.2013, Merlin, Stuttgart

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Foto: Christoph Hoyer

Heute wird das Pop Freaks Festival im Merlin mal kurz zum Punk Freaks Festival oder so umfunktioniert. Wo sonst schräge, aber auch zum Autofahren einigermaßen hörbare Acts auftreten, herrscht diesmal das Gekloppe.

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Foto: Christoph Hoyer

Den Anfang dieses vielversprechenden Schrammelabends machen die blutjungen Esslinger von Die Nerven, die im September letzten Jahres mit dem wohl weltweit besten Lana Del Rey-Cover der ganzen Welt das erste Mal auf sich aufmerksam machten. Das war aber längst nicht alles: Das von vielen Kritikern gefeierte Album Fluidum schrubbten und improvisierten die drei in zwei Tagen herunter. Gitarrist und Sänger Max Rieger, vielleicht dem lokalen Musik-Geek auch von dem ebenfalls prima Projekt Die Selektion  bekannt, mischte und masterte das Ding dann auch noch selber. Garagiger geht’s wohl kaum noch.

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Foto: Christoph Hoyer

Und so rotzen Die Nerven dann auch den Gig hin. Obwohl die drei manchmal, jetzt rein äußerlich, an eine Schülerband erinnern, ist das das krasseste, kompromissloseste und sperrigste Konzert, das das Merlin seit langem gesehen haben dürfte. Noch mehr Adjektive: Beklemmend, verstörend. Ein-Satz-Endlos-Wiederhol-Songs. Irgendwie total geil. Da kann man jetzt voll popkulturell spekulieren: ist das das Portrait einer Generation zwischen Langeweile,

Du bleibst einfach hier, rührst dich nicht – (aus „Haut & Knochen“)

Was war nochmal gestern, und was wird morgen sein? (aus „Irgendwann wird morgen sein“)

dauerhafter Medienbeschallung,

Die Stille ist zu laut, ich bin unersättlich (aus „Unersättlich“)

und dem Gefühl der totalen Vorbestimmung ihrer Leben?

Wieso soll ich schwimmen, wenn ich auch treiben kann? (aus „Der letzte Tanzende“)

Ich folge einer Linie bis in den Tod (aus „Bald“).

Nein, würden Die Nerven vermutlich sagen, wir singen doch einfach nur über uns selbst. Und genau das ist auch heute auf der Bühne zu spüren: da sind drei, die das machen und sagen schreien, was sie denken. Und deshalb auch total beim Publikum verkacken, als Sänger Max nach circa drei Minuten (=drei Songs) den Mischer zur Sau macht („Du Idiot“). Der Anschiss wird vom Publikum dann auch eher unterschiedlich gut angenommen. Da bleibt der Applaus halt mal drei Lieder aus.

Trotzdem werden die sperrigen Nerven völlig zu recht selbst von der altehrwürdigen Zeit als potenzielle Newcomer für 2013 gehandelt. Na gut, Zeit Online. Die sind ja schon etwas weiter vorne dabei, gebe ich zu, und der Tonträger-Blog ist auch einer meiner liebsten.

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Foto: Christoph Hoyer

Für die, die es bis hierhin noch nicht gemerkt hatten: Okay, ich war wegen der Vorband da, voll ungerecht und -vorbereitet kenne ich den Mainact Candelilla erst seit jetzt. Die ebenfalls in einem Stuttgarter Vorort (S-München) ansässige Band lerne ich noch vor dem Auftritt der Nerven persönlich an der Bar kennen: Eine kleine blonde Frau, die ich bei der Vorbereitung auf das Konzert schon mal in einem Video gesehen hatte, fragt den Barkeeper freundlich, ob sie denn eine Flasche Schnaps haben könnte. Ja, Wodka. Da haben Candelilla schon mal Eindruck mit geschunden bei mir.

Auf der Bühne liefern die vier dann auch eine mächtig wütende Performance ab, die wunderbar zu der der Nerven passt. Irritierend: Die Candelilla haben keine Namen für ihre Lieder, sondern Nummern. Extrem anstrengend also für Menschen, die mit Mühe ihre eigene Telefonnummer auf die Kette kriegen, sich da was zu merken zum hervorheben. Erinnert mich irgendwie an das Köchelverzeichnis. Gemerkt: 23/33 und 30. Glaub es waren aber auch 27 und 29 im Spiel. Musikalisch machen Candelilla so was zwischen Punk und verschrobenem Power Pop, auf Englisch und Deutsch wie Ja, Panik, aber viel gröber, mit Schreien und Punkrock und trotzdem feinen Songwriting. Das findet das wie immer kritische Merlin-Publikum auch entsprechend ansprechend.

Fies aber gerecht denkende Menschen jedenfalls, und dies ist ein Beitrag des Gig-Blogs zur Macho-Debatte, würden Rainer Brüderle & Kompanie wünschen, dass sie mal um 3 Uhr morgens an der Bar eine der Candelillas blöd anlabern. Bämm, dann wär da schon mal Ruhe.

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Foto: Christoph Hoyer

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2 Gedanken zu „CANDELILLA, DIE NERVEN, 25.01.2013, Merlin, Stuttgart

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