BROCKDORFF KLANG LABOR, 18.01.2013, Merlin, Stuttgart

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Foto: Christoph Hoyer

Wie gut vertragen sich Protest und Party? Kommt drauf an: Frag einen Punk-Fan, und er wird beides für dasselbe halten. Frag einen Techno-Head, und er wird sich angewidert abwenden. Und die gesamte Popmusikbranche ist sowieso eher auf dem reinen Partytrip, ohne groß Aussagen zu postulieren, die über Drogen, Tanzen und Knutschen hinausgehen. Liegt vielleicht daran, dass die meisten Leute gerade deshalb auf Partys gehen, um eben nicht mehr an den ganzen Mist zu denken, der so abgeht.

Klar, alles total pauschale Aussagen. Und deshalb gibt es ja auch mehr als genug Ausnahmen. Zum Beispiel die drei sympathischen Leipziger von Brockdorff Klang Labor, die am Freitag im gut gefüllten Merlin einen gefühlt zehnstündigen Auftritt hingelegt haben. Die nämlich bekommen das hin, zum einen gut tanzbare Stücke zu machen, die Partykomponente also völlig auf dem Schirm haben, dabei aber trotzdem mit allerlei politischen, historischen oder philosophischen Referenzen zu spielen. Heraus kommt ein surreales und ziemliches dadaistisches Casio-Techno-Universum.

Ich nahm einen Gin, dachte «Trink!», sagte «Stirb!»

Kann man mal so sagen.

Das neue Album heißt „Die Fälschung der Welt“ und ich finde es fast so gut wie das erste, auf dem sich mit Frohe Schritte auch ein fieser Ohrwurm befindet. Beim Gig im Rahmen des Pop Freaks Festivals spielen die mit der Soundmischung enorm unzufriedenen BKL aber eigentlich alle Lieder, die sie haben. Ausflüge aus dem Dada-Universum gibt es bei dem ziemlich konkreten Protestsong Festung Europa  und dem Wendelied 1989, das das einzige mir bekannte Lied ist, in dem die letzte in der DDR geborene Generation ihre Situation damals thematisiert.

Aber ehrlich gesagt habe ich im Merlin gar nicht so auf die Texte geachtet, weil ich mir Brockdorff Klang Labor auch einfach so ganz gut anschauen und anhören kann: Ein bisschen schräger dreistimmiger Gesang, ein bisschen Techno-Bässe und Elektrospielereien, ein bisschen Gitarre, viele gute Songs und drei irgendwie verschrobene Charakterköpfe. Das ist einfach schön zu wissen, dass da noch Leute sind die sich irgendwie für die Gesamtsituation interessieren, und auch dass feiern und protestieren so gut zusammen geht. Das sollten ganz dringend wieder mehr Bands auch im Mainstream-Pop beherzigen, s.g. Indiebands ja sowieso.

Noch ein Wort zum Merlin: Sorry, aber diese Musik muss man echt viel lauter hören, Nachbarn hin oder her. So mit richtig Wumms, Bummtschakk, etc.

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