HATEBREED, AGNOSTIC FRONT, H2O, STICK TO YOUR GUNS, 17.01.2013, LKA, Stuttgart

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Foto: Sue Real

The Acacia Strain = Krach mit Verachtung
Neaera = Krach mit Aggression
Stick To Your Guns = Krach mit Demagogie
H2O = Krach mit Gewalt
Agnostic Front = Krach mit Sozialdarvinismus
Hatebreed = Krach mit Hass

So, nachdem jetzt alle „Erwachsenenˮ aufgehört haben zu lesen, können die anderen sich ja dem Artikel widmen.

Zugegebenermaßen skippen wir die ersten zwei Bands, weil wir so früh gar nicht von der bezahlten zur musikalischen Arbeit kommen (was ich auf dem letzten Konzert von Neaera gehalten habe, steht hier). Nach einem kurzen Happen auf dem Weg zum LKA und nachdem wir uns dann durch die Heerscharen von Leuten vor der Tür und durch die Heerscharen hinter der Tür gequetscht haben, geht es mit Stick To Your Guns gleich los.

Den Namen der Band finde ich ja etwas kritisch, und leider kann ich nicht herausfinden, ob sie ihn metaphorisch, ironisch oder wörtlich verstanden wissen wollen – letzteres ist bei Amerikanern dieser Tage leider recht(s) verbreitet. Mir wäre es indes lieber, gemeint wäre damit lediglich ein Sich-selbst-treu-bleiben, wie Sänger Jesse Barnetts Ansagen andeuten.

Die Texte beinhalten oftmals sozial- und politikkrit[i]sche Aspekte und fordern die Hörer zum genaueren Nachdenken über ihr soziales Umfeld auf.

heißt es auf Wikipedia. Solche Kritik in Musik und Kunst auszudrücken hat gute Tradition und ist nicht erst eine Erfindung von Punk oder Hardcore-Punk. Selbst August Heinrich Hoffman von Fallersleben wurde – wohl auch wegen des Textes unserer heutigen Nationalhymne – als sogenannter Demagoge verfolgt, falls sich daran jemand aus dem Geschichteunterricht erinnern kann. Schon in der Romantik gab es also beispielsweise sozial- und politikkritische Lieder und Lyrics.

Dass sich Jugendliche auch in ihrer Kunst mit den Problemen unserer Welt auseinandersetzt oder über die Musik an diese Probleme herangeführt wird, ist gut, und dass diese Musik und Kunst eine wütende ist, wohl kein Wunder. Doch genau wie sich aus den liberalen Positionen des 19. Jahrhunderts sowohl die sozialen linken als auch die teilweise sozialdarwinistischen rechten Positionen unserer Parteien entwickelt haben, muss man auch hier sehr aufpassen, welche Art von Sozial- und Politikkritik einem aufgetischt wird: Wird von diesen Bands beispielsweise Kritik daran geübt, dass ein System wie das amerikanische die Umverteilung nach oben betreibt, oder daran, dass es das hart verdiente Geld der einen an die faulen anderen verschenkt, damit diese weiter faul bleiben können.

Dies ist nicht der Ort, um diese politischen Ansichten zu sezieren, doch sollte man sich – und diese normative Formulierung erlaube ich mir – als Hörer (und Leser), welcher sich durch Musik zu kritischem Denken anregen lässt oder lassen will, auch kritisch mit den Positionen auseinandersetzen, welche einem da vorgesetzt werden. Aufmerksam machen möchte ich da auszugsweise auf jene bei Agnostic Front aus Interview-Aussagen herauszuhörende Homophobie. Auch was die sozialstaatliche Unterstützung Bedürftiger angeht, haben sie sich schon problematisch geäußert, wie man aus jenem von Peter Steele für die Band geschriebenen Text zu „Public Assistanceˮ (1986) herauslesen kann. Später trat Peter Steele bei Type O Negative das nämliche Thema auch noch in „Der Untermenschˮ (1991) breit, nur um sich den Rest seines Lebens von dem Text oder zumindest seiner naheliegenden Interpretation zu distanzieren: denn natürlich sei alles missverstanden worden. Vielleicht ist dem so, vielleicht haben diese Musiker ihre Ansichten auch unterdessen gewandelt – beides kann ich natürlich nicht überprüfen, und überdies ist Freiheit ja bekanntlich immer die Freiheit des Andersdenkenden, wie Rosa Luxemburg feststellte. Wenn nun auch das Publikum sich die wichtige, gar notwendige Freiheit einer eigenen Meinung nimmt, muss es eben darauf achten, von wem es sich diese wie bilden lässt.

Foto: Sue Real

Gut, dass der Krach von Politik nicht zu trennen ist, wissen wir jetzt ebenso, wie dass er nie davon zu trennen war. Aber Krach und Politik schweißen die Menschen ja auch zusammen. Und ganz so geht es in dieser Szene und auf diesem Konzert in deutlicher Weise um Zusammenhalt und Gemeinschaftsgefühl wie dieselben Musiker auf der Bühne (Jesse Barnett, Stick To Your Guns) oder im RockHard-Interview (Roger Miret, Agnostic Front) betonen: Wichtig sei es, dass man als Mensch richtig verstanden und akzeptiert werde. Viele der wütenden jungen Männer und Frauen im Publikum werden die Erfahrung gemacht haben, dass auf sie gerade nicht so reagiert wird. Hier, wo sie verstanden werden und die Anerkennung bekommen, hier unter ihresgleichen können sie die ganze aufgestaute Wut in der Musik kanalisieren.

Und wenn auch keine der Bands musikalisch Außergewöhnliches leistet und sich – bei individuellen stilistischen Abweichungen – auf ein Arsenal gemeinsamer Mittel stützt, bieten sie doch ein Ventil für Teenage Angst und andere negative Emotionen, welche sich die Besucher hier vielkehlig von der Seele schreien. Eine von Wut ins Extrem gepeitschte Stimme hört man dementsprechend auch von jeder Band. Und sind es bei Stick To Your Guns auf Platte manchmal auch noch melodische Refrains, die poppig anmuten wie bei Bring Me The Horizon, so bleibt hier nur der Druck nach vorne, die extrem verzerrte Gitarre, das Brüllen des Sängers. Auch wenn Hardcore insgesamt die Grundstimmung der Musik und Mentalität des Abends bildet, zeigen Agnostic Front und Hatebreed deutliche und wenig melodische Metal-Anleihen.

Die einzige Band, die wirklich noch sehr melodisch daher kommt, ist H2O, mit ihrem tatsächlich mehr punkigen als hardcoreigen Gitarrensound und den Mitsingmelodien wie bei „Nothing To Proveˮ (siebter Song in diesem unterhaltsamen Live-Mitschnitt). Mitgesungen wird der Text dann ja auch von allen – kein Wunder, ist er doch so eine Art Hymne, welche das Gemeinschaftsgefühl einer solchen Halle voller Misfits perfekt auf den Punkt bringt:

Me and all my friends we got nothing to prove, nothing to lose!

Klar, nach all den Anfechtungen in der sozialen Kälte da draußen, in der Schule, in der Familie, im Job, ist das hier wahr: nicht zu beweisen. Da fehlt ja nur noch „5 Year Planˮ:

My friends look out for me like family

Vorne pressen sich die Leiber ineinander, oben purzeln sie drüber, dahinter verkeilen sie sich in irgendeiner Form von Pit. Hinten bekommen die über 30-Jährigen von Sänger Toby Morse ihr Fett weg, weil sie „2 cool 4 schoolˮ seinen und – namentlich – bei „Family Treeˮ nicht ordentlich mitsingen. Das Gemeinschaftsgefühl ist nicht zu übersehen und zieht sich ja auch systematisch durch diese Szene mit ihren wechselseitigen Respektbekundungen und Tributen. So kommen die Agnostic Front-Musiker John Watson und Vinnie Stigma bei H2O und Hatebreeds Jamey Jasta bei Agnostic Front auf die Bühne und singen mit.

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Foto: Sue Real

Während draußen der Winter endlich mal seine kalten Fäuste ballt und den Parkplatz in ein Landschaftsgemälde von Caspar David Friedrich verwandelt, heizen hier drin Musik und Masse die Atmosphäre zunehmend auf, auch wenn das LKA nicht an den brodelnden Kessel herankommt, den man im oben verlinkten Live-Mitschnitt sieht. Als dann schließlich in den Umbaupausen die Tore des Hinterausganges geöffnet werden, um Instrumente und Equipment zu verladen, ist das Temperaturgefälle so groß, dass sich in der Luft der Halle Nebelschwaden bilden, wenn all der Schweiß kondensiert. Sieht ganz schön romantisch aus. Da könnten sich die Black Metal-Bands Show-mäßig echt noch was abschauen! Die Friedrich’sche Landschaft tritt sozusagen durchs Tor herein. Schön finde ich dann auch, dass während Hatebreed – als all diese Wut von der Bühne schallt – sich das wohlige Gemeinschaftsgefühl eines Pärchens in ganz heutigem Sinne romantisch darin ausdrückt, dass sie sich dicht aneinander schnuckeln und sie ihren Kopf auf seine Schulter legt. Bild und Soundtrack fallen da etwas auseinander …

Doch das ist er später. Jetzt kommen Agnostic Front. Für mich als Nicht-Fan auch nur irgendeiner der heute spielenden Bands, wird es nun interessanter. Die Musik wird schon etwas abwechslungsreicher und hat gewisse Metal-Anleihen, wie phasenweise ein Riffing, das man auch im Thrash Metal finden kann, ebenso die Stakkato-Snare, wie man sie aus dem Bay Area-Thrash kennt. Den Hauptunterschied zum Metal macht allerdings der Gesang. Auf Platte ist diese Band wesentlich punkiger als heute Abend. Der ganze Sound ist voller und heavier. Auch die Drums sind wesentlich prominenter gemischt als bei den vorausgegangenen Bands, sodass die Midtempo-Stücke durch die Halle stampfen und das Publikum weiterhin abgehen lassen, als ob es kein Morgen gäbe. Die Intensität steigert sich allerdings gegenüber H2O (ein Mal schafft es sogar ein Stagediver auf die Bühne) und wird das auch zu Hatebreed hin weiter tun. Den Musikern selbst bleibt ein mehr an Bewegung verwehrt, denn noch mehr ginge nur noch, indem man auf die Instrumente verzichtet: Wildeste Sprünge prägen hier so sehr das Bild wie im Metal das Haareschütteln.

Viel häufiger als man das von anderen Konzerten kennt, steigt hier der Sänger auch zum Publikum hinunter, singt auf der Absperrung stehend und hält den Leuten auch mal das Mikro hin. Das ist Musik(er) zum Anfassen. Und natürlich wird auch viel mitgesungen – allem voran bei „Gotta Goˮ und bei der Cover-Nummer, mit welcher sie das Set beenden, nämlich dem berühmten Ramones-Song „Blitzkrieg-Bopˮ.

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Foto: Sue Real

Bleiben am Schluss noch Hatebreed, die in jeder Hinsicht noch einen drauf setzen: Härter, drängender, direkter. Das fängt schon zu Beginn mit meinem Lieblingsgeräusch an: dem Klang einer herunter gestimmten Gitarre. Und von da an geht es nur noch voll auf die zwölf. Teilweise ist die Musik schneller, meist bleibt sie mit ihren geraden Riffs, die manchmal sogar grooven, im Tanzbaren. Was das Publikum auch macht. Die Euphorie ist da vorne greifbar. Die Menschen liegen sich in den Armen, verschwitzt wie sie sind. Man ist unter Seinesgleichen. Interessanterweise sind es immer dieselben, die man aus dem Graben kommen sieht, das Grinsen jedes Mal einen Strich breiter. Gegenüber den beiden letzten Bands springen die Musiker jetzt etwas weniger in der Gegend herum. Dafür schreit Jamey Jasta alles in Grund und Boden. Und nachdem er bei „Everyone Bleeds Nowˮ die Masse schon zum Mitbrüllen gezwungen hat, fordert er sie jetzt auf zu pogen, denn „I wanna feel the earth shakeˮ, wie er schreit. Das klappt sogar, wie ich feststellen muss: Selbst wenn nicht alle mitmachen, bebt der Boden.

Eins ums andere lassen Hatebreed ihre zähnefletschenden Monster auf uns los: „Destroy Everythingˮ, „This Is Nowˮ, „Never To Be Brokenˮ, „I Will Be Heardˮ. Der Sound kommt wie ein Presslufthammer auf uns nieder. Da ist kein Abflachen. Es geht immer voll drauf. Zur Unterstreichung dieses Effektes verwendet der Drummer an prägnanten Stellen zusätzlich zum Schlagzeug einen Sub-Bass oder Bass Drop, einen getriggerten extrem tiefen, langanhaltenden ‚Boom’. Es scheint, als würde das Schlagzeug hier derselben Sehnsucht nach mehr Tiefe und Volumen folgen, welcher schon die herunter gestimmten Gitarren erlegen sind. Ich muss ein bisschen an Richard Wagner denken, welcher für die Aufführung seiner Stücke die Tiefen ausweitete und den Einsatz des Octobass empfahl.

Hach, hat sich doch seit der Romantik nichts verändert: Politik, Dichtung, Nebel und Musik. Schließlich galt damals schon:

Richard Wagner = Krach mit Streichern

Just Kidding.

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Foto: Sue Real

Hatebreed

Agnostic Front

H2O

Ein Gedanke zu „HATEBREED, AGNOSTIC FRONT, H2O, STICK TO YOUR GUNS, 17.01.2013, LKA, Stuttgart

  • 26. Januar 2013 um 14:37
    Permalink

    Okay… Respekt! Diese Brückenschläge zur Hochkultur – nicht schlecht! Und an einem ist unbestreitbar was dran: Wagner = Krach mit Streichern.

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