EROBIQUE, 12.01.2013, KimTimJim, Stuttgart

Erobique im KimTimJim

Foto: Patrick Grossien

Dieser Mann kol-la-bier-te an einer Ü-ber-do-sis Freu-de

Halten wir uns an die Fakten: ein dicker Alleinunterhalter, der alle paar Jahre nach Stuttgart kommt, um zum Tanze aufzuspielen, singt und musiziert mit seiner Heimorgel in einer ehemaligen chinesischen Gastwirtschaft. Der Laden ist komplett überfüllt, junge Männer formen Herzen aus ihren hochgereckten Händen und himmeln den Musikanten an.

Nein, das ist keine Geschichte aus einem web-basierten Story Generator, das passiert wirklich, im ehemaligen Chinarestaurant „Good Point“ überm ehemaligen Waschmaschinen-Möck, im Club KimTimJim: Carsten Meyer – Erobique – pustet in seine Melodica, drückt die Tasten seiner Manuale, ruft Sequenzen ab, singt, lacht, raucht, feiert. Und der brechend volle Club mit ihm. Es ist 2 Uhr morgens. Das Publikum liebt seinen Sound, es liebt Erobique.

Dieser Mann kol-la-bier-te an einer Ü-ber-do-sis Glück

Erobiques Sound klingt wie ein hochgepitchter, cheesy Timm-Thaler-Soundtrack mit House-Beat. Dieser Eindruck kommt wahrscheinlich durch seinen leidenschaftlichen Einsatz der Melodica. Christian Bruhn, der nahezu alle Soundtracks für die 80er-Jahre-ZDF-Kinderserien wie Timm Thaler, Captain Future, Silas usw. komponiert hat, dürfte bewusst oder unbewusst zu Erobiques Einflussgrößen zählen. Zu diesem Sound singt er Erobique, so zu Beginn

Ich bin ein sterbender Schwan, ich bin ein ster-ben-der E-le-fant…

Wer in Hamburg wirkt und mit DJ Koze, Cosmic DJ (zusammen mit Erobique bilden sie International Pony) oder Jacques Palminger – um nur einige zu nennen – Alben veröffentlicht, dem bleibt das Stilmittel der Selbstironie und absurder Humor nicht verborgen. Erobiques letzter, großer Fußabdruck auf dem Mond der Musikgeschichte ist allerdings kein geringerer als die Mitwirkung am Soundtrack zur Mockumentary über die fiktive Techno-Erfinderband Fraktus, die im Film von den Studio-Braun-Helden Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger verkörpert wird. Gute Kunstfälscher kopieren keine Bilder, sie produzieren neue Werke im Stil bekannter Meister. Genau diese Herangehensweise liegt dem Soundtrack des Fraktus-Films zugrunde. Und Carsten Erobique Meyer übernahm die musikalische Leitung. Große Kunst.

Apropros Kunst – zurück zum heutigen Geschehen. Erobique kann auch strengen House, auch wenn er es nicht bis zum Ende durchhält. So z.B. seine phänomenale Version von Blondies 1979er Altklassiker Heart Of Glas. Und die funktioniert so:

Erobique betraut seinen Sequenzer mit der Aufgabe, einen monotonen, sehr kühlen Beatloop abzuspielen, dazu singt eine gesampelte Deborah Harry die erste Strophe, geloopt. Der Schuppen tanzt, der Alleinunterhalter zündet sich eine Zigarette an, er hat ja jetzt Pause. Nach gefühlten 10 Minuten knipst Carsten den Loop aus. Sample-Debbie singt den Refrain und wird nun mit ein paar langsamen, gefühlvollen Pianoakkorden begleitet. Das Break wird zur getragenen Ballade. Herr Meyer ist nebenberuflich Romantiker. Wir sind aber in einem Club, also kurz das Tempo verdoppelt, den Loop wieder hochgefahren und hopplahopp befinden wir sich uns in einer Art Grandpiano-Italo-House-Stück wieder. Sample-Debbie trällert wieder die erste Strophe. Die Leute flippen aus.

Aaah, Scheibenkleister – da muss ich selber tanzen, damit ich das klarkrieg

Ein suboptimaler Nebeneffekt dieser musikalischen Anziehungskraft: Es ist wahnsinnig voll. Und es ist sehr spät, zumindest für mich. Gegen 3 verlasse ich das KimTimJim und erlebe den Abschluss nicht mehr. Der alte, dicke Mann kann es noch, besser denn je. Das reicht mir. Im Rausgehen höre ich ihn noch singen

Die armen Bäume müssen weichen für den neuen blöden Bahnhof…

Erobique im KimTimJim

Foto: Patrick Grossien

3 Gedanken zu „EROBIQUE, 12.01.2013, KimTimJim, Stuttgart

  • 15. Januar 2013 um 10:46
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    Sauber! :)

  • 15. Januar 2013 um 15:21
    Permalink

    ach, schaaaaade…weil ich mich außer stande sah, um 1 uhr nächtens abzuwarten bis herr meyer mal seine hufe schwingt. aber dabei gewesen wär schöner gewesen. hübsche beobachtungen ;-)

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