KATATONIA, ALCEST, JUNIUS, 03.12.2012, LKA, Stuttgart

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Foto: Sue Real

Überlegung 1:
Schon nervig mit diesen Listen für unseren Adventskalender. Was waren die besten, was die schlechtesten Songs? Was die besten Bücher, Filme, Alben? Was war das beste Konzert des Jahres? Wie soll man das beantworten, bevor man Katatonia gesehen hat? Und ist diese letzte Aussage nicht ein wenig voreingenommen? Erst muss man es sich ansehen und -hören, bevor man sich ein Urteil erlauben kann, oder?
Naja. Die Erwartungshaltung hat ja auch ihren Preis. Enttäuschung vorprogrammiert. So war es ja auch bei Colour Haze in Karlsruhe. Gute Show, aber im Vergleich zu dem unglaublichen Auftritt auf dem Desertfest in Berlin … keine Chance. Zu große Erwartungen an Katatonia also schlecht. Enttäuschung vorprogrammiert. Oder sollte ich sagen: Enttäuschung vorprogrammiert? Völlig unmöglich jedenfalls, Lino die Listen vorbehaltlos zu geben. Zur Unvoreingenommenheit gehört auch, sich nicht im Negativen zu früh festzulegen.

Überlegung 2:
Junius waren schon im 1210 gut. Auch bei jener Doppel-Headliner-Show spielten sie in Stuttgart als erste. Sicherlich war es dort schon auf Grund der geringeren Raumgröße leichter für die noch relativ unbekannten Amerikaner. Hier haben sie jetzt eine Chance, bei neuem Publikum zu punkten.

Überlegung 3:
Wer sind Alcest? Habe ich die Band schon gesehen? Ich bin mir ziemlich sicher, dass die irgendwo gespielt haben, wo ich war. Sue Real meint, dass das ein gutes Zeichen ist – dass ich mich nicht erinnern kann, meine ich: Dann muss die Party gut gewesen sein. Oder sie war ganz schlecht, und ich habe es verdrängt. Wir werden sehen.

Überlegung 4:
Publikums-Bashing ist schlecht. Ist es okay, wenn ich sage, dass alle Leute mit gutem Musikgeschmack heute ins LKA gekommen sind? Nicht-Publikums-Bashing? Es sind doch ziemlich viele da, auch wenn noch ein paar Hundert mehr in die Halle passen würden. Ihr, die ihr nicht hier seid: Ihr habt keinen Geschmack. Das müsst ihr ja nicht persönlich nehmen. Ihr könnt ja einfach das nächste Mal kommen. Jetzt wisst ihr es ja.
Aber ich bin schon wieder voreingenommen!

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Foto: Sue Real

Überlegung 5:
Über Alcest kann ich es nicht sagen, aber die beiden anderen Bands sind Soundtüftler. Während die einen (Junius) mit vielen Synthie-Layern einen bombastischen, undurchdringlichen Sound aufschichten, sind die anderen (Katatonia) Meister der klanglichen Transparenz, Meister der abgezirkelten Zwischentöne, deren letzten Alben sich auch zu immer neuen Höhen gesanglicher Differenzierung aufschwingen. Wird es dem Gesamteindruck schaden, dass bei allen drei Bands die Keyboards vom DAT kommen?

Überlegung 6:
DAT? Gibt es das überhaupt noch? Revolutionäre Technik das. Gewesen.

Überlegung 7:
Immerhin wird hier Musik nicht über den Lagesensor eines iPads erzeugt, den ein Musiker hin und her schwenkt, wie bei Ulver in Karlsruhe … war trotzdem eine grandiose Show der Norweger.

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Foto: Sue Real

Überlegung 8:
Junius drehen mit ihrem synthetischen Klangerzeuger – wie auch immer das im konkreten Fall technisch gelöst sein mag – voll auf. Gefühlte 28 Synthie-Layer erzeugen vom ersten Ton an den typischen Bombast-Sound, in welchem die Gitarren feststecken, wie in Beton gegossen. Einen Sound, durch den allenfalls die Kopfstimme des Sängers noch wie durch Butter schneiden kann. Alcest, die ich entweder doch nicht kenne oder an die ich mich wirklich nicht erinnern kann *seufz*, kommen demgegenüber zunächst etwas dünn daher. Nicht, weil die von ihnen gewobene Atmosphäre weniger dicht gewesen wäre, sondern weil sie weniger aufdringlich sind und sich mehr darauf beschränken, wie ein stets höhlender Tropfen in die Amygdala zu dringen. Katatonia dagegen zeigen von der ersten Sekunde an, dass sie es auf leisere Töne anlegen (ein Irrtum übrigens), indem Jonas Renske die Anfangszeile von „The Parting“ schon intoniert, bevor die anderen Musiker überhaupt auf die Bühne gekommen sind: Aus dem Dämmer der Notbeleuchtung und des fahlen Schimmers, der aus dem Backstage auf die Bühne fällt, erschallt es: „In the weak light, I saw you …“ Ja, genau.

Überlegung 9:
Das Publikum strömt langsam herbei. Bis um 22:00 Katatonia anfangen, wird es immer mehr, vorne immer dichter. Auch der Applaus und die spürbare Begeisterung nehmen über den Abend immer weiter zu. Und während auch für alle anderen möglichen Sachverhalte dieselbe Steigerung gilt (Lightshow, allgemeine Trunkenheit, Größe der Bierlachen am Boden), gibt es musikalisch nach meinem Empfinden im Gesamten und – genauer – im Besonderen einen Durchhänger in der Mitte: Bei aller Qualität kann die mittlere Band Alcest nicht ganz so überzeugen. Und bei denen liegt es an den mittleren Songs des Sets. Atmosphärisch ist das schön gemacht. Aber nachdem mich das zweite Stück – wenn auch nicht ganz in qualitativer Hinsicht, so doch durch seine Stimmung – an Negura Bunget erinnerte, bleiben die Franzosen plötzlich etwas im Gewöhnlichen stecken.
Wie die Stücke eine Düsternis heraufbeschwören sollen, wie sie gestrickt sind, ist keineswegs neu und beginnt mich zu langweilen. Unspektakulär ist wohl das richtige Wort an diesem sich in der Rückschau spektakulär ausnehmenden Abend. Auf die letzten zwei Stücke fangen sich Alcest dann aber wieder und schließen an den ganz vielversprechenden Anfang an. Insbesondere das leicht höhere Tempo, welches die Band am Schluss spielt, kommt gut. Ganz ähnlich ist es mit dem in zwei Songs gelegentlich einsetzenden Black Metal-Gesang, der sich einfach über dieselbe melancholisch-ruhige Musik legt wie zuvor der Klargesang. An diesen Stellen wirkt die Musik gerade durch das Ausbleiben von Effekthascherei, in welche andere Bands hier wohl verfallen mögen.
Fazit: An der Band habe ich mich etwas abgearbeitet. Überzeugt bin ich nicht. Verzichten hätte ich können. Zuhause nochmal anhören werde ich es schon. Vielleicht erschießen sich Alcest dann besser.

Überlegung 10:
Schon lustig, wenn eine Horde langhaariger mit Militärjacken und Totenkopf-T-Shirts auf einen Song abgeht wie Schnitzel – fliegende Friese und alles –, in welchem es darum geht, dass jemand Tränen in den Augen hat, weil ihn seine Freundin verlassen hat (Katatonia: „Teargas“).

Überlegung 11:
Obwohl sich Junius auf zarte, schöne Melodien verstehen, die sich dann zu schwebenden Flächen verbinden, ist Zurückhaltung nicht ihr Ding. Die vielen übereinander gelegten Synths und die vielstimmigen eingespielten Chöre plus drei Saiteninstrumente und Vocals mit Backing Vocals reizen immer das Maximum dessen aus, was man an Polyphonie gerade noch erfassen kann. An ganz wenigen Stellen nur lösen sie sich von dieser Wucht und verlassen sich mal auf eine einzelne Gitarre, welche dann aber schnell wieder in einem Einsatz tutti eingefangen wird.

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Photo: Sue Real

Überlegung 12:
Wie oft habe ich Katatonia schon live gesehen? Zu häufig, um das jetzt im Kopf noch abzählen zu können. Waren sie schon mal schlecht? Nein. Aber es gab Shows, bei denen Jonas ein paar Stücke gesanglich runter gezogen hat, weil er nicht so ganz auf der Höhe war. Sollte nicht passieren. Vor allem einem Profi nicht. Aber was er da singt, ist auch nicht einfach. Auch Joseph Martinez von Junius liegt mal daneben – heute übrigens seltener als im 1210. Angeblich hat Jonas auch schon mal so falsch gesungen, dass eingefleischte Fans gegangen sind. Weiß ich nicht. Habe ich nicht erlebt. Auf jeden Fall haben sich die Live-Qualitäten der Band über die Jahre erheblich gesteigert. Das gilt auch beim Songwriting. Eine der Bands, bei denen die Alben so gut sind, dass man sich immer fragt, ob irgendjemand das noch toppen kann. Bis sie das nächste rausbringen.

Überlegung 13:
Heute ist Jonas voll auf der Höhe.

Überlegung 14:
Heute ist Katatonia voll auf der Höhe.

Überlegung 15:
Die beiden letzten Katatonia-Alben „Night Is The New Day“ und „Dead End Kings“ haben neue Dimensionen wunderschöner Melodien und einer immer facettenreicher hingehauchten Stimme aufscheinen lassen. Immer nuancierteres Songswriting. Akkustische Zerbrechlichkeit. Auch emotional. Katatonia ist eine Band der leisen Zwischentöne geworden.

Überlegung 16:
So heavy wie heute habe ich sie aber trotzdem noch nie gesehen. Inklusive der zartesten Songs. Brillanter Sound – wenn auch mal mit einem technischen Defekt an der Gitarre. Vor allem aber viel Wucht. Alles Nachdenken über Emotionalität im Downtempo, Melancholie wie Gitarrenseiten angeschlagen, mehrstimmigen Klargesang mit dieser schönen, warmen Stimme muss da mal hinter der Tatsache anstehen, dass Katatonia hier alles wegföhnen. Dagegen klingen selbst Junius plötzlich läppisch. Vor allem aber plump. Denn bei den Schweden jetzt verbirgt sich hinter jeder straight erscheinenden Passage etwas Komplexes, eine kleine Spielerei, ein cooles Lick, ein seltsamer Rhythmuswechsel. Und wenn Katatonia nicht straight klingen, brennt ein Komplexitätsfeuerwerk ab. Heftig liegt es dir in den Ohren: Der Sound. Die Riffs. Bevor wieder alles bis auf eine kleine Melodie und eine hingehauchte Liedzeile verstummt. Katatonia sind ambivalent. Begeisternd.

Überlegung 17:
Bei „Forsaker“ gibt es ein wirklich gutes, griffiges Riff. Darum könnte man einen ganzen Song aufbauen. Katatonia aber spielen davon nur zwei Akkorde an und legen sofort eine gigantische Sound-Fläche drüber, in welcher die Lead-Gitarre nur noch einen kleinen Blitz am Gewitterhimmel darstellt, während der Synth mit einer Melodie wie aus einem Hammer-Film drüberplöngelt. Im LKA herrscht Windstärke 12.

Überlegung 18:
Ihr könnt mich mal am Arsch lecken mit eurem Journalismus. Was soll man zu einem solchen Konzert auch schreiben! Das bewegt sich alles im Bereich des Unsagbaren.

Überlegung 19:
Als es dann aus ist, kommt Stefan zu mir und sagt: „Hast Du Katatonia jemals so stark gesehen?“. Ungefähr eine Minute später kommt Björn: „Mal ehrlich“, sagt er, „war das nicht das beste Katatonia-Konzert, das Du je gesehen hast?“

Überlegung 20:
In Katatonias „July“ heißt es: „So, this night belongs to you …“ Ja, genau.
Mal sehen, was ich jetzt Lino wegen des Adventskalenders schreibe …

Junius:

Alcest:

Katatonia:

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