ICELAND AIRWAVES, 31.10.-04.11.2012, Reykjavik, Island

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Foto: gig-blog

Ein Recap zum Iceland Airwaves 2012 geht nicht ohne ein Recap zu Island 2012. Diese Regel habe ich aufgestellt. Eben in diesem Moment. Während der Carschden (O-Ton Ranko aus’m Casi Weiß) ja schon Dauerstammgast in Icy Iceland und auf dem (fast) gleichnamigen Airwaves-Festival ist, muss ich mich erst einmal an die raue Schönheit dort gewöhnen. Endlose Steppe, durchzogen von surreal-marineblauen Flüssen und vereisten Seen, hier und da mal ein riesiger Wasserfall, Eisberge und kochendes Wasser, das aus dem Boden spritzt. Dazu mal eben Winde mit drölftausend Km/h, die einem nicht nur die Schuhe ausziehen, sondern den Schuhen gleich auch die Menschen. Gruselige Tankstellen mit spielsüchtigen Ommas und leckerem Lammeintopf sind genauso zu finden, wie schwarze Lavagesteinsstrände und Türen, die zu öffnen man schon in Richtung Ronny Coleman gebaut sein sollte. Windig eben.

Gefährliche Straßenpassagen und Übermüdung von Dauerkonzentration, dazu richtig schlechte Radiosender und Tuc-Kekse mit Schinkenfüllung, die zu Verstopfung hätten führen können. Außerdem Hot-Tubs mit Sternschnuppen/Leuchtraketen/UFOs oder sonstigem Kram, Schlafprobleme dank wackelnden Hütten und Nordlichter. Rundum: das wohl außergewöhnlichste und gleich auch noch extraterrestrischste Land, das ich je besucht habe. Ach ja, an alle Glückspilze: Schwache Nordlichter sind besser als keine Nordlichter. Hat schon Einstein gesagt.

In Reykjavik geht’s hoch her während der Festivalsaison und überall sind Musikliebhaber aus aller Herren Länder unterwegs. Außerdem erstaunlich viele Deutsche. Während ich am Donnerstag, dem ersten Festivaltag für uns, mit Miss C durch die Straßen streife und das Festivalbändchen abhole, packen sie mich schon: die Magie und der Wind. Das erste und einzige, was wir uns heute anschauen sind Sólstafir und das erste was ich bemerke ist: Hätte ich nur mal Ohrstöpsel mitgenommen. Zu Beginn des Konzerts in der Philharmonie „Harpa“ geben die Isländer mit ihrem Epic Rock’n’Roll ziemlich Gas und heizen dem Publikum ordentlich ein. Erstaunlich, dass der Sound immer „ruhiger“ wird, wenn man das denn so bezeichnen mag – schwer, während einem langhaarige, bärtige Wikinger-Hünen die Hucke vollbrüllen. Leider kenne ich gar nicht so viele Lieder von denen, bisher eigentlich nur „Svartir Sandar“ und „Fjara“, die sie aber beide genussvoll zum Besten geben. Der Bassist sieht aus wie ein Cowboy, während der Gitarrist sich schicke Indianerzöpfe geflochten hat. Pocahontas und alles. Dazu trägt er einen schicken Hut, der ihm – und das ist wohl seinem wilden Tanzstil geschuldet – öfter mal vom Kopf fällt. Im Publikum tummeln sich verschwitzte Bartträger genauso wie Geschäftsmänner, die Hemd und Krawatte geöffnet haben und stolz ihr Sólstafir-Shirt vor sich her tragen. Sagt man das noch – Geschäftsmänner? Vielleicht mal in den 60ern anrufen und nachfragen. Versteh ja auch kein Wort. Nur halt, dass Fjara Strand, und Svartir Sandar … na, wer kann’s erraten? – heißt. Tolles Konzert, nur leider bin ich zu müde, um alles aufzufassen. Paar mal fast ’nen fetten Unfall gebaut, das geht an die Substanz.

Zum Harpa muss ich auch noch sagen, dass es zwar ein wirklich schickes Gebäude ist, es allerdings den Geist des Iceland Airwaves nicht voll auffangen kann, wie ich finde. Ich knüpfe da einfach mal an Degers Meinung an. Zu groß, zu mächtig sind die Hallen und zu viel Gedränge auf den Gängen.Der Freitag kommt etwas schicker und nicht ganz so bedröppelt daher. Erstmal Sightseeing, schön Thunfischsandwich im Café Babalú essen und die gemütlichen Sofas volllümmeln. Dann weiter gegen den Wind ankämpfen und Richtung „Icelandair at Hotel Marina“ am Hafen hangeln. Dort spielen Valdimar, die auf Platte nicht so der Bringer – live dagegen unglaublich schön sind. Es sei denn man ist im Hotel Marina. Die Location ist das Letzte. Nach einem schicken Bier singt sich Valdimar seinen Schmerz von der Seele, während neben uns gegessen und gesprochen wird, als wäre die Musikuntermalung nicht von einer Liveband, sondern direkt von SWR 3 gestreamt.Die Musiker jedoch sind wunderbar und der dicke Frontmann und seine Posaune machen ordentlich was her. Sogar „Yfirgefinn“ spielen sie und trotz der unmusikalischen Beschallung pfeifts Gänsehaut. Man mag es den Essenden auch gar nicht so übel nehmen, befinden wir uns doch in einem Hotel. Die Bühne jedoch ist gleichzeitig von einem mächtigen Regal versperrt und der Ein- und Ausgang zum Konzert ist in etwa so breit wie die Treppe nach Barad-dûr. Zusammengefasst: Tolle Künstler, tolle Musik, schreckliche Location, zu viel Krach, etwas Wut. Zu mehr fühle ich mich nicht in der Lage. Jedem Tierchen sein Pläsierchen und so halt.

Danach kommen Of Monsters and Men zum Zug, die momentanen Exportschlager der Insel. Hier das selbe: Wunderbare Stimmen, schreckliche Kulisse und alle warten auf „Little Talks“. Das spielen sie ganz zum Schluss netterweise auch. Mittlerweile schwitze ich aber besonders stark und kämpfe mich zum Ausgang vor.

Ein sehr leckerer zermatschter Fisch und ein paar Stücke fermentierter Hai später, erwartet mich die Überraschung des Abends: Kool Thing im Gamli Gaukurinn. Mit 18 Promille und Gischt im Gesicht ist die Abwandlung „Gammelbar“ auch ziemlich lustig. Die deutsche Band, die aus einer Irin und einer Australierin besteht, schlägt mir fett eine rein. Alles startet mit dem schönen „The Sign“ (man beachte auch das leicht verstörende Video – sehr schick) und geht weiter und weiter, leider nicht sonderlich lang. Die Gitarre klingt rau und schmutzig und wer nicht mitmacht, hat irgendwie schon verloren. Die beiden schlanken Mädels sind so in ihrem Element, dass nur das Zuschauen Gänsehaut bereitet, von -hören ganz zu schweigen. Unterstützt werden sie von einem Drummer der mehr im Hintergrund sitzt, als der Hintergrund selbst und das Keyboard lässt die sphärischen Sounds nur so durch die Bar dröhnen. Eine schöne Location ist’s hier und als es schon nach einer halben Stunde vorbei ist, bin ich traurig. Mäh!

Um nochmal zum Opener „The Sign“ zurück zu kommen: Eine lustige Entwicklung habe ich erlebt, wie die Bands das mit ihren bekanntesten Songs machen. Semi-Bekannte wie Kool Thing, zumindest in meinem Dunstkreis, starten ihre Gigs meist mit den bekanntesten Liedern, um dem Publikum einzuheizen, während sich bekanntere Bands wie Valdimar und Of Monsters and Men ihre Zuschauermagnetsongs meist bis zum Ende aufsparen. Die dritte Kategorie, und darunter fallen etwa auch Retro Stefson, haben es nicht einmal nötig, bekanntes zu spielen. Das Publikum flippt ohnehin aus. Doch dazu später mehr. Oder auch nicht…

Später höre ich mit dem Carschden Blouse an. Die spielen in der Deutschen Bar, der Þýski barinn. Schicker Name auch. Während wir uns hinten in Ruhe alles ansehen und ich mir eine Zigarette drehe, packen uns etwa 3(0) bis 4(0) Wikinger und halten uns ihre Marken unter die Nase. Als der Carschden noch sagen will „Die sehen aus, wie aus dem Yps-Heftchen“, wissen wir bereits, dass sie von der Narcotic-Police sind. Sie riechen und leuchten und durchsuchen uns und der Carschden entdeckt Taschen in seiner Tasche, die er noch gar nicht kannte. Aber finden nix. Ha! Wir und illegale Drogen? Ich bitte euch… Danach wird getrunken. Doch was ist das? Der Himmel öffnet sich und Engelschöre singen mit goldglänzenden Trompeten in ihren Händen ein stimmiges „Aaaaaaaaah“. Wir stehen vor der Lebowski-Bar. Drinnen gibt es kühles Bier und heiße Rythmen aus den 80ern, yeah! Der Carschden bestellt zwei White Russians, schnell noch am Glücksrad gedreht, da sinds auf einmal vier. Sauber! Dann noch schön, den großen Zeh mit nem stählernen Barhocker zermatschen lassen und ab geht’s ins Hotel.

Der Samstag beginnt mit Schmerzen im Zeh und auch im Kopf. Das Ziel ist eigentlich die Blaue Lagune, klappt aber alles nicht so recht. Da dieses Jahr vorreserviert werden musste, dürfen wir erst nachmittags rein. Darum verpassen wir leider auch die Bands des Tages und sind erst am Abend im Getümmel. Kurz fühle ich mich, als müsste ich die großen Fischhappen des Mittags wieder rückwärtsvespern, komme aber gerade noch so davon.

Zermartert und übermüdet stehe ich mit einem schrecklichen Kater dann abends im Harpa – nur um zum Mainact meines Airwaves zu kommen. Darum halte ich Retro Stefson und Rangleklods (spielen übrigens auch am 10.11. auf dem PopNotPop in Stuttgart) ziemlich kurz: Die ersten flippen aus und die Bude bebt. Die zweiten flippen aus und die Bude bebt. Dann kommt GusGus. Wegen denen bin ich Island. Mindestens zu 38,4% – Rauch und Lightshow verbinden sich zu einem surrealen Erlebnis, das von den durchdachten Beats und den klaren Stimmen nur noch auf neue Ebenen gelupft wird. Ich stinke außerdem ganz gewaltig. Nach Fisch und Whiskey und Bier und Schweiß und allem zusammen auch gleich noch mal. Um mich herum ist also viel freier Platz und der ist in der Halle wirklich nicht rar gesät. Nur der Carschden hält mir die Treue und hält’s aus.

Gänsehautwelle folgt auf Gänsehautwelle und einmal meine ich, mich dabei zu erwischen, wie ich meine geballte Faust in die Höhe werfe und laut „Jaaaa!“ schreie. Kann man eh öfter mal machen. Und: alle zusammen! Erstmal Scham wegwischen und weitertanzen. Eh am besten. Nach knapp anderthalb Stunden ists vorbei, die Hits kamen und ein neuer, noch nie gespielter Song. Arabian Horse, Over, Within You und alles andere. Bin nichtmal mehr müde. Hach, erstmal die Platte anschmeißen. Unglaublich!

Cobra übernehmen Sie! Als Diamond Dave schon verkatert und zermatscht mit Miss C. im Flieger Richtung Heimat zockelt, steht für den Rest – der intelligent genug war den Rückflug erst auf den Montag zu legen – noch der letzte Festivaltag auf dem Plan. Und der wird wunderbar wie er wunderbarer kaum werden kann. Außer vielleicht, dass Diamond Dave und Miss C. nicht mehr dabei sind.

Auf dem Programm steht erstmal rein gar nichts. Ausschlafen, frühstücken, bissle im großartigen 12 Tónar nach Musik kruschteln. Besonders angetan haben es mir Alben wie „Germans are people, too.“ Von Vindva Mei und „Sehr gut Cocktail“ von DJ Musician. Astreiner Eurodance und außerdem weise Menschen. Wir stolpern aus Versehen ins Glaetan bei Ósk (zumindest steht der Name auf dem Plan an der Tür) rein, einer wunderbar sympathischen Singer-/Songwriterin, die einem mit ihrem Lächeln ein noch breiteres Lächeln ins eigene Gesicht zaubert. Sie singt so zart und zerbrechlich, dass Sonja ein „Ich habe mich gerade verliebt“ über die Lippen huscht und sie mir damit zwei Sekunden zuvorkommt. Dabei ist sie nicht mal lesbisch. Wäre auch blöd irgendwie – für mich meine ich jetzt.

Überhaupt macht auch das den ganz eigenen Zauber des Airwaves aus. Man wandert verkatert und bestens gelaunt durch die Straßen Reykjaviks, hört aus allen Ecken und Winkeln Live-Musik und stolpert dann fast aus Versehen in kleine intime Konzerte von Bands, deren Namen man teilweise nicht mal aussprechen kann. Statt großer Bühne sitzt man dann in einem Café, einem Plattenladen, einer Kirche oder weiß der Kuckuck was und fühlt sich wie beim Weihnachtsmusizieren mit der Familie (kenn ich zwar nur aus Filmen, aber das Fernsehen lügt ja bekanntlich nicht).

Tolles Beispiel: als wir am ersten Abend in Reykjavik unser Festivalbändchen abholen wollten, haben wir ziemlich dumm aus der Wäsche geguckt. Wir waren zu spät und selbst die coolen Isländer machen einfach Feierabend wie angekündigt. Scheiße. Egal. Bloß keine schlechte Laune aufkommen lassen (bin bei meinen Freunden, vor allem bei Hanni, als hoffnungsloser Optimist bekannt). Dann eben trinken. Auf dem Heimweg ins Hotel glaube ich aus einer Bar astreine mir wohlbekannte Dancebeats vernehmen zu können. Für solche Off-Venue-Gigs (dieser war sogar nirgends angekündigt) braucht man nicht mal ein Bändchen. Also kurz reingeschaut und tatsächlich: da steht meine skandinavische Lieblingspopperin Thorunn Antonia auf der Bühne, shaked ihren äußerst extrem sexy Hintern und singt davon, dass es nie zu spät für die Liebe ist. Und wer sitzt denn da am Keyboard: der liebenswert durchgeknallte Berndsen in seinem pinken Lieblingsjacket und wirft uns ein Küsschen zu. Was für eine Überraschung! Die dauert leider nur noch drei Songs, reicht aber noch um bissle abzuzappeln.

Wir verschnaufen jedenfalls kurz im Hotel. So mit einem Bier auf dem Bett liegend kommt man mir dann wieder in den Sinn, wie glücklich wir sein können es überhaupt nach Reykjavik geschafft zu haben. Tipp an alle, die den Nordosten Islands in dieser Jahreszeit bereisen: euer Mietwagen sollte unbedingt Spikes haben. Sonst kann es euch passieren, dass ihr auf einem komplett zugeschneiten und vereisten Bergpass (dazu muss gesagt werden, dass Isländer nix von Leitplanken halten, auch wenn es neben der Straße unverschämt tief nach unten geht) an einen entgegenkommenden Inländer mit einer dreifachen Drehung (in Fachkreisen auch der dreifache Weirich genannt) vorbeirauscht um dann unter Umarmungen und Jubelausbrüchen festzustellen, dass ihr dem Schnitter nochmal von der Schippe gesprungen seid.

Das muss gefeiert werden und was gibt es da Besseres als meinen neuen Lieblingsbarden Svavar Knútur. Wir drücken uns schon beim ganz netten (man könnte auch sagen mittelmäßigen) Junius Meyvant ins heimeliche Gaetan, um nachher schön weit vorne zu sitzen. Und siehe da, wir haben in der ersten Reihe Stellung bezogen als Svavar die Bühne betritt. Neue Frisur denke ich noch, als er auch augenblicklich loslegt. Meinen Begleitern hab ich nicht zu viel versprochen. Wunderschön traurig melancholische Lieder, die auf eine Weise angekündigt werden, dass die Tränen vor Lachen nur so fließen und die Schenkel am nächsten Tag von blauen Flecken nur so übersät sind. Klappts mal nicht mehr mit der Musik, kann Svavar auch einfach Comedy machen. Und zwar Comedy, die zur Abwechslung auch mal lustig wäre. Wie schon vor ein paar Wochen im Galao in Stuttgart, hat der zottelige Isländer sein Publikum auch diesmal innerhalb von drei Sekunden mit seinem Charme und seinem Witz fest im Würgegriff. Er macht keine Gefangenen.

Einige der Anekdoten  habe ich schon in Stuttgart gehört. Das nehm ich ihm aber nicht übel. Weil sie erstens die Entstehung seiner Songs beschreiben (und die kann er ja nicht jedes Mal neu erfinden), zweitens nie einstudiert klingen und mich drittens immer noch vor Lachen durchschütteln. Ich liebe den einfach. Toll auch die Geschichte, wie er als Antwort auf den Riverdance, der ihm von stolzen Iren als das Nonplusultra verkauft werden sollte, den isländischen Oceandance erfunden hat. Hier müsse man im Gegensatz zum irischen Pendant die Beine ganz still halten und nur den Oberkörper und die Arme hin- und herschwingen. Kommt noch aus Wikingerzeiten, stürmische See und so. Ja ok, wenns der Svavar mit seiner abartig lustigen Mimik und seinen wahnsinnigen Augen erzählt klingts irgendwie lustiger. Wer ihn schon mal live gesehen hat, wird aber wissen was ich meine.

Für mich ein Phänomen, wie er so abrupt und ohne Übergang die Stimmung zwischen lustig und traurig melancholisch wechselt, ohne dass man das auch nur für eine Sekunde merkwürdig empfindet. Vor allem „While the world burns“ treibt mir Schauer über den Rücken. Herrlich, mit welcher Inbrunst er singt:

„Crushed by the oceans mighty waves

or ripped apart by robotic slaves.

I won’t mind the crowded graves

if my arms are full of you.

I just want to hold you while the world bruns.

Let it burn, burn, burn.“

Den Abschluss macht ein isländischer Song über einen Jungen, der seiner großen Liebe einen Heiratsantrag machen will. Da er aber mittlerweile von einem Zombie gebissen wurde, ist er im Zwiespalt: Ring überreichen oder Hirn aufessen. Ich versteh kein Wort, den Inhalt kenne ich nur aus Svavars Kurzbeschreibung, aber an den Reaktionen der anwesenden Isländer kann man einiges ablesen. Selbst ältere Damen können vor Lachen kaum noch. Als es später zu einem kleinen Plausch mit ihm kommt und er erfährt, dass wir aus Stuttgart sind und ich dort auch noch auf seinem Konzert war, freut er sich wie bekloppt. „Cafe Galao„, sagt er. „Reiner is my hero.“ Im Frühjahr will er wieder kommen. Ich werde dann wieder versuchen ganz vorne zu sitzen.

Das Airwaves ist nun fast vorbei, aber der dickste Karpfen schwimmt immer noch im Teich: Sigur Rós! Die vielleicht tollste Band des Universums. Weil sie anders sind als alle anderen, weil sie sich Dinge trauen und weil sie Musik von einem weit entfernten Stern machen.

In Scharen pilgern die Fans in die Laugardalshöllin, der größten Location dieses Jahr. Auf dem Weg schenkt uns ein Fremder Bier, weil er zu viel eingepackt hat. Das passt bestens. Die Halle selbst ist groß und dunkel und im Gegensatz zu vielen anderen stört es mich auch nicht, dass Sigur Rós mit einer Stunde Verspätung anfangen. Bier und Burger helfen die Wartezeit zu überbrücken. Überhaupt gefällt mir die Atmosphäre sehr gut. Ich sehe Mütter mit Kindern, ältere Herrschaften und junge Fans. Alles ist extrem freundlich und alle gehen sehr behutsam miteinander um. Man kann im Dunkeln auf dem Boden liegen ohne Angst haben zu müssen, dass einem jemand auf die Finger tritt. Kurz darauf ist es soweit. Ein Traum wird wahr: Sigur Rós live in ihrer Heimat.

Die ersten drei Songs ist von der Band nichts zu sehen. Die Bühne ist abgehängt mit einer Leinwand auf die wunderschöne Visuals projiziert werden. Ein Wald, Tropfen und hier und da die Silhouette eines Gesichtes. Ich tauche ab. Nach drei Liedern fällt der Vorhang und wir sehen endlich die Isländer selbst auf der Bühne stehen. Sigur Rós verzaubert hauptsächlich mit alten Songs wie „Glósóli“ und „Hoppipolla“, aber auch dem brandneuen „Brennisteinn“. Ich sehe Menschen mit geschlossen Augen verzückt sachte hin- und herschwingen, andere strahlen wie 5-Jährige vor dem Weihnachtsbaum und auch ich selbst bin heftig ergriffen. Ich weiß nicht genau wie Sigur Rós das macht, aber irgendwie berühren sie etwas in mir, wie es sonst keine andere Band schafft. Mein Bruder, der die Isländer bislang überhaupt nicht kannte, umarmt mich und bedankt sich, dass ich ihn mit hierher genommen habe. Drei Songs lang liegen Sonja und ich mit geschlossenen Augen Hand in Hand auf dem Boden und lassen uns einfach treiben. Fast zwei Stunden lang hält der Zauber und der Friede an, dann werden wir wieder ins Leben entlassen. Ich wäre gern ewig geblieben.

Die Fans sind begeistert. Einer wird es später mit “I almost couldn’t see it through the tears” kommentieren. Sicher, es gibt wie immer auch die, die meinen, dass Sigur Rós früher besser waren und so. Aber die will ich ignorieren und überhaupt: die sind doch alle als Baby zu oft vom Wickeltisch gefallen.

Für uns heißt es jetzt Abschied nehmen. Vom schönsten Land der Welt, das uns dieses Jahr dank Eis, Schnee- und Sandstürmen sowie Orkanböen viel abverlangt hat. Aber Island gibt’s halt nicht umsonst. Es kostet was und vielleicht macht es gerade das so wertvoll. Bisschen wie tätowieren. Wir haben tatsächlich Polarlichter sehen dürfen (im Gegensatz zum Diamond Dave sogar richtig saftige), haben wunderschöne Tage mit Pudelmütze, Bier und Whisky im Hot-Tub ausklingen lassen und im wunderbaren Reykjaviks wundervollen Künstlern zugehört. Wir haben einige verpasst, die wir gern sehen wollten und dafür andere neu entdeckt. Und eines ist sicher: das Iceland Airwaves 2013 wird nicht ohne uns stattfinden. Ach ja, eines noch Diamond Dave: bist doch selbst schuld. Was musste auch Deinen blöden Zeh in meinen Barhocker reinhalten?

3 Gedanken zu „ICELAND AIRWAVES, 31.10.-04.11.2012, Reykjavik, Island

  • 11. November 2012 um 16:00
    Permalink

    Der Beitrag des Jahres! Musste mich mehrfach wegeschmeißen. Noch mehr als damals bei Svavar. Ich glaub, ich muss da auch mal hin… nächstes Jahr.

  • 11. November 2012 um 23:50
    Permalink

    Mach das Holger! Unbedingt!

  • 12. November 2012 um 14:14
    Permalink

    Tuc-Kekse mit Schinkenfüllung-
    bin ich auch drübergestolpert:-) kann mich nicht entscheiden ob genial oder doch irgendwie ekelhaft…
    Schöner Artikel !!

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