THE VACCINES, DEAP VALLY, 31.10.2012, Wagenhallen, Stuttgart

Deap Valley

Foto: Michael Weiß

Also ich geh ja nicht gerade zum Lachen in den Keller, aber wenn es eine Sache gibt, die mir die Laune gründlich verhagelt, dann sind es zwangslustige Veranstaltungen. Fasching zum Beispiel. Passt vielleicht ins notorisch lustige Rheinland, aber garantiert nicht zu den Schwaben. Und seit ein paar Jahren gibt’s nun auch noch plötzlich Halloween. Welch ein blöder Zufall, dass das Konzert der Vaccines ausgerechnet an diesem Tag stattfinden muss.

Den beiden Bands lass ich die mäßig witzige Maskierung ja noch durchgehen, kommen Sie doch beide aus dem anglo-amerikanischen Kulturraum, wo dieser ursprünglich keltische Brauch wohl eine gewisse Tradition hat. Dass sich Konzertbesucher in Stuttgart als Zombies, Vampire oder mit einer Axt im Kopf verkleiden, das kommt mir doch reichlich dämlich und deplatziert vor.

Sei’s drum. Reden wir vom Konzert. Eigentlich ja eine feine Sache, dass die Vaccines als Ausgleich für Ihre Rückzieher beim diesjährigen Hurricane und Southside Festival (wegen „wichtiger Promo-Verpflichtungen in England„) in den jeweils nächstgelegenen Großstädten Hamburg und Stuttgart ein Konzert zum Schnäppchenpreis von zehn Euro (VVK) veranstalten. So ist es auch kein Wunder, dass die Wagenhallen gut gefüllt – wenn auch nicht ganz ausverkauft – sind.

Schön auch, dass sie Deap Vally als Support mitgebracht haben. Dieses Mädels-Duo aus Kalifornien soll das Warmup für die Vaccines bestreiten. Und das erledigen Lindsey Troy an der Gitarre und Julie Edwards an den Drums wirklich gründlich. Ignorieren wir also die (noch vergleichsweise originellen) Totenkopf-Glittermasken und konzentrieren wir uns auf den derben Blues-Rock, den die beiden Mädels mit reichlich Schlampen-Attitüde hinrotzen. Das macht Spaß, ist angesichts der Minimalbesetzung natürlich etwas ruppig, aber Lindsey Troy beeindruckt mit einer wirklich mächtigen Stimme. Der Vergleich mit Janis Joplin ist hier erlaubt. Ein knappes Set von sechs bis sieben Titeln geben sie zum Besten und werden mit reichlich Applaus verabschiedet.

Vaccines

Foto: Michael Weiß

Was dann aussieht, wie ein verirrter Junggesellenabschied (kann ich übrigens auch nicht leiden!), das sind wohl die Vaccines, die allseits gefeierten Retter der englischen Rockmusik. In einheitlichen College-Jacken mit – man halte sich fest – „The Vaccines“-Aufdruck und einem Sortiment ausnehmend hässlicher Perücken entern sie die Bühne. An diesen beiden Peinlichkeiten habe ich so zu knabbern, dass es mir schwer fällt, auf die Musik zu hören.

Dabei starten Sie gleich mit „No Hope“, dem Opener ihres aktuellen Albums „Come of Age“. Wie praktische alle Titel der vier Briten ist es simpler Indie-Rock mit einer ordentlichen Portion Retro-Anleihen. Und eins muss man Ihnen bescheinigen: praktisch jeder Titel hat eine Hookline, die schon nach einmaligem Hören hängen bleibt. Und weil sie auch gleich ihren Eineinhalb-Minuten-Hit „Wreckin‘ Bar“ nachschieben, wundert es nicht, dass der Laden in Bewegung kommt.

Die Verkleidungen haben sie inzwischen zum Glück abgelegt und bei Sänger Justin Young kommt unter dem Mottenfiffi eine veritable Ramones-Matte zum Vorschein. Dass die beiden Alben, die bei mir als fröhliche, nicht störende Hintergrund-Musik gute Dienste leisten , von der Bühne nicht wirklich zünden, scheint wohl nur mein Problem zu sein, die Halloween-Crowd amüsiert sich jedenfalls ganz prächtig.

Deap Valley

Foto: Michael Weiß

Aber leider wird auch allzu offensichtlich, dass diese Musik aus Versatzstücken zusammengesetzt ist, mit denen man nicht allzu viel falsch machen kann. Man nehme zwei Teile Ramones, ein Teil Beach Boys und runde das Ganze mit etwas Arctic Monkeys und Strokes ab und schon hat man eine Erfolgsmixtur, mit der auch eine mittelmäßige Band punkten kann. Aber alles kein Geheimnis, die Vaccines sagen es doch selbst ganz offen in Ihrer Zugabe „Teenage Icon“:

„Oh look at me, so ordinary, no mystery 
with no great capability but I could make out as if I had it 
But you know god I’m so obvious and I should let it go…“

Trotz dieser entwaffnenden Ehrlichkeit: auf die Liste meiner Top-10-Konzerte 2012 für den Gig-Blog-Adventskalender wird es dieser Abend sicher nicht schaffen.

Deap Valley

Vaccines

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.