DIAGRAMS, 23.05.2012, Manufaktur, Schorndorf

Diagrams - Manufaktur

Foto: Özlem Yavuz

Der erlösende Weltuntergang Gewittersturm will auch heute Abend einfach nicht kommen. Schwül war’s, schwül bleibt’s. So muss man dann doch im Zustand eines überhitzten (stinkenden) Backsteins in den Konzertsaal. Der ist ja in der Manufaktur sehr hoch gebaut, dementsprechend auch erträglich das Klima. Und richtig voll wird es leider auch nicht. Gut für die Körpertranspiration, schlecht für das Welt-Karma, denn herausragende Musik sollte immer gebührend gewürdigt werden. Und die Manufaktur hat es mal wieder stilsicher geschafft, moderne und interessante Popmusik in die Gegend zu lotsen.

Sam Genders‘ aktuelles Projekt Diagrams betourt gerade sechsköpfig Europa. Eine richtig feste Formation gibt es wohl nicht, ist eher so ein Kollektiv-Ding. Die letztes Jahr hier aufgetretene Hannah Peel gehört beispielsweise zum Musikerkreis von Diagrams. Und siehe da, dasselbe Label (Full Time Hobby), für das auch Erland & The Carnival veröffentlichen, in deren Vorprogramm Miss Peel spielte. Die Musikerwelt ist ein Dorf.

Kurz nach 21:30 Uhr ertönen die ersten Klänge von „Hill“, und das ist schon ziemlich massiv was da geboten wird. Ein energiegeladenes, geometrisch-vertracktes Stück Musik ist das, welches fast schon ein wenig an King Crimson erinnert. „Wie klingt denn bitte geometrisch-vertrackt, Du Schlauschwätzer?“ – „So halt, Schnauze!“ Wunderbarerweise gehört auch ein Trompeter zur Formation. Allein das wertet schon jeglichen Musikabend um 50% (Wert geschätzt) auf.

„Ghost Lit“ wird von Sam Genders besonderer Stimme geprägt, die von den Stimmen der Keyboarderin und des Schlagzeugers wunderbar mehrstimmig harmonisiert wird. Trompete dazu, feine Gitarrenarrangements, gerne mal live-eingeloopte Stimmen, und man bekommt einen wirklich wunderbaren, vielschichtigen Bandsound, der trotz aller verschiedenen Facetten nie die Songorientierung verliert. Wenn man Junip, Gravenhurst oder aber auch Sufjan Stevens mag, ist man hier nicht falsch aufgehoben. Metronomy wird ja auch gerne in Rezensionen als Vergleich bemüht. Kann ich nix zu sagen, da eine fast schon manische Hype-Phobie gepaart mit pathologischem Distinktionszwang, hier für einen blinden, musikalischen Fleck im Oberstübchen sorgen.

Diagrams - Manufaktur

Foto: Özlem Yavuz

Beim sehr tollen „Antelope“ kann man auch wieder Sufjan Stevens als Vergleich bemühen. Orchestral, rhythmisch komplex und doch tanzbar, schöne Gesangsharmonien. Und was die sehr gut eingespielte Band ebenfalls sehr gut beherrscht sind die Laut-Leise-Dynamiken. Wird nicht eine Sekunde dröge der Abend, null.
„Icebreakers“ ist ein ruhiges Stück mit gezupfter Akustikgitarre, das durch das stückweise Hinzufügen von zweiten und dritten Stimmen wunderbar wächst. Das Flügelhorn spielt dazu Töne, die der Seele zersausten Hauptes streicheln, und einfach durch ihre schiere Schönheit Trost spenden, für alles. Ich hatte glaub erwähnt, Trompeten zu mögen.

Die Band ist übrigens in bester Spiellaune, das sieht man wie sie sich auf der Bühne gibt. Blickfang dabei ist öfters der Schlagzeuger, ein Spektakel für sich ihn zu beobachten. Sam Genders wirkt wie ein leicht schüchterner, aber sehr sympathischer Nerd, der uns im Laufe des Abends wissen lässt, dass eigentlich zwei Bläser mehr zur Formation gehören würden, die aber gerade wohl wegen einer College-Aufnahmeprüfung nicht mitkommen konnten. Weitere nette Informationen von der Bühne: am Merchandise-Stand läge ein Buch aus, in das man reinschreiben könne, was man wolle, und ein Lob an seinen Soundtechniker Chris, ohne den seine Stimme wie die von Kylie Minogue klänge.

Über das Talking-Heads-artige „Black Light“ gelangen wir zu meinem persönlichen, musikalischen Höhepunkt des Abends: „Peninsula“. Wunderbar arrangiert endet der Song in einem grandiosen Finale. Choräle sind das, und da das Wort „himmlisch“ auf Deutsch mittlerweile nach Joghurtwerbung klingt, möchte ich gerne das englische Wort „celestial“ benutzen. Celestiale Chöre hämmern auf einen ein, wahre Verzückung setzt ein, wie sie nur in diesen besonderen, musikalischen Momenten passiert.

Und bevor ich mich um Kopf und Kragen euphorisiere, doch noch zwei schnelle Kritikpunkte. Mit knapp unter einer Stunde war’s einen Ticken zu kurz. Mit dieser Band lassen sich die Songs doch bestimmt noch strecken, gut strecken.
Und ein Fan von Vampire Weekend Gitarren, wie sie ab und an mal auftauchten, werde ich auch nicht mehr. War aber trotzdem ein absolutes musikalisches Highlights meines Jahres 2012 bisher.

Diagrams

Ein Gedanke zu „DIAGRAMS, 23.05.2012, Manufaktur, Schorndorf

  • 30. Mai 2012 um 08:45
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    Sehr schöner Text!

    Großartig: „Kann ich nix zu sagen, da eine fast schon manische Hype-Phobie gepaart mit pathologischem Distinktionszwang, hier für einen blinden, musikalischen Fleck im Oberstübchen sorgen.“

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