IAN ANDERSON, 17.05.2012, Liederhalle, Stuttgart

img_6093

Foto: Dominic Pencz, Rock of Ages 2011

Thick As A Brick
Der irische Autor Flann O’Brien könnte wirklich als ‚Little Milton‘ durchgehen, wenn er auch kein Brite ist und man ihn – anders als Gerald Bostock – auch nicht in eine Geschlossene Anstalt überweisen wollte. Für den vorzeitigen Vertreter der Postmoderne O’Brien war es jedenfalls nichts Besonderes, die irrwitzigsten Figurenkombinationen und Ereignisse in einem Roman wie „Auf Schwimmen-Zwei-Vögel“ miteinander zu vereinen.

Sein Geist muss sich nach seinem Tod 1966 auf die bald entstehenden Gruppierungen Monty Python und Jethro Tull (und wohl noch auf Douglas Adams) verteilt haben. So in etwa muss es zu dem von Gerald ‚Little Milton‘ Bostock getexteten Stück „Thick As A Brick“ und dessen Aufführung in der Stuttgarter Liederhalle gekommen sein: Erzählt wird uns vom Taucher, der durch Großstadtstraßen und über Felder trottet und einem Harlekin als Sänger, von Archibald Perrit, dem stolzen Schlossherren, und dem armen Thomas, der sich einer zotigen Prostata-Untersuchung unterziehen muss, und natürlich von Gerald Bostock selbst, diesem fiktiven achtjährigen Schuljungen. Das hätte sich Flann O’Brien ausgedacht haben können.

Anders als bei Flann O’Brien ist der Erzähler hier nicht ein fauler Student, sondern dieser Kranich mit dem Silberschnabel, dieser exzentrische einbeinige Querflötist, Sänger und Mastermind Ian Anderson. Anlässlich des 40. Jubiläums des Jethro Tull-Albums „Thick As A Brick“ hat er sich noch einmal seiner Kunstfigur zugewandt und der Frage gestellt, was aus dem Jungen von einst geworden sein mag: Gerald der Banker, Gerald der Obdachlose, Gerald der Soldat? Infolgedessen erfahren wir nun die ganze Geschichte in einem zweiteiligen Auftritt. Beide Teile werden – ganz ähnlich wie auf der letzten Rush-Tour – durch einen Film eingeleitet, in welchem der Musiker selbst mitspielt. Am Anfang beobachten wir den heute 48-jährigen Gerald, als er bei dem Psychologen Dr. Maximilian Quad vorstellig wird. Mit dessen Frage, ob die Probleme ihre Ursache nicht bereits in der Kindheit haben, beginnt die Anamnese und der Bericht vom Sturz des jungen, geschassten und für verrückt erklärten Literaturpreisträgers – das heißt, es beginnt der zweiteilige 43-Minuten-Song, der vorgeblich das respektlose Gedicht des Jungen vertont.

Das Stück umfängt uns natürlich gleich mit dem charakteristischen Übermaß an Noten, den Tonart-, Stimmungs-, Charakter-, Rhythmus-, Tempo- und Instrumentierungswechseln. All die typischen Trade Marks des Prog Rock (nicht Pop, wie wir später belehrt werden) sind vorhanden: diese Suche nach dem nie Dagewesenen und das Prinzip, mehr Songideen in eine Minute zu packen als andere auf ein ganzes Album. Da werden Eigenschaften der verschiedensten Musikrichtungen übernommen. Am augenfälligsten ist noch der Folk, aber auch der Jazz mit beispielsweise seinen wechselnden Soli und den beliebten Dialogspielen zwischen den Instrumenten hat seine Spuren hinterlassen. Da spielt die Querflöte eine Melodie von acht Tönen, die Gitarre antwortet, wieder Querflöte, wieder Gitarre, dann beide mit Drums, schließlich – nach einem abgedrehten Querflötensolo – Einsatz Tutti auf die Melodie, mit welcher das Ganze begann. Kein Gedanke wird zu lange verfolgt; zu viele Ideen drängen in den Vordergrund. Trotzdem gibt es Passagen zum Mitsingen, was interessanterweise aber niemand macht. Überhaupt ist das Publikum während der Stücke geradezu vom Stupor ergriffen – die Musik saugt wohl alle geistigen Reserven auf. In den kurzen Unterbrechungen wird die Begeisterung dafür von keiner Bande mehr gehalten.

Diese Unterbrechungen hat Ian Anderson immer wieder in „Thick As A Brick“ eingefügt, um darin szenische Elemente einzubauen, die genauso wenig in Zusammenhang zum Thema des Stückes stehen, wie dieses sich auf eine einzelnes Thema reduzieren lässt. Hier muss der Zuschauer Thomas sich dann auch auf der Bühne der erwähnten Prostata-Untersuchung unterziehen – schade, dass die Szene gestellt ist: Mit jemand Nichtsahnendem aus dem Publikum wäre das freilich authentischer gewesen. Ian Anderson erhält aber auch einen Anruf von Anna Phoebe, die kurz später über Skype-Videoanruf einen Violinenbeitrag spielt. Und hinter ihr im Wohnzimmer ist er dann auch zum ersten Mal zu sehen: Dieser ominöse Taucher in voller Montur, welcher den Rest des Konzertes begleitet. Ist es Gerald der Taucher?

Als würde die Musik nicht ohnehin schon alle Aufmerksamkeit erfordern, präsentiert uns Ian Anderson per Beamer noch einen strammen Marsch durch die Kunstgeschichte vom Teppich von Bayeux zu Pieter Brueghel’s „Turmbau zu Babel“ und vielem mehr. Dazu gibt’s Comics, Kriegsphotos und Biggles-Buchcover, die sich ausnahmsweise mal auf den Inhalt von Gerald’s Gedicht beziehen. Und überraschend schnell endet „Thick As A …“ mit einem kräftigen, von ganzen Publikum gerufenen „Brick!“

Flötenkonzert in der Liederhalle
Stuttgart – Am vergangenen Donnerstagabend fand im Beethoven-Saal der Liederhalle, Berliner Platz, ein Konzert des Flöten und Prog Rock-Ensembles statt. Der feingeistige und – wenn man so sagen kann – leidenschaftliche Auftritt der sechs Musiker wurde jedoch zeitweise durch das zunehmend unruhige und sich stark bewegende Publikum verdorben.
Das Ensemble ist für seinen lebhaften und extrovertierten Stil weithin bekannt, jedoch gingen manche der stilleren und bedeutungsvolleren Passagen wegen des ansonsten enthusiastischen Publikums verloren. Die Musikauswahl bestand aus zwei Passagen von „Thick As A Brick“ und einigen anderen Stücken von Ian Anderson.

Thick As A Brick 2
Nach 20 Minuten Zeit, um die Synapsen zu entknoten und sich einen Reim auf das Ganze zu machen, geht es weiter. Auch die zweite Hälfte beginnt mit einer Gruppe von Hausmeistern, welche die Bühne abstauben und präparieren, indem sie etwa die Querflöte hereintragen. Und auch die zweite Hälfte beginnt mit einem Film, in welchem Ian Anderson als Archibald Perrit durch sein Anwesen in St. Cleve, dem fiktiven Wohnort von Gerald, führt. Wie schon bei Annas Skype-Anruf ist der Film im Stile zeitgenössischer Medien gehalten, hier: YouTube. Abschließend kündigt Archibald ein Konzert von „Ian Anderson und seinen Kumpels“ an – nicht, ohne eine Programmvorschau auf einen „Phil Collins-Karaoke-Abend im Dirty Duck“ zu machen.

Der zweite Teil des Abends widmet sich jetzt natürlich Geralds Gegenwart und damit „Thick As A Brick 2“, dem kürzlich erschienenen Soloalbum Ian Andersons, das hier ebenfalls am Stück durchgespielt wird. Anders als das 1971er-Album sind hier sowohl von der Länge als auch der Struktur her gesehen klassische Songs enthalten. Durch die kürzeren und sich natürlich auch wiederholenden Elemente ist diese Musik wesentlich eingängiger als jene im ersten Teil. Der Stil des ersten Albums bleibt jedoch weitgehend erhalten. Die vielen musikalischen Umwege, welche Jethro Tull über die Jahre gemacht haben, finden hier also keinen Niederschlag.

Dafür verstärkt sich der theaterhafte Charakter des Konzertes und mischt sich hier sogar ein wenig ins Songwriting, dass stellenweise an die etwas Musical-hafteren Stellen beim Alan Parson’s Project erinnert. Die auch mal kurzen, einfacheren Rhythmen sorgen dann für einen ebenso kurzen Versuch des Publikums mitzuklatschen. Doch das funktioniert bei dieser Art von Musik mit ihren unvorhersehbaren Strukturen natürlich nicht. An den Melodien jedenfalls kann man sich nicht satthören. Diese in schnellem Wechsel eingesetzten musikalischen Mittel unterschiedlichster Art zeichnen dem Betrachter seltsame Animationsfilme in den Kopf. Vielleicht ist es der Monty Pythoneske Humor von „Thick As A Brick“, durch welchen dieser Film die Bildsprache von deren Trickfilmsequenzen annimmt. Vielleicht liegt es auch nur an den Knoten, in denen sich meine Synapsen immer noch verheddert haben. Oder vielleicht wird dieser innere Film auch durch die absurde Geschichte des Tauchers mitbestimmt, den wir – im Neoprenanzug mit Brille und Sauerstoffflaschen – immer weiter durch städtische Straßen und schließlich über Feldwege gehen sehen. Dort findet er eine Pfütze, in die er mit großem Enthusiasmus hineinspringt, die allerdings gerade mal tief genug ist, seine Flossen zu benetzen.

Der gelegentliche Musical-hafte Charakter und die absurden Erzählungen verbinden sich dann auf der Bühne, wo der neben Ian Anderson zweite Sänger Ryan O’Donnell immer wieder in andere Rollen schlüpft: Harlekin, Arzt, Hausmeister, Priester – auch mal in klassisch-britischer Freizeitkleidung zeigt er noch am meisten jener für Ian Anderson in den frühen Siebzigern typischen Verrenkungsübungen.

Schließlich führen all diese Geschichten zu zwei – und noch einem dritten – Ende: Als erstes findet unser trauriger Taucher doch noch das Meer, watschelt hinein und verschwindet. Kurz darauf endet der zweite Teil des Konzertes – ganz konsequent – genauso, wie der erste: Das „Thick As A …“ wird vom Publikum enthusiastisch mit „Brick Two!“ ergänzt. Und nachdem sie noch einen riesigen Ballon in den Saal geworfen hat, geht die Band ab.

Kurz vor Redaktionsschluss
Aber ich habe drei Enden versprochen! Denn nachdem der Ballon geplatzt ist und die Zuhörer zunehmend unruhig werden und sich aufgeregt hin und her bewegen, kommt Ian Anderson mit seinen Kumpels tatsächlich nochmal zurück und schenkt uns als Abschluss „Locomotive Breath“. Ein besserer Schluss wäre Flann O’Brien sicherlich auch nicht eingefallen.

Und dank unserem Neuzugang Dominic können wir euch doch noch mit Konzertfotos von Ian Anderson versorgen:

2 Gedanken zu „IAN ANDERSON, 17.05.2012, Liederhalle, Stuttgart

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.