AGENT SIDE GRINDER, 08.05.2012, Komma, Esslingen

Agent Side Grinder

Foto: Steffen Schmid

Irgendwann Ende der Achtziger Jahre war als ich das letzte Mal im Komma. Eine lokale Punkrock-Band lockte mich in den Laden und so reiste ich nach Esslingen. Fast eine Expedition, schafften wir es damals doch selten viel weiter als in unsere Stammkneipen, das Casino und das Exil. Doch im Komma mit seinem Hinterhof-Flair konnte ich mich auch gleich wohlfühlen. Nach dem Konzert brachte dann die Band für einen Heiermann ihre selbstkopierten Musik-Kassetten unters Volk.

(Kleiner Einschub für die jüngeren Leser: Kassetten sind kleine Plastikboxen mit einem Magnetband auf zwei Spulen. Nutzte man damals, um in stundenlanger Kleinarbeit seiner Angebeteten Mixtapes zusammenzukopieren oder einfach nur die Musikindustrie zu töten. Früher oder später verwandelte sich dann jede Cassette in so genannten Bandsalat)

Fünfundzwanzig Jahre später bin ich nun zum zweiten Mal im Komma. Agent Side Grinder, das selbst ernannte Elektro-Monster aus Schweden steht – im Rahmen des fünfundzwanzigjährigen Komma-Jubiläums – auf dem Programm. Casino und Exil gibt’s schon lange nicht mehr. Umso schöner ist es hier: ein lauschiger Fabrik-Innenhof, verblichene Punkparolen an den Wänden, graubärtige Altrocker von Kuhle Wampe und günstiges Flaschenbier lassen wehmütige Erinnerungen an die Achtziger aufkommen. Und was sehe ich auf dem Merchandising-Tisch? Musik-Kassetten!

Ja, Agent Side Grinder nehmen es genau mit ihrer Retro-Attitüde. Nicht nur historische Datenträger bieten Sie an, auch auf der Bühne sammelt sich (zuerst noch unter dunklen Tüchern versteckt) eine imposante Menge altertümlicher Musik-Elektronik. Doch dazu später.

Dustin Wong im Komma in Esslingen als Support zu Agent Side Grinder

Foto: Steffen Schmid

Auf einem Stuhl vor der Bühne sitzt nämlich bereits Dustin Wong, der Support-Act. In einem exakten Halbkreis hat er vor sich eine Menge kleiner Loop-Sampler und Effektgeräte aufgereiht. Mit Hilfe dieser Geräte und seiner Gitarre macht er das, was viele Ein-Mann-Bands tun. Er spielt ein kleines Riff, zeichnet es auf, lässt es als Loop ablaufen und spielt die nächste Melodie dazu. Diese bildet den nächsten Loop und so weiter. Schicht um Schicht baut er so rhythmisch komplexe Klanggebilde auf – quasi ein musikalischer Baumkuchen. Und dies tut er wirklich virtuos. Die Sphärenklänge entwickeln eine geradezu hypnotische Wirkung. Der Musiker jedenfalls versinkt in sich und scheint das Publikum kaum wahrzunehmen. Diese Musik steht – ich übertreibe nicht – in bester Tradition der großen Minimalmusiker Steve Reich oder Philip Glass. Ein wunderbarer Einstieg in den Abend, was auch von den Schweden entsprechend gewürdigt werden wird. Nach einer guten halben Stunde packt er sein Equipment, seine Schuhe und seinen Rucksack, verabschiedet sich schüchtern und verlässt auf Socken den Saal.

Agent Side Grinder

Foto: Steffen Schmid

Auf der Bühne sind die Gerätschaften inzwischen ausgepackt. Altmodische Keyboards, Band-Maschinen und Sequenzer stehen im Halbkreis um das Gesangsmikro, von der Decke baumelt eine imposante Stahlfeder, am linken und rechten Bühnenrand stehen Leuchtschilder. „Agent Side Grinder“ und „Hardware“ verkünden sie. „Hardware“ ist der Titel der aktuellen CD, äh, der Musikkassette. Wie der Titel zustande kam, muss nicht länger erklärt werden.

Agent Side Grinder

Foto: Steffen Schmid

Schick sind sie, die Schweden, allen voran natürlich Sänger Kristoffer Grip mit seiner schlaksigen Statur, im eleganten Anzug, hohlwangig, mit pomadisiertem Haar und finster-durchdringendem Blick. Der Rest der Kapelle trägt vornehmlich schwarze Overalls und Springerstiefel und guckt böse. Mit „Look Within“ dem Opener ihrer aktuellen CD beginnen sie – und, was soll ich sagen, das ist wahrlich eine musikalische Zeitreise. So hätten die Bands in den Achtzigern gerne geklungen: breitschultrig, mit bös knarzenden Tiefbass-Synthesizern, fluffigem Keyboard-Sound und einem hart gespielten Bass (das einzige konventionelle Instrument übrigens). Sehr erfreulich: anders als befürchtet wird das ganze in einer vernünftigen Lautstärke zum Besten gegeben. Dem Sound tut’s gut.

Agent Side Grinder

Foto: Steffen Schmid

Die Band scheut sich nicht, ihren Stil durch den Vergleich mit anderen Musikern zu beschreiben, so sei es auch mir erlaubt: Joy Division, Depeche Mode und Kraftwerk nennen Sie als Einflüsse. Ich glaube noch, Spuren von Front 242, Red Lorry Yellow Lorry und Human League zu erkennen. Kurzum: Wir befinden uns mittendrin im Spannungsfeld zwischen New Wave, Industrial, EBM, Elektro und auch ein wenig Dark Wave.

Agent Side Grinder

Foto: Steffen Schmid

Grip gibt den Star. Große Gesten, dramatische Posen und ekstatische Tanzeinlagen – für ein großes Publikum und große Hallen geeignet. Das Komma ist zwar nicht ganz so groß und das Publikum überschaubar. Aber, was soll’s: das passt zur Musik, ein wenig Pathos ist da erlaubt. Ein musikalisches Kabinettstückchen sind übrigens die Loops oder Echos, die mittels einer Uralt-Bandmaschine und einzeln eingeführten Magnetbandschlaufen erzeugt werden. Die bereits erwähnte Stahlfeder hat einen Tonabnehmer und dient – Einstürzende Neubauten lassen grüßen – als Rhythmus-Instrument.

Agent Side Grinder

Foto: Steffen Schmid

Rechtzeitig zum Ende des Sets wird auch das Publikum langsam warm, und ASG lassen sich nicht lange bitten: zwei feine Zugaben gibt’s noch. Grip hat sich wirklich verausgabt, Jackett und Oberhemd abgelegt, Frisur zerstört, Wangen gerötet  und verabschiedet sich im Feinripp.

Näher betrachtet sind’s eigentlich ganz nette Jungs. Jedenfalls könnte ich mir vorstellen, dass sie die großen Bühnen, für die sie doch schon so gut präpariert sind, noch erklimmen werden.

Agent Side Grinder

Foto: Steffen Schmid

Dustin Wong

Agent Side Grinder

Ein Gedanke zu „AGENT SIDE GRINDER, 08.05.2012, Komma, Esslingen

  • 15. Mai 2012 um 10:40
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    Schöner Bericht, eigentlich meine Musik (früher).

    Assoziation „Heiermann“:
    Mein Opa, Buchhalter auf der Zeche „Minister Stein“ in Dortmund, zahlte in den 50ern die Kumpels in Hartgeld aus: jeden Freitag gab´s einen Heiermann. Wird in der Familie so erzählt.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Heiermann

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