THE TWILIGHT SAD, 16.04.2012, Schocken, Stuttgart

The Twilight Sad

Foto: Steffen Schmid

Montagabend, der nutzloseste Teil jeder Woche. Das Gute daran: kann man immer gleich zu Beginn der Woche abhaken. Strich drunter, Arschlecken, vorbei. Dieses Mal gibt’s dabei sogar Hilfe von The Twilight Sad, den schottischen Dunkelwavepostwasweißich-Rockern. Kurz, garantiert nicht schmerzlos – darauf kann man aufbauen, beziehungsweise von hier an geht’s mit einem Lächeln bergab. Alles eine Frage der Perspektive. Wer trotzdem noch nix sieht, macht eben lauter. Haben die Typen aus Glasgow auch drauf.

„Da könnte ich mich reinsetzen“, sagt eine Freundin immer, wenn Essen besonders lecker schmeckt. Ist Geschmacksache. Ich finde es zu 99 Prozent übertrieben, mich in oder auf Dinge zu setzen, nur weil sie toll sind. Aber bei Twilight Sad kenn‘ ich auch nix: da möchte ich mich sogar reinlegen. Das ist ehrlicher, wer sich hinlegt, gibt die Kontrolle ab.

The Twilight Sad

Foto: Steffen Schmid

Sänger James Graham hat das längst hinter sich, als er auf die Bühne läuft. Irre, der Typ. Im unförmigen Ringelshirt, Stretchhose und Samba-Tretern steht er da, zuckt, greift unbeholfen mit den Fingern nach Luft, ballt Fäustchen und kneift die Augen zusammen, als wäre schon wieder Tränengasparty bei Mappus im Garten. Ab und an hält er still und dann zuckt er wieder. Als hätte er eine Meldung „reinbekommen“. Ansonsten singt er Gott, die Welt, Hinz, Kunz, Alles und den Rest in Grund und Boden. Sind leider nicht alle gekommen – 70 Leute sind’s über den Daumen gepeilt. Wer sich übrigens mal die Mühe macht und etwas länger den eigenen Daumen anstarrt, wird feststellen wie ulkig der eigentlich aussieht. Egal.

An Twilight Sad wiederum ist rein gar nichts witzig und noch weniger egal. Los geht’s mit „Kill it in The Morning“. Auf  der neuen Platte „No One Can Ever know“ ist das ein bisschen langweilig, hier im Schocken wird es zur Dampfwalze mit fast dubbigem Bass – das klingt nach drohendem Unheil. „That Summer At Home I Had Become The Invisible Boy“ ist auch toll und der erste Schlag mitten ins Gesicht soll auch nicht lange auf sich warten lassen: „Dead City“.

The Twilight Sad

Foto: Steffen Schmid

„No One Can Ever Know“ singt Graham da und wiederholt das zur Sicherheit immer wieder. Der Spaß auf den Punkt gebracht, damit es bloß keiner vergisst. Das Trio aus Glasgow, verstärkt durch zwei Freunde an Bass und Keyboards, kennt da weder ironische Distanz, noch Glamour. Hier gibt’s Unbehagen und das gefälligst bis zum Abwinken – ungefiltert, ungeschönt. Prostmahlzeitschönebescherung. Das sind keine Typen, die „I don’t like Mondays“ auf Facebook posten würden, eher so: „Montag ist irgendwie immer“.

Graham tippelt derweil schon wieder rum wie einer, der seit  zwanzig Minuten vor der verschlossenen Toilettentür steht und halt rein will. Was er da genau singt – keine Ahnung. Der Typ rollt jedes „r“ als würde er den verfluchten Buchstaben ein für alle mal los haben wollen. Der Rest ist akzentfreies Schottisch. Nur wenigen Menschen außerhalb von Schottland ist es vergönnt, das zu verstehen. Ich lehn‘ mich da mal kurz aus dem Fenster: Ich glaube, dass die sich da manchmal selbst nicht verstehen, so wie die FDP oder Gäste bei der Maischberger. Was unterm Strich bleibt – und auch das ist nur eine Vermutung: „Lass dich nicht mit schottischen Frauen ein“, beziehungsweise:  „Das Leben könnte so viel besser sein. Kauf‘ Dir einen Helm.“ Trotzdem: Ich werde das Gefühl nicht los, Graham spricht jedem Einzelnen im Schocken aus der Seele. Das muss man auch erstmal drauf haben.

The Twilight Sad

Foto: Steffen Schmid

Dann kommt der Dreierschlag: „I Became A Prostitute“, „Reflections Of The Television“ und „Alphabet“. Letzteres alleine stellt alles in den Schatten, was die Editors in den vergangenen Jahren angestellt und Interpol verbrochen haben. Das ist so gut, dass man tatsächlich sehr laut „Boh, so gut!“ schreien möchte.  Oder „Sauber!“. Wenn’s nur nicht so sackelaut wäre. Kurz mal durchzählen. Ja, stimmt. Die Typen haben sie nicht mehr alle. Das ist wirklich sehr laut.

„And I was hoping on a good day that you would be fine, And I was hoping on a good day that you would be mine“. Das schöne alte Lied von der Hoffnung: Wenn man Glück hat, dann hallt es ein Leben lang nach.  Hall wiederum gibt’s zur Genüge, manchmal klingen die Schotten fast als würden sie durch den Schwabtunnel spielen. Gott bewahre, dass sie irgendwann durch den Heslacher Tunnel spielen.

An manchen Tagen ist das alles voll von Hoffnung, an anderen wirkt es wie ein viel zu steiler Abhang und manchmal sind die Lieder der Schotten exakt wie der gute Freund, der einem noch ein Schlückchen einschenkt und „Achkomm, scheiß drauf“ sagt und dabei ein bisschen lächelt. Trost. Ganz von der eigenen Tagesform abhängig, wer will der hat. „Nil“ ist toll. Fast ekelhaft ergreifend. Keine Ahnung, ob sie „Don’t Move“ gespielt haben, vielleicht rede ich mir das auch nur ein. Weil das Lied so schön ist, dass es jeder hören sollte.

The Twilight Sad

Foto: Steffen Schmid

Kurz durchatmen, dann wird’s richtig fies: „Cold Days From The Birdhouse“. Ein bisschen Hintergrundgefiepse und alleine am Bühnenrand James Graham, der glasklare Worte für trübe Gefühle findet und sie förmlich gegen die Decke des Schockens singt. Für einen Moment fühlt sich das an, als wäre man irgendwo aus Versehen reingeplatzt. Anklopfen vergessen, plötzlich steht man mitten im Zimmer und stört wahnsinnig. Dann bricht das Lied los. Der klagende und getragene Gesang wird immer mehr, lauter, eindringlicher und dann gibt’s kein Halten mehr.

Für die Gitarre von Andy MacFarlane sowieso. Hall, Echo, Delay, Feedback, Fuzz  – alles auf einmal. Regler auf „11“ bis zur Schmerzgrenze und dann aauuufffgeeehht’s.  Jaja, Kollege kommt gleich, Erbarmen gibt’s vielleicht morgen wieder. Im Schocken spielt MacFarlane wie einer, der töten will. Die Tättowierungen auf seinem Unterarm sehen aus, als hätten ihn Kinder im Schlaf vollgemalt – mutig. Würde mich nicht trauen, diesen kahlgeschorenen Schnauzbartträger anzumalen. Während er sich auf der neuen Platte fast zurückhält, hier am Montagabend im Schocken dreht er durch und auf. Da könnte man auch mitten im April „My Bloody Valentine“ rufen. Geht immer.

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Foto: Steffen Schmid

Graham sagt, dass noch zwei gehen: „And She Would Darken The Memory“ und „At The Burnside“. Dann ist etwas mehr als eine Stunde vorbei. Das Konzert auch. Einer motzt, die „Fickfressen“ sollten Zugaben spielen. Er hat Glück, dass die Schotten das nicht hören. Es könnte Beulen geben. Mir reicht’s, bin restlos bedient. Vereinzelt hört man Leute, die mit dem Pfeifen im Ohr um die Wette brüllen. Es war wirklich sehr laut. Nur Arab Strap waren hier gemeiner. Auch die sind Schotten. Ich glaube ich bin etwas Großem auf der Spur.

Irgendwann wenn ich mal ein Kind höre, dass mit schottischem Akzent spricht, werde ich zu meiner Begleitung sagen: „Schau mal. So klein und spricht schon so gut Schottisch. Ein Jammer, dass es bald taub sein wird“. Dann werden wir „Hoho“, vielleicht auch „Haha“ sagen und weitermachen mit irgendwas. Irgendetwas Schönem.

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Foto: Steffen Schmid

3 Gedanken zu „THE TWILIGHT SAD, 16.04.2012, Schocken, Stuttgart

  • 20. April 2012 um 14:24
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    Das Konzert war mal wieder der Beweis dafür, dass nicht die Länge zählt, sondern wie man damit umgeht! Sauber! Sauber geschrieben auch. Sauberer Setzer.

  • 20. April 2012 um 15:42
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    Sauber!

  • 22. April 2012 um 18:48
    Permalink

    großer Sport

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