DEICHKIND, 07.03.2012, Schleyerhalle, Stuttgart

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Foto: Andreas Meinhardt

Komplett Ausrasten! Kann man machen. Bei den verschiedensten Anlässen. Beim Unreal Tournament spielen, wenn die falsche Pizza geliefert wird, beim SSB-Warnstreik, wenn der VFB verliert, die Alde nix gekocht hat, das Bier alle – und das Wetter schlecht ist oder der Fernseher nicht funktioniert. Oder halt bei Deichkind in der Schleyerhalle. Im Vollsuff. Mehr is‘ nich‘. Leider Trotzdem geil.

Vor der Schleyerhalle stehen sie schon mit ihren Einkaufswägen. Verpackt in Mülltüten und Warnwesten, mit leuchtenden Pyramiden auf’m Kopf. Ich bin mir nicht wirklich sicher, ob hier jemand nüchtern ist. Auch bei den Sicherheitsleuten nicht. „Endlisch normale Leute“, sagt einer neben mir in der Bierschlange. „Ja sauber“, denk ich, „recht hat er“. Manchmal verstehe ich nicht, was wer erzählt – bin nicht betrunken genug. Eine hängt schon am Stromkasten in der Ecke. Das ist Spaß. Dann jetzt rein da in die Halle:
Die ist abgehängt. Mit blauen Tüchern. Sonst passen hier knapp 13.000 Leute rein, heute sind 3.500 da. Die Bühnenkonstruktion aus sich verschiebenden Leinwänden, Quadern, Würfeln und Tüchern verwirrt mich. Ich bleibe cool. Alle anderen rasten aus. „Achtung, alle Hände hoch!“ brüllt Deichkind die Fans an. Die brüllen zurück und reissen ihre Hände hoch. Die Bühne verschiebt sich. „99 Bierkanister“ lässt die Halle beben, Deichkind ist in Alufolie gekleidet. Mein Bein wippt mit.

Wer hier wer ist und wer welche Funktion hat, kann ich leider nicht ausmachen. Einmal erkenne ich Ferris MC Ferris Hilton. Er hat eine Krone auf dem Kopf und ein Zepter in der Hand. Irgendjemand hält mir sein Smartphone ins Gesicht. Ich lache, er filmt. „Wir befehlen euch zu feiern/ Euch an uns zu berauschen/ Und wenn ihr dadurch pieschern müsst/ Dann lasst es einfach laufen“ Bierfontänen spritzen über die Menge, Deichkind machen weiter und geben noch mehr Gas. So geht Party. Eingängige Texte und einfache Beats sind das Erfolgsrezept der Formation. Mit 3 ‰ haben die auch ’ne politische und gesellschaftskritische Aussage. Jetzt stemmen sie Pappmacheé- Hanteln auf der Bühne. „Hier ist das Deichkind – wir wollen heute Sport mit euch machen“ ruft Kryptic Joe, jemand wirft Klopapier auf die Bühne. Ein Schlauchboot wird gewassert gefant und jemand mit ’ner Leuchtkappe stürzt herunter. Zu wenig Leute zum tragen. Glaube, er wurde zertreten. „Mehr Bühnenshow als Konzert“ sagt der Meini später. Yes, Sir! Wenn jemand die Bezeichnung „reine Liveband“ verdient, dann Deichkind.

„Befehl von ganz unten“ heißt die Platte, mit der sie touren. Deichkind will, dass wir aufstehen. „Do your fucking job ‚till the end“ sprechsingen sie. Einverstanden. Die Bühne wird lila, eine riesige, bunte Sonnenbank steht herum, Deichkind trägt Ponchos im „Partnerlook“ – „Wunderbar“. Schneller als ich schauen kann, werden Outfits gewechselt. Warens gerade noch blonde Perücken, sind es jetzt Daft-Punk-Helme. Sind das Samples von deadmau5 und Gus Gus? „23 Dolen ziehen durch die Nacht“, die Bühne ist in Schwarzlicht getaucht, Deichkind in Neonfarben. Jetzt haben sie weiße Regenschirme aufgespannt, Bier spritzt umher und auf dem Klo liegt einer auf ’ner Mülltüte. War vorher sein Outfit, der Boden klebt. Bei „Leider Geil (Leider Geil)“ haben sie keine Schirme mehr. Brauchen sie nicht, denn das Video wird auf die Würfelleinwand projeziert. „Diagnose Psychose/ Mir doch egal“ – denk ich mir auch – „leider geil“. Sie spielen“Pferd aus Glas“ und „Der Mond“.
„Ich f**k den so hart!“ schreit meine Konzertnachbarin. Wen sie meint, weiss ich nicht. „Ich will hier weg, ich muss hier raus“ singt das Deichkind. Ich komme mit.

Bei „Luftbahn“ kreischt das Publikum gegen Deichkind an. „Geht’s hier jetzt um’s Sterben oder um Posex?“ brülle ich meiner Begleitung zu, – „Scheißegal, beides gleichgeil!“ brüllt’s zurück. Sauber! Zum Ende hin wirds nochmal ’ne Spur heftiger. Mit Sturmmasken, Wasserschläuchen und Konfettikanonen wird das Publikum traktiert, „wir ziehen in den Krieg“ kommt von den sechs Bühnenfreaks. Sie blasen Rauch aus Rohren und hüpfen auf den Quadern ihrer Bühnenkonstruktion herum. Das Publikum flippt noch mehr aus. So richtig superlativmäßig. Verzweifeltes Gekreische mischt sich mit Bier-Mauldampf und Schweißgeruch „Lasst uns die Kontrolle verlieren“ – Stroboskoplicht lässt die Schleyerhalle zittern. Ob das dem Hanns Martin gefällen hätte?! Keine Ahnung, den Fans gefällts. „Keine Macht für Niemand/ Wir werden uns nicht stellen/ Ihr seid das Imperium/ Und wir sind die Rebellen“ Einfach und einleuchtend – mit Dubstepsamples. „Begrüßt das Fass“ schreien sie, während die Riesentonne durch die Menge walzt. Hab ich gesagt, „so geht Party“? Vergessen! So geht Eskalation! „Arbeit nervt“ heißt es in, äh, „Arbeit nervt“ von Kryptic Joe, Ferris Hilton, DJ Phono und Porky. Manchmal schon, heute nicht. Am Ende ist alles voller Daunen. „Gute Nacht, Kinder!“

2 Gedanken zu „DEICHKIND, 07.03.2012, Schleyerhalle, Stuttgart

  • 8. März 2012 um 22:24
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    Das Partyvolk „Gebiert und Gefedert“. Hätte doch bis zum Schluss bleiben sollen ;)

  • 15. März 2012 um 11:22
    Permalink

    Klingt so wie man dachte dass es wird :)

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