ASA, 25.01.2012, Theaterhaus, Stuttgart

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Foto: Andreas Meinhardt

Wenn Dich von den Wänden Deiner Stadt eine schöne Frau mit kaputtem Brillenglas  traurig-melancholisch-entfernt anschaut, macht man sich als Hornbrillenträger einfach Sorgen und muss der Sache auf den Grund gehen. Als mir auf dem Schulhof der Rohracker Grundschule bei einem gewagten Experiment, für welches ein Skateboard eine richtig schiefe Ebene und ein gleichaltriger waghalsiger Mitschüler nötig waren, mal so richtig die Sehhilfe zu Bruch ging, habe ich folgendes gelernt: Beton ist ganz schön hart, ein Skateboard mit zwei Jungs fährt richtig schnell, die Zeit heilt alle Wunden und durch so eine Splitterbrille sieht die Welt ganz interessant aus. Was ist wohl ASA passiert? Denn diese Dame schaute mich von ihren Konzertplakaten durch ein halbdemoliertes Nasenfahrrad an. Was hat sie wohl gelernt? Werden wir heute Abend davon hören?

Bilderzauberer Andi hat den digitalen Film eingelegt, mein Bleistift ist spitz, der gelbe Blitz hatte keinen Kolbenfresser, es kann also losgehen. Als Vorgruppe spielt Y’akoto aus Hamburg. Vier Jungs umspielen gekonnt ihre singende Frontfrau im lustigen kleinen gelben Lampenschirmkleidchen, die beim Publikum gleich von Anfang an punktet, weil sie den Herrn an der Lichtregie charmant bittet, das Saallicht etwas aufzudrehen, da sie uns sehen möchte. Sie singt irgendwo zwischen Skye Edwards und Macy Gray und die starke halbe Stunde macht Lust auf mehr. Im März kommt das Album.

Als nach einer Viertelstunde dann Asa die Bühne betritt, bin ich natürlich erst mal erfreut, dass die Brille wieder ganz ist und sie ein Malcom X-Gestell mit unzerbrochenen Gläsern auf der Nase hat. Dann wird’s überraschend. Beim Vorhören hatte ich manchmal ein bisschen befürchtet, dass das Konzert eine glatte Neosoulangelegenheit mit afrikanischen Klangtupfern für Gepakaffeetrinker und Gesinnungsleinentaschenträgerinnen werden könnte. Mit geschlossenen Augen wähnt man sich jedoch eher bei Melissa Etheridge oder einer anderen klanglich verwandten Rockröhre. Die beiden Gitarristen legen ordentlich los und wissen sogar, dass man beim saitenquälenden Zwischensolo immer in die Knie zu gehen hat. Der Schlagzeuger haut ganz ordentlich auf seine furztrocken aufgezogenen Fell und treibt das Ganze gewaltig voran. Das Publikum ist aus dem Häuschen und Asa kann den Hit „Why can’t we“ vom neuen Album, den schon ziemlich viele kennen, früh und schnell verfeuern, denn die Chefin hat den Laden hier und heute im Griff. Was wir dann zu hören bekommen, ist eine Musikmischung, wenn mir das jemand vorhergesagt hätte, wäre ich überzeugt gewesen, dass das nie funktionieren kann. Reggaeelemente, Afrorock, eine Ballade in Youruba und fiese Diskokeyboardklänge fusioniert die Dame im Ballettrock zu einem sehr fröhlichen Abend. Als sie die Bühne zwischendurch den Herren der Band überlässt und die sich in ganz gewagte Pink Floydartige Gitarrenduelle versteigen, ist das immer noch gut. Asa kommt mit einer Babytrompete zurück, steigt mit ein und der Mischer legt noch mehr Hall drauf, als bei Jan Gabarek in der Tübinger Stiftskirche. Ich sag’s verwundert: Das hat funktioniert und Spaß gemacht.

Ganz klar ist, dass es heute heftiger zugehen soll, als auf der Platte. Die ist ausschließlich für daheim und den Sessel. Life und in Farbe wird gerockt, dass es kracht. Wenn es mal ruhiger zugeht klingt Asas Stimme brüchig wie Billie Holiday, was mir bei den ruhigeren und melancholischen Momenten sehr gut gefällt. Mir fällt keine andere Sängerin ein, der ich so schnell verziehen habe, dass sie auf der Bühne die Schuhe auszog und wie ein bekiffter Waldorfschüler ihre Liedtexte tanzte. Irgendwann verschwindet sie hinter der Bühne, kommt mit Fußglöckchen zurück und führt einen Ausdrucksstampftanz auf bei dem Joaquin Cortes und Michael Flatley neidisch werden könnten. Bei der zweiten Zugabe hat es Asa dann geschafft, dass der komplette Saal steht und sie lautstark beim improvisierten Kuss-Song unterstützt. Dazu und zur gewagten Musikmischung kann man der charismatischen großen kleinen Dame aus Nigeria nur gratulieren. Ich hab noch nie gehört, wie jemand so gekonnt Musiken gemischt hat und auf so schmalem Kitschgrat wanderte, ohne abzustürzen oder dass jemand mit schmerzverzerrter Miene „Crossover-Alarm“ geschrien hätte. Chapeau! (Ob’s wohl an der neuen Hornbrille lag…?)

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Foto: Andreas Meinhardt

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