A PALE HORSE NAMED DEATH, BLOOD RUNS DEEP, 15.01.2012, Röhre, Stuttgart

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Foto: Andreas Meinhardt

Auf vier der Veröffentlichungen von Nine Inch Nails ließ Trend Reznor Remix-Alben folgen. In den 1990ern hatte er es sich dabei zur Angewohnheit gemacht, dem Remix-Album einen Titel zu geben, der sich auf den Originaltitel zurückbezieht. So folgte 1992 auf „Broken“ „Fixed“, was – seltsam genug – noch einen Übergang zum Positiven bedeutet. Das Gegenteil war dann bei „Things Falling Apart“ (2000) der Fall, seiner Antwort auf „The Fragile“ aus dem Vorjahr. Erscheint ja auch folgerichtig. Vom Weg alles Irdischen geht da schon das geflügelte Wort. Wenn Bands, welche das besingen – wie eben auch NIN – häufig ziemlich kaputt klingen, erscheint das abermals folgerichtig.

Daran, dass ich überhaupt auf solche Musik stehe, haben zwei schlecht gelaunte Bands aus Brooklyn, NY, Mitschuld, deren erste ich im Sommer 1992 entdeckte. In beiden saß Sal Abruscato am Schlagzeug: Type O Negative (R. I. P.) und Live of Agony (R. I. P.?). Am Sonntag spielte der Depri-Rocker dann auf der Beerdigung der Stuttgarter Röhre (R. I. P.) – mit seiner neuen Band, die passenderweise A Pale Horse Named Death heißt.

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Foto: Andreas Meinhardt

Es ist schon eine ziemlich kaputte Angelegenheit, dem Schwanengesang auf eine Konzerthalle beizuwohnen. Dementsprechend ist die Röhre auch der Gegenstand der meisten Unterhaltungen, die man aus dem Publikum aufschnappt. Die Stimmung ist zwiegespalten zwischen Bedrücktheit und Vorfreude auf das Konzert. Es fühlt sich schmutzig an. Ein Niedergang. Das Ende einer Ära. Kaputt eben. Und völlig kaputt ist auch Sals Stimme, wie nach den ersten Tönen des Eröffnungsstücks „To Die in Your Arms“ klar wird. Ein heiserer Schwanengesang wird das. Es klingt wie Verfall. Es könnte nicht besser passen. „I’m a little bit fucked with my voice“, entschuldigt er sich. Langsam kommt der vierte Reiter der Apokalypse (Offenbarung 6, 8.) daher, schwer, wie Sals ältere Bands düster, aber melancholischer, tiefer. Teilweise langsam und klebrig wie eine Fliegenfalle.

Wie schon die leidlich gute Vorband Blood Runs Deep, die schweizerischen Doom-Metaller, von denen eigentlich nur Gitarrist Stefan Vida heraussticht, betont auch Sal, wie geehrt er ist, das Abschlusskonzert in der Röhre spielen zu dürfen. Einen „full circle“ bilde es, dass er hier 1991 schon mit Type O Negative auf deren erster Deutschland-Tour gespielt hat. Bei „Heroin Train“ klingt er derweil wie Jim Morrison auf dem Boden einer Whisky-Flasche. Gut für die Stimme kann das nicht sein. Als Hilfsmittel ordert er von Publikum Jack Daniels: „If I can’t sing, I might as well get drunk.“ Das klappt. Er bekommt einige Gläschen, deren erstes er mit dem Worten „Happy deathday“ runter kippt und dann an die Wand wirft. Man wird es ohnehin nicht mehr brauchen. Aber man wird eine Menge Alkohol brauchen, um zu verkraften, dass das „Die Röhre / für immer / kein S21“-Plakat, das von der nachmittäglichen Demonstration draußen hängen geblieben ist, einen unerfüllbaren Wunsch darstellt. „As Black As My Heart“ ist der richtige Soundtrack zur Katerstimmung. Da hilft nur Konterbier.

In eine ähnliche Richtung schlägt dann aber noch eine Ansage, die er an einen ihm bekannten Fan im Publikum richtet: „No Life of Agony for you, Jens. Somebody had to become a girl.“ Das klingt tatsächlich als stürbe der Musikszene noch etwas Wichtiges weg, zumal er hinzufügt: „I was sick of playing the drums anyway.“ Das Aus also auch für Life of Agony? Erst vor zwei Jahren starb ja Type O zusammen mit ihrem Sänger Peter Steele, dem „You always die alone“ gewidmet wird. „I’m gonna play another shitty version of one of my songs“, hatte Sal vorhin mal gesagt. Jetzt ist die Stimme so weit kaputt, dass jemand aus dem Publikum auf die Bühne springt und sich das Backing Vocals-Mikrophon schnappt, um dem Angeschlagenen zur Seite zu stehen. Der Band gefällt das. „Who the fuck is this?“, fragt Sal. Ja, man stirbt allein, allerdings nicht immer, nicht hier, nicht heute.

Langsam geht alles dahin. Das Konzert neigt sich dem Ende. „… that you are falling apart“ singt Sal im einzigen Zugaben-Song. Unterdessen ist er im Zuge des allgemeinen Verfalls und dank der vielen Medizin aus Tennessee so betrunken, dass er sich an der Gitarre völlig verspielt, einen Lachkrampf bekommt und sich folglich darauf beschränkt seiner Stimme das Letzte abzuverlangen. Von Profis erwartet man Anderes. Und unter anderen Umständen wäre das auch ätzend. Aber heute will man ihm verzeihen. Er hat es vergeigt. Aber haben wir das nicht alle? Es ist aus. Vorbei. Die Herren Sal Abruscato, Johnny Kelly und Konsorten verlassen die Bühne. Das letzte Publikum fließt aus der Röhre.

Man kann noch ein letztes Bier trinken. Noch ein letztes Mal hier aufs Klo gehen, wo schon mit dem Abriss angefangen wurde. Letzte Woche waren es noch zwei Waschbecken. Ein letztes Mal beim Pogen zu Boden gegangen bin ich schon letzte Woche. Das kann ich mir also sparen. Die Musik ist aus. Langsam geht das Licht an. Man kann noch ein allerletztes Bier trinken. Aber dann? Dann geht plötzlich nochmal das Licht aus. Jemand steigt auf die DJ-Kanzel hoch und spielt einen einzigen Song. Es ist „Hurt“, das alte Nine Inch Nails-Stück, in der Version von Johnny Cash. Wahrscheinlich der beste Song, der jemals geschrieben wurde. Schmerzhaft, kaputt. „And you could have it all“, heißt es da, „my empire of dirt.“

Das Neonlicht gibt das Zeichen zum Gehen. Eine Zeile aus „Hurt“ schwingt mir noch im Ohr: „I am still right here“ …

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Foto: Andreas Meinhardt

5 Gedanken zu „A PALE HORSE NAMED DEATH, BLOOD RUNS DEEP, 15.01.2012, Röhre, Stuttgart

  • 17. Januar 2012 um 14:37
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    Klasse gemacht Claus! Ein würdiger Abschluss.

  • 17. Januar 2012 um 15:07
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    FFUS kaputt. Rocker33 kaputt. Röhe kaputt.

    Seufz.

  • 17. Januar 2012 um 17:03
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    @Bertram: die Künstler-Wägele sind zwar weg, FFUS lebt aber noch: http://ffus.de/Programm.htm . Aber sicher nur noch eine Frage der Zeit, bis es auch den Landespavillon erwischt…

  • 17. Januar 2012 um 22:34
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    Klasse Konzert es war riesig ein wahrlich würdiger abschied von der Röhre…
    Aber in nichts nachgestanden gegenüber APHND ist der Support Act.

    Noch ein wenig werbung für ihre Sache ;-) http://www.facebook.com/bloodrunsdeep1

  • 20. Januar 2012 um 15:55
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    Du hast die Stimmung sehr treffend eingefangen – danke für diesen tollen Bericht, Claus!

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