JUNIOR BOYS, DIAMOND RINGS, 07.12.2011, Schocken, Stuttgart

Junior Boys, Schocken

Fotos: Michael Weiß

Früh wird man geprägt und verdrahtet. Bei mir ist z.B. die Kombination Synthiepop + Kanada erstmal immer positiv besetzt. Liegt an Men Without Hats, war ich damals großer Fan von, und hab sie auch nicht in meiner Metalphase verleugnet. Aus der besagten borealen Nadelwaldgegend kommen auch Diamond Rings und Junior Boys. Ersterer schon ein etwas älterer Bekannter auf diesem Blog.

Das Schocken ist so mittel gefüllt, als gegen halb zehn der 26 Lenze zählende John O’Regan aka Diamond Rings die Bühne betritt. Schirmmütze und weiße Jacke mit viel bling-bling und Glitzer, Sonnenbrille, lackierte Fingernägel. Für den Anfang wohl etwas zuviel an glamouröser, sexuell uneindeutiger Ausstrahlung für das Publikum, da vor der Bühne ein riesiges Loch klafft. Aber der Mann zeigt sich unbeeindruckt, zieht seine Show mit choreographierten Bewegungen konsequent durch. Band gibt es keine, nur er und ein AKAI MPK 61 (Hinweis an die sehr gute Firma AKAI: bitte mich noch mal anrufen wegen der Geschäftsmodalitäten.). Geboten wird ein kühler 80ies-Synthiepop, geprägt von der eher tiefen Stimme Diamond Rings, die auch gerne mal etwas an diverses Zeug aus den frühen 80ern aus England erinnert. Hat was, definitiv.

Diamond Rings, Schocken

Fotos: Michael Weiß

Beim zweiten Song macht er einen Ausflug ins Publikum, und ganz langsam, Stück für Stück, zieht er das Publikum auf seine Seite. Beim vierten Stück kommt eine Gitarre zum Einsatz und die Mütze weg, und ein adretter Popperhaarschnitt kommt zum Vorschein. Aber die Musik gibt den Ton an, die ist nämlich gut, hat eine eigene Kraft. Auch beim darauf folgenden Stück bleibt die Gitarre im Einsatz, und gibt den Rhythmus für das fast schon Ramones-artige Stück vor. Tolles Lied! Das Gejohle im Publikum wird lauter, v.a. als er beim nächsten Stück die Jacke auszieht. Die Frequenz des Gejohles lässt auf einen weiblichen Ursprung schließen, aber die Hand lege ich dafür nicht ins Feuer (siehe oben: lackierte Fingernägel usw.). Bei diesem Lied bedient er auch E-Drums, spackt noch richtig schön im Publikum ab, und spätestens jetzt ist klar, dass er Großteile des Publikums für sich gewonnen hat. Bemerkenswerter Auftritt, irgendwie eine ganz wohltuende Abwechslung zu dem sonstigen, engbehosten Gitarrenindiekrempel, den man sonst so inflationär um die Ohren gehauen bekommt.

In der Pause zeigt sich Fotograf Michi als extrem großer Diamond Rings Kenner und Fan. Erzählt was von Körpergröße des Künstlers, und dass eine Verwandte, die wohl auch Schminke herstellt, beim Merchandise aushilft. Die Grenzen zwischen Fan- und Stalkertum sind ja fließend. Immer wenn man denkt, man würde eine Person etwas besser kennen…

Die Junior Boys kommen in Trio Formation gegen halb elf auf die Bühne. Schlagzeuger und videoanimierter Bühnenhintergrund schaden live nie, und bringen zusätzlich noch etwas Dynamik in die Geschichte. Bemerkenswert finde ich den Auftritt wegen einiger Aspekte. Die Band pflegt einen unaufgeregten, eher ruhigen 80ies Popsound, getragen von den auch betont gelassenen Gesangspassagen Jeremy Greenspans. Er selbst sieht zwar aus wie der Kfz-Mechaniker um die Ecke, hat aber wirklich eine sehr, sehr gute und charismatische Stimme. Hört man selten so was.

Die Songs haben mehr oder minder alle die gleiche Stimmung, ähnliches Tempo, ab und an bringt eine leicht funkige Gitarre von Greenspan ein paar neue Nuancen in den Sound. Und trotz des eher relaxten Gesamteindrucks der Musik und der Band, tanzen und bewegen sich Großteile des Publikums von Anfang an, sind begeistert. Muss man wahrscheinlich so sehen: packt einen der Sound von Beginn an, ist das Konzert ein einziger, nicht enden wollender Höhepunkt. Findet man ihn „nur“ ok, wie in meinem Fall, konstatiert man, dass einen der sehr reife und auch erwachsene Sound gerne mal an Tears For Fears, oder bei den souligeren Gesangsmomenten sogar an Hall & Oates erinnert, was ich absolut positiv meine, man sich vielleicht aber etwas mehr Aufs and Abs wünschen würde wie bei Diamond Rings, obwohl letzterer im Vergleich natürlich etwas unfertiger rüberkommt.

Aber man darf ja mal ein Konzert einfach nur gut finden, ohne komplett auszurasten. Die letzten beiden Stücke samt Zugabe packen mich dann auch noch mal richtig. Und wie oben schon geschrieben, eine wirklich wohltuende Abwechslung mal einen ganzen Abend lang so eine Art Musik überhaupt live dargeboten zu bekommen. Ich würde wieder kommen.

Diamond Rings 7

Fotos: Michael Weiß

Diamond Rings

Junior Boys

2 Gedanken zu „JUNIOR BOYS, DIAMOND RINGS, 07.12.2011, Schocken, Stuttgart

  • 9. Dezember 2011 um 11:21
    Permalink

    Neiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin… ich hab Diamond Rings verpasst! Ich Vollarsch! Ich Idiot!

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