HOWARD CARPENDALE, 27.11.2011, Liederhalle, Stuttgart

Howard Carpendale

Foto: Timo Deiner

Das letzte Mal, als ich einem Popkonzert in der Liederhalle beiwohnte, sang Björk mit Chor und Orchester, es war der 11.09.2001. Heute ist wieder so ein denkwürdiger Tag: Volksabstimmung. Die Welt hält den Atem an und Howard Carpendale singt im ausverkauften Beethovensaal. Ich befinde mich mal wieder wie bei meinen Exkursionen zu DJ Bobo, Scooter oder James Last auf Phänomenerkundung:

Howard Carpendale in Zahlen

Mit 17 war Mr. Carpendale südafrikanischer Jugendmeister im Kugelstoßen, mit Anfang 20 siedelte er via England nach Deutschland, verkaufte insgesamt 25 Millionen Tonträger, veröffentlichte 30 Alben, steht seit 40 Jahren auf der Bühne, erhielt 50 gefühlte Bambies und ist einer der letzten, verbliebenen großen Schlagerstars der 70er und 80er Jahre. Und er möchte noch mit 90 Jahren touren, so meint er jedenfalls lachend im Laufe des Abends. Jopi Heesters, ick hör dir trapsen.

Soweit, so beeindruckend. Fans scheint es nach wie vor sehr viele zu geben. Die Howard-Carpendale-Fan-Seite konkurriert mit der Howard-Carpendale-Fan-Page, die Howard-Carpendale-Double-Seite macht auf mit „Es freut misch riesisch, Euch hier begrüßen zu dürfen!“

Über dem durch das Foyer flanierende Publikum schwebt ein großes Ü: überwiegend älter, eher übergewichtig, überdressed und in der Erwartungshaltung, überwältigt zu werden. Und es wird nicht ü-nttäuscht werden.

Das Alles Bin Ich

Los geht es mit dem Tournamensgeber „Das Alles Bin Ich“. Howie, wie ihn seine Fans nennen, trägt lässige schwarze Nike-Sneakers, schwarze Jeans und Jackett, ein noch lässigerer Schal erzeugt die Illusion von vollschlank. Satte zehn Musiker und Backgroundsänger begleiten ihn, sie produzieren kantenlosen, ausformulierten Pop. Sie erscheinen allerdings eher wie Mugger, musikalische Selbstverwirklichung findet heute Abend nicht statt (Mugge = gängige Abkürzung im Musikgeschäft für musikalisches Gelegenheitsgeschäft für Geld).

Howard Carpendale

Foto: Timo Deiner

Die erste Ansage: er murmelt in seinem Markenzeichendeutschmitenglischakzent etwas davon, wie schön es sei, all die Menschen hier zu sehen (er sitzt im Spotlicht), da ruft es herein:

Howie, ich will ein Kind von Dir!

Lacher. Er übergeht es und lobt den Beethovensaal, man könne hier ja viel besser sitzen als in dieser Sporthalle. Zustimmendes Murmeln. Weiter geht es mit „Nimm Den Nächsten Zug“, der einzige Song, zu dem ich über die Jahre eine persönliche Beziehung aufgebaut habe (siehe hier). Beim Song „(Nachts) Wenn Alles Schläft (Solltest Du Bei Mir Sein)“  verstehe ich: nachts, wenn alles steht, solltest Du bei mir sein. Lacher. Howie singt zwei Elvis-Presley-Lieder, und zu „Love Me Tender“ nickt mein Nachbar anerkennend: „Des machtr abr gud!“ Bei „Hello Again“ erinnere ich mich daran, dass Howard Carpendale es damit 1984 sogar in die ARD-Sendung Formel 1 schaffte und eines dieser Studio-Videos mit diesen grafittiverzierten Schrottautos produziert bekam. Das Video dazu konnte ich leider nicht finden, dafür diese schöne Version von „Hello Again“.

Zwischen seinen Songs, die vom Publikum immer ausgelassener gefeiert werden, zeigt er knallhart unerwartet einen Ausschnitt seines neuen Films „Lebe Dein Leben“, den er soeben mit seinem Sohn Wayne abgedreht habe. Und das sei „nischt irgendeine Schnulze“. Davon könne man sich übrigens am 24.2.2012 in der ARD überzeugen.

Identifikation und Projektion

Apropros überzeugen. Howard Carpendale überzeugt mit Howard Carpendale. Die Musik ist gut gemachter Breitenpop, die Melodien und Arrangement funktionieren, ohne jemals wirklich interessant zu werden. Die Texte erzählen von der Liebe und dem Leben in allen Facetten, ein bisschen Dramatik ohne wirklichen Schmerz und am Ende steht die Versöhnung. Dazu inszeniert sich Howard Carpendale nicht zuletzt durch seine launigen Ansagen als elder Statesman Kumpeltyp, als  jemand, dem auch nicht alles gelungen ist, der auch altert, aber der auch über sich lachen kann. In „Jetzt Bin Ich 64“ heißt es „Irgendwann da steht man morgens vor dem Spiegel und weiß, alles das was man erreicht hat, hatte alles seinen Preis.“ Das Publikum kann sich mit ihm identifizieren.

Auf der anderen Seite ist da der erfolgreiche, exotisch-südafrikanische Sänger, der einmal auf einem Golfplatz gewohnt hat, begüterter sein dürfte, als man es je werden wird und außerdem mit Mitte 60 ein Tick cooler rüber kommt als der Gemeinbürger aus dem Rems-Murr-Kreis – kurz: Howard Carpendale ist gleichzeitig eine Projektionsfläche für ein glamouröses Leben. Diese Kombination aus Identifikation und Projektion ist kein neues Konzept, das ist ein Klassiker. Der ist aber nur durch Persönlichkeit und Charisma umzusetzen. Beides haben wir heute Abend krügerrandvoll auf der Bühne, und das nötigt mir Respekt ab.

Spätestens bei „Ti Amo“ strömen die Fans gesittet nach vorne an den Bühnenrand und feiern ihren Howie, so lange er noch auf der Bühne steht. Denn neulich sagte er in den Stuttgarter Nachrichten, dass auf seinem Grabstein folgendes stehen solle: „Er war ein cooler Typ, aber jetzt ist er eiskalt.“ Unser Howie…

7 Gedanken zu „HOWARD CARPENDALE, 27.11.2011, Liederhalle, Stuttgart

  • 30. November 2011 um 08:17
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    Wiglaf Droste ist ja Howie Fan, und nahm ihm mal eine kurze Phase übel, in der er ernsthaftere Musik statt Schlager machen wollte. Er kommentierte das mit: „Es gibt ein Grundrecht aufs Belogen- und Betrogenwerden“

  • 30. November 2011 um 10:08
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    Messerscharfe Fotos. Aber Howies Mund sieht immer gleich aus, bewegt er den beim singen oder sprechen eigentlich?

  • 30. November 2011 um 15:55
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    Brillianter Text! Wünschte, ich hätte ihn geschrieben. Aber dafür hätte ich hingehen müssen. Und dafür wiederum ist 1984 noch nicht lange genug her!

    Chapeau!

  • 30. November 2011 um 16:20
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    bertram-dieReferenz-primus… ich gratuliere zu diesem überaus gelungen Text. Da mach ich es mir leicht und schließ mich Herrn Kullak an, und nehme selbst den nächsten Zug…

  • 2. Dezember 2011 um 22:13
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    Dein Bericht: knallharte Fakten und bunte Schlagwörter – hat das der Bühnenhintergrund inspiriert?
    Und da sollte man meinen, die echten Fans kennen nicht nur die Liedtexte, sondern auch deren Titel.
    Kann es wahr sein, dass sie die einzige Bühnendeko den Abend über geliefert haben???

  • 3. Dezember 2011 um 10:30
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    @ Sebi: Im Intro wurden die Songnamen der größten Erfolge auf die Leinwand projiziert. Später wurde dann die große Life-Video-Show mit x Kameras abgefeiert und – wie schon erwähnt – ein Trailer für seinen ARD-Film gezeigt. Das alles konnte Timo, unser Fotograf, aber nicht festhalten, da es bei großen Konzerten üblich ist, nur während der ersten drei Songs fotografieren zu dürfen.

    Die Fans kannten jeden Titel, keine Frage.

  • 5. Dezember 2011 um 00:41
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    Hallo Bertram,
    „GT“ – wie früher bei den Autos – aber hier heißt es „GANZ TOLL“.
    Schönen Barbaratag heute.

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