BOHREN & DER CLUB OF GORE, 23.11.2011, Schocken, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Wie umgeht man sie nur? Also die übliche Klischeeleier. Und bitte ja kein Gefasele von wegen „der passende Soundtrack zum November“ oder „die ideale Begleitmusik zum Suizid“. Letzteres natürlich kompletter Humbug. Über den Freitod philosophieren kommt mir vielleicht bei Ukuleleversionen von Vampire Weekend Songs oder so was in den Sinn, bestimmt nicht beim Lauschen der morbiden Schönheit der Musik von Bohren & Der Club Of Gore.

Sparzwang ist ja gerade der heiße Scheiss in Europa, bei den Mülheimern allerdings schon länger Methode. Sparen an Beats pro Minute, an Licht, an medialer Prostitution. Aber da wir hier von Musik reden, sagen wir doch lieber Reduktion, irgendwie an allem.
Nicht an der Zuschauerzahl allerdings. Das Schocken ist sehr gut gefüllt als kurz vor 22 Uhr die Lichter ausgehen…und eigentlich auch ausbleiben. Nur drei farblich wechselnde, schwache Lichtsäulen bilden den optischen Showpart. Halt, nicht ganz, es gibt noch einen weiß beleuchteten Schriftzug der Band, samt kokett posierender Dame im 50er Jahre Style und ein angedeutetes umgedrehtes Kreuz dazu. Guter Style, guter Humor.

Die ersten mächtigen Bassschläge im gefühlten Minutenabstand erschüttern den Raum. Leider auch die an der Decke hängenden Aluschächte, die munter mitscheppern und den Soundeindruck ein wenig trüben. Rhodes-Piano und bedrohliche Ambientflächen füllen den reichlichen Raum zwischen den Rhythmusmarkierungen.

Wenn man das Falsche dächte, könnte man sich dabei ganz schön ins Hemd machen, so intensiv und unheilvoll klingt die Musik. Man kann aber auch die schemenhaften Gestalten bei ihren zeitlupenhaften Bewegungen erahnen, und sich vorstellen, dass wir uns auf einem anderem Planeten mit unfassbar starker Gravitation befinden, und solche Musik, so ein Konzert eben die Konsequenz dessen ist.

Beim zweiten Stück kommt ein Saxophon zum Einsatz, dessen verloren klingende Einsamkeit auch kein großer Euphoriebringer ist, aber dafür auch von berührender Schönheit. Musik, irgendwo aus dem Spannungsfeld Chet Baker, Miles Davis zu „Ascenseur Pour L’échaufaud“ Zeiten, und v.a. den nix Gutes verheißenden Momenten von Badalamentis Hintergrundgrummeln bei Lynchs Werken. Allerdings mächtig unter Valium gesetzt das Ganze.

Songtitel konnte ich mir bei Bohren noch nie merken, also dann so: der dritte Song ist jetzt sogar ein wenig flotter, man kann fast schon mitzählen und den Beat in Gedanken treffen. Unser Fotograf klickt sogar punktgenau im Takt. Profi! Stimmungsmäßig ändert sich natürlich nichts. Was langweilig wirken könnte, entpuppt sich aber als Stärke. Die Monotonie des Ganzen, optisch wie musikalisch, schafft eine intensive, einzigartige Stimmung. Therapieunterstützend bei Depressionsbehandlungen sollte man die Musik zwar tunlichst vermeiden, aber trotzdem fühlt man sich hier gut und gemütlich aufgehoben, trotz allem Eis im Genick. Das könnte auch an den Ansagen liegen.

Die haben einen eigenen Absatz verdient. In ähnlicher Langsamkeit und Ruhe vorgetragen wie die Musik, bekommt man dabei solche Sachen zu hören:

Das nächste Stück ist von unserer letzten Tonträgerin und handelt von Häusern, die nach Rosenkohl riechen, und deswegen abgerissen werden müssen. „Zombies Must Die“.

Den Dreiklang aus Versagen, Trinken, Jammern kennen alle.

Das nächste Stück „Beileid“ ist komponiert nach dem Motto „Keine Möbel aber eine Putzfrau.“.

Vernunft ist ein Edelstein, wenn er in Demut gefasst ist.

Die erste Zugabe soll dann auch ein Protestlied gegen gut aussehende Mütter sein. Absurd trockener Humor trifft auf intensivst traurige, beunruhigende Musik. Seltsame Kombination, tolle Kombination.

Zurück in der Außenwelt nach halb zwölft nimmt einen dann das reale Grauen wieder in Empfang: der Weihnachtsmarkt wuchert in bisher davon verschont gebliebene Sträßchen. Da möchte man doch wieder zurück in den Schoß von Mama Bohren.

5 Gedanken zu „BOHREN & DER CLUB OF GORE, 23.11.2011, Schocken, Stuttgart

  • 25. November 2011 um 09:21
    Permalink

    Mehr Fotos!

    ;-))

    Spitzen Ansagen!

  • 25. November 2011 um 13:04
    Permalink

    Die guten Ansagen sind glaub ein Bohren-Trademark.

    Mehr Fotos wären echt gut, aber wahrscheinlich gaben die Lichtverhältnisse nicht mehr her.

  • 25. November 2011 um 16:02
    Permalink

    über den Basser meinte er noch, er bewege sich wie ein melancholischer Biber.

  • 26. November 2011 um 09:32
    Permalink

    Bei Bohren von Lichtverhältnissen zu sprechen ist bereits eine Übertreibung. Bei jedem ihrer Konzerte, bei denen ich bisher war, war das Hinweisschild für den Notausgang heller als die ganze Bühenbeleutung zusammen — inklusive des „weiß beleuchteten Schriftzuges“.

    Über die Ansagen habe ich mich sehr gefreut, denn Trademark hin oder her, fehlten sie im fremdsprachigen Ausland, wo ich Bohren bisher ausschließlich sah. Das Problem bei deren schriftlicher Wiedergabe ist aber, dass es schlicht keine Möglichkeit gibt, die zehn bis 20 Sekunden währenden Pausen nach jedem dritten Wort richtig rüber zu bringen.

    Vielleicht sollte man noch erwähnen, dass dem Satz: „Vernunft ist ein Edelstein, wenn er in Demut gefasst ist“, folgender vorausging: „Was kann man euch Stuttgartern mit auf den Weg geben?“ — auf was er da wohl anspielt?

    Danke für den schönen Text, Lino, der Slow Motion Jazz kommt gut rüber!

    Anders, aber trotzdem hörenswert: The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble.

  • 2. Dezember 2011 um 02:12
    Permalink

    mehr Text!! Tolle Unterhaltung für schlaflose Nächte!! danke,lino.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.