JOY DENALANE, 02.11.2011, Theaterhaus, Stuttgart

Joy_Denalane

Foto: Steffen Schmid

Irgendwie bin ich darauf nicht vorbereitet. Ich war in letzter Zeit oft im Theaterhaus, bei Lesungen und „Comedy“-Abenden vor allem, immer in trotz der Größe kuscheliger Atmosphäre. Ich war noch nie bei einem Konzert im Theaterhaus, und jetzt öffne ich die Tür zum Saal T1 und stehe nicht in einem Theater, sondern in einem riesigen Konzertraum. Es ist dunkel, die Tribüne fehlt, vorne auf der Bühne steht eine kleine Person und singt, und ich komme damit erst mal nicht klar.

Es dauert ein paar Lieder, bis ich stimmungsmäßig reinkomme und feststelle, dass da vorne auf der Bühne eine Frau mit Leidenschaft und Spaß ihre Lieder singt. Es ist aber nicht Joy Denalane, sondern Y’akoto, die Vorgruppe in Person einer Sängerin. Dass sie aus Hamburg kommt verstehe ich noch, ihren Namen, den sie anfangs sagt, nicht, den muss ich später nachschlagen.

Super Idee, talentierte und noch unbekannte Künstler mit großen Künstlern auf Tour zu schicken, aber wenn auf den Plakaten und auf der Eintrittskarte kein Name steht, auf der Bühne kein Schild hängt und niemand dem Künstler gesagt hat, dass er seinen Namen mindestens fünf Mal pro Konzert fürs Publikum buchstabieren soll, dann verkauft er hinterher keine einzige CD mehr. Auch wenn wahrscheinlich sowieso keiner mehr CDs kauft.

Auf jeden Fall macht Y’akoto schöne Musik irgendwo zwischen Soul und afrikanischen Wurzeln, es macht ihr Spaß und im Gedächtnis bleibt das fröhliche „Godd, Better, Best“. Das finde ich nicht bei iTunes, es ist wahrscheinlich auf dem Album, das wahrscheinlich erst noch erscheint. Bei iTunes gibt es nur eine EP und einen Beitrag auf dem fragwürdigen Sampler „Black Magic 3 – The Best of R&B, Urban, Soul & HipHop“.

Die letzte News auf der Website ist vom 30. September und kündigt die Tour mit Joy Denalane an, von einem Album findet sich nichts und „Deutschlands neuer Stern am Soul-Himmel“ sollte man nicht schreiben, wirklich nicht.

Y’akoto bekommt mehr als freundlichen Beifall, Umbaupause, ich postiere mich neben dem Soundmann und schreibe an meinen Blog-Kollegen Martin „Joy Denalane im Theaterhaus, voll das Klischee-Publikum“. Aber was hatte ich erwartet, und was ist überhaupt das Klischee-Publikum bei Joy Denalane? Schlechter als bei Fleur Earth aber besser als bei Jamiroquai?

Nach einer Stunde geht es los, mit einem Intro. Das überrascht mich positiv, ich mag Intros, nicht einfach auf die Bühne kommen und lossingen, nein, das braucht einen Tusch, und dann steht sie auf der Bühne, sieht umwerfend aus in ihrem roten Kleid. Um sie herum zähle ich neun Musiker, an den Keyboards und sichtbar musikalischer Kopf Lilo Scrimali, die Stuttgarter Allzweckwaffe, immer eine sichere Bank von Fanta 4 Unplugged bis zur DSDS-Studioband. Sonst Bläser, Gitarren, Schlagzeug, DJ, zwei Background-Sängerinnen.

Nach den ersten paar Liedern ertappe ich mich dabei, dass mir das alles irgendwie zu glatt ist, zu perfekt, kein falscher Ton bei Joy, kein Aussetzer bei den Musikern, keine Ansage zu lang oder zu kurz, kein Scheinwerfer falsch eingestellt, Ballade folgt auf Uptempo folgt auf Ballade, Songs aus dem ersten Album, Songs aus dem zweiten Album, Songs aus dem dritten Album. Dann haue ich mir selber auf die Finger und nehme mir vor, nicht immer was zu lästern zu suchen. Und dann macht es Spaß.

Joy Denalane ist eine hervorragende Sängerin, da beißt die Maus keinen Faden ab, aber sie kokettiert nicht damit, muss nicht die Oktaven erklimmen, ein paar pointiert gesetzte Breaks mit wenig Musik und viel Stimme reichen, um den Saal zu füllen.

Die Songs des Abends sind nicht aneinander gereiht, sondern sie sind perfekt aufeinander abgestimmt, gehen ineinander über, bauen aufeinander auf, bewegen sich zwischen Soul, Jazz, Funk, Reggae, 90s-R’n’B, alle Einflüsse sind da, schließen sich nicht aus und wären so nicht mit vielen anderen Bands in Deutschland umsetzbar.

Joy weiß, dass sie in Stuttgart ist. Sie erzählt, was jeder im Publikum schon weiß, dass sie hier gelebt hat, dass Max Herre eine Sängerin für „Mit Dir“ auf dem zweiten Freundeskreis-Album „Esperanto“ gesucht hat, dass sie sich so kennengelernt haben. Max Herre ist an diesem Abend nicht da, sie entschuldigt sich dafür, Stuttgart singt alleine die erste Strophe von „Mit Dir“.

Aus dem Publikum wird lautstark „1ste Liebe“ gefordert, die schönste Stuttgart-Hymne seit „Mutterstadt“ von den Massiven Tönen. Geplant ist das nicht, „Ich kann ja nicht rappen“, Joy singt trotzdem die Hook und die Menschen singen selig mit.

Welche Songs an diesem Abend die besten sind? Die aus dem ersten Album „Mamani“, auf deutsch, gefühlt am wenigsten vertreten? Die aus dem zweiten Album „Born & Raised“, auf englisch, nicht nur sprachlich am internationalsten? Die aus dem dritten, aktuellen Album „Maureen“, wieder deutsch, gereift, aktuell? Schwer zu sagen, manchmal wünscht man sich doch eine Überraschung, eine Coverversion vielleicht, einen Max Herre, der zur Zugabe doch auf die Bühne springt. Und dann kommen die Überraschungen im Kleinen, wenn Trompete, Saxophon und Schlagzeug ihre Soli spielen, ganz alte Schule, oder wenn plötzlich deutliche Swing- oder Motown-Soul-Einflüsse zu hören sind.

Und bei der Live-Version von „Wo wollen wir hin von hier?“ fällt mir auf, was mir beim Hören des Albums auch aufgefallen ist: Die frappierende Ähnlichkeit zum Mega-Stomper „Empire State of Mind“ von Jay-Z mit Alica Keys. Als ich zu Hause nachsehe die Bestätigung: Beide basieren auf dem gleichen Sample, „Love On A Two Way Street“ von den Moments. Zufall? Kalkül? Egal.

Zwei Stunden dauert das Konzert, sie vergehen wie im Flug, es macht am meisten Spaß Menschen bei etwas zuzusehen, was ihnen Spaß macht. „Ich stehe auf der Bühne, Ihr schaut mich alle an, das ist das Schicksal eines Künstlers“ sagt Joy. „Du geile Sau“ ruft ein weiblicher Fan aus dem Publikum.

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Foto: Steffen Schmid

Ein Gedanke zu „JOY DENALANE, 02.11.2011, Theaterhaus, Stuttgart

  • 4. November 2011 um 09:19
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    da beißt die maus kein faden ab! lass mich den neuer soul-stern am himmel sein.

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