HOCH/TIEF, 06.08.2011, Kiste, Stuttgart

Hoch Tief

Aus den Tiefen des Archivs: Hoch/Tief in den Wagenhallen

Samstagabend, Zeit für Liebe oder fürs Verdrängen. Dafür gibt’s kaum bessere Orte als die Altstadt. Die nimmt einen, wie man ist. So wie der Winter, das singt zumindest Stephan Trinkl von Hoch/Tief. Und die Stuttgarter Postcore Band, weiß vermutlich nicht einmal, dass sie der perfekte Samstagabend ist. Da ist Leben drin.

„Der Frühling hat Fragen, der Sommer will nur spielen, der Herbst sagt ‚Alles Mist‘, nur der Winter nimmt dich wie du bist“. Topzeilen im milden Winter, der eigentlich Sommer sein will. Draußen vor der Kiste spielt Gott sein zynisches Spiel, drinnen stehen Stephan Trinkl, Ingo Koch und Jochen Heimbach und spielen die Lieder für die, die’s längst wissen. Früher waren sie mal Upfront, Boiler und Cargo City. Heute sind sie Hoch/Tief und besser als je zuvor, obwohl sie heißen wie ein marodes Bauunternehmen.

Grobe Referenz: „Emo“ als das noch kein dummfrisiertes Schimpfwort war. Texas Is The Reason, Fugazi, Quicksand, ein bisschen Far und halt AC/DC. Bekümmert, trotzdem ohne Helm, dafür mit ordentlich Angriffsfläche, wenn man denn unbedingt eine braucht – so geht das mit den echten Emotionen. Bestens aufgehoben sind sie bei Arctic Rodeo Recordings, dem Stuttgarter/Hamburger Plattenlabel, das ständig Platten veröffentlicht von Bands, die früher schon mit Tarnkappe gespielt haben. Liebhaberzeug.

„Ich mache mir Sorgen“, sagt Sänger und Gitarrist Stephan Trinkl. Eine Frau torkelte Minuten vorher an der kleinen Bühne vorbei zur Toilette. Seitdem hat man nichts mehr von ihr gesehen. Wird schon nix passiert sein.

Sauheiß ist es in der Kiste. Schlagzeuger Ingo tanzt trotzdem fast beim Spielen, Bassist Jochen shoegazed in seiner eigenen Welt, obwohl er keine schönen Schuhe trägt und Trinkl haut Zeilen raus, die nirgendwo zu hauser sind, als eben in der Altstadt. Das rollt, das hüpft manchmal – nur ab und an wäre etwas mehr Druck noch toll. Besonders dann, wenn Hoch/Tief fast nebenbei noch mehr Leidenschaft in die Waagschale werfen und die Schraube anziehen. „Ich fühl‘ mich heut‘ so independent. So Westberlin.“ Wieder eine Zeile zum Einrahmen.

„Im Prinzip ganz gut, aber trotzdem Laaannnggweilig“, ruft eine ältere Dame mit schnittiger Kurzhaarfrisur und Weinglas in der Hand. Grob 50 Leute in der Kiste quittieren diese brachiale Fehleinschätzung mit sehr lautem Gelächter. Egal. Mund abputzen und weiter. Die Dame versucht die Umstehenden zum Tanzen zu animieren. Geht doch. Später erzählt einer, sie würde in der Pathologie arbeiten.

Eine andere Frau schüttelt den Kopf und sagt, sie würde sich hier fühlen wie in einem Tarantino-Film. Aus dem Nachbarhaus wurde ein paar Stunden zuvor eine Leiche rausgetragen. Sie hat’s gesehen. Ich nicht. Gottseidank. Dafür darf ich sehen, wie sich bei „Gekommen, um zu gehen“ plötzlich Quicksand und AC/DC vereinen. Tarantino hätte das nicht hinbekommen.

„Hallo Panik, schön dich zu sehen.“ Wer Lieder wie „Alarm“ schreibt, darf gerne einen Dicken machen. Hoch/Tief tun’s trotzdem nicht. Understatement, wo man auch hinschaut. Doch hört man genauer hin, dann ist das groß und bunt. Immer wieder schummelt das Trio fast beiläufig große Momente und Melodien in seine Lieder. Toll.  Lieder über das Leben von denen, die halt hinschauen, weil wegschauen zu viel Arbeit wäre. Leider lebensnahe. Da wird sogar die Brücke vom Milchkaffee zum Schaumschläger gebaut – „Late Muchacho“, ihr Ficker. Tolle Lieder, tolle Band.

Schnell mal Luftschnappen vor der Kiste, kostet ja nix. Nebenan schlägt einer gerade einem Typen aufs Maul, der eh nicht mehr stehen wollte. Der kracht gegen ein parkendes Auto. Seine Freunde beglückwünschen Klitschko zum Coup und klopfen ihn auf die Schulter. Er hat nichts verstanden. Ein alter Mann mit Broccoli-Nase brabbelt derweil unverständliches Zeug, auf seine Stirn ist sehr groß „666“ tättowiert. Die Geschichte dazu möchte ich lieber nicht wissen. Drinnen in der Kiste gehen Hoch/Tief in die Verlängerung, erzählen noch ein bisschen vom Leben bis Ingo das Schlagzeug kaputt schlägt. Irgendwann ist immer Schluss.

„Zu viel gelacht, zu viel getrunken“, singt Trinkl in „Oblomow“, als ob man tatsächlich zu viel lachen könnte. „Lass uns abhauen“.

5 Gedanken zu „HOCH/TIEF, 06.08.2011, Kiste, Stuttgart

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