JEX THOTH, GODLESS FUNK OF BONANZA, 21.07.2011, Universum, Stuttgart

Jex Thoth

Foto: Sue Real

Heute Abend ist im Universum alles auf retro eingestellt. Die beiden Bands Jex Thoth und Godless Funk of Bonanza beziehen aus den 1960er und 70er Jahren ihre Vorbilder. Dort sind es Proto-Doom und Psychedelic Rock, die es den Musikern und natürlich auch ihren Fans angetan haben. Und darin findet sich dann auch jede Menge musikalischer Zunder, der so mancher nur aufs Aktuelle blickenden Band abgeht.

Godless Funk of Bonanza

Foto: Sue Real

Abgesehen von diesen gemeinsamen Wurzeln und ihrer Vorliebe für Orange-Verstärker unterscheiden sich die beiden Bands allerdings in Vielerlei. Während die Stuttgarter Godless Funk of Bonanza ihr gerade mal drittes Konzert spielen und zwar ein Demo aber keinen Plattenvertrag haben, ist Jex Thoth schon zum dritten Mal in Europa auf Tour und hat zwar nur ein Album, aber mehrere EPs im Gepäck. Als Restgemeinsamkeit steht wohl fest, dass beide mehr Platten veröffentlichen sollten. Außerdem ist Godless Funk of Bonanza stimmlos, und Jex Thoth hat eine Stimme. Und was für eine: betörend samtig, rauchig. Und das ist noch nicht alles.

Bevor ich das alles erläutern kann, muss ich aber auf den Verlust der dritten angekündigten Band Pancakes hinweisen. Die Pforzheimer hätten ja auch einen Retro-Touch gehabt, mit ihrem Surf Rock und Fuzz beeinflussten Psychedelic Rock, und auch an Stimme hätte es ihnen nicht gefehlt, wenn Sängerin Daniela Neeff nicht hätte krankheitsbedingt absagen müssen. Pancakes jedenfalls können mit einer größeren Zahl von Veröffentlichungen aufwarten. Ihr Auftritt wird am 6. Oktober als Vorgruppe von White Hills nachgeholt.

Jex Thoth

Foto: Sue Real

Auf der klanglichen Ebene sind heute Godless Funk of Bonanza mehr retro als die amerikanische Hauptband, wobei ich mir durchaus vorstellen kann, dass dies etwas mit einem drastischen Besetzungswechsel im Lager Thoth zu tun hat. Endgültig, wie ich mir bestätigen lasse, nicht mehr dabei sind der bisherige Bassist und der phantastische Keyboarder. Letzteren empfinde ich dann doch ein wenig als Verlust. Er hatte mit seinem Hammond-Organ– oder Vox Continental-Sound eine ganz spannende sehr 1960er-mäßige zusätzliche Komponente eingebracht, die sich auf der EP „Witness“ deutlich verstärkte und sich auf der letzten Tour auch beim älteren Songmaterial erweiterte. Stattdessen hat Jex Thoth jetzt zum neuen Bassisten einen zweiten Gitarristen engagiert. Das verändert den Gesamtsound natürlich wieder deutlich, und vor allem wird er um einiges härter. Die doppelten Melodieläufe von Gitarre und Keyboard funktionieren bei völlig anderem Sound allerdings ebenso gut mit zwei Sechssaitern – solche Passagen gab es übrigens auch bisher: bei „Slow Rewind“. Diese relative Härte aber ist untypisch für die Referenzzeit.

Anders bei Godless Funk of Bonanza, die einen ganz weichen, warmen Sound haben, meist nur mit leichter Verzerrung arbeiten. Live habe ich wie auf Platte den Eindruck, dass sich die Band hier ein wenig an den Münchnern Colour Haze anlehnt, denen sie sicherlich auch in ihren psychedelischen Songs einiges verdankt, wenngleich der Blickwinkel der Songs ein wenig anders zu sein scheint. Während bei den Münchnern – wie übrigens auch bei Jex Thoth – Melodie und damit auch Gesang kompositorisch im Vordergrund stehen, bauen sich die sehr jammigen Stücke der Stuttgarter aus der Rhythmusgruppe auf, über deren mal zarter, mal treibender Arbeit die Gitarre dann dahinfließt. Als Restgemeinsamkeit – wenn man mal von den Wurzeln absieht – bringen auch Godless Funk of Bonanza in ihrem zuletzt gespielten neuen Stück „Damiana“ härtere Töne als üblich; auch Jex Thoth können jammig klingen, etwa am Anfang von „Stone Evil“, allerdings nicht in der heute gespielten Fassung.

Godless Funk of Bonanza

Foto: Sue Real

Stilistisch verwenden Jex Thoth natürlich wesentlich songorientiertere Strukturen, um diese so sehr zum Mitsingen auffordernden Refrains zwischen die – naja – sehr zum Mitsingen auffordernden Strophen einzugliedern. Nichtsdestotrotz finden sich auch bei den Okkultrockern lange Instrumentalpassagen als Bridges. Auffallend ist natürlich der doomige Gesamtcharakter, der sich aus dem zumeist sehr getragenen Tempo der Songs und den lange ausgehaltenen Noten sowohl im Gesang als auch auf der Gitarre ergibt. Als Beispiel will ich hier mal nur „Warrior Woman“ nennen, das wie auf der letzten Tour als Zugabe gespielt wurde. Es ist zugleich ein Song, bei dem sich das Ersetzen des Keyboards sehr deutlich zeigt, war er davon doch eigentlich getragen. Dem Stück tut das aber keinen Abbruch.

Nach einer Songorientierung muss man dagegen bei Godless Funk of Bonanza vergeblich suchen – sofern man das überhaupt möchte. Die große Stärke der Band ist es sicherlich, solch lange, abwechslungsreiche psychedelische Arrangements aufzubauen, die keinen einfachen Regeln folgen. Den Begriff psychedelisch hatte Aldous Huxley in seinem Essay „The Doors of Perseption“ erfunden, um die Wirkung von LSD und anderer Substanzen auf das Bewusstsein zu beschreiben. Die vom LSD beeinflusste Musik des Psychedelic Rock kann, wie man bei Godless Funk of Bonanza sieht, eine ebensolche Wirkung entfalten, weil man mit ihr davondriftet und in den Noten aufgeht, während man alles um sich vergisst. Die Stücke sind jeweils so originell aufgebaut, dass man nie sagen kann, wie sie sich weiter entwickeln, dass sie immer überraschend bleiben. Dabei werden sie jedoch nicht unzusammenhängend und beliebig, sondern entfalten einen einheitlichen Charakter. Und sie haben die Eigenschaft, einen am Ende wieder ganz sachte auch den Boden zurück zu stellen, bevor sie enden. Mit diesem Konzept war es den Jungs schon auf ihrem Debütkonzert vor einigen Wochen im 1210 fast gelungen, die Amerikaner Flying Eyes an die Wand zu spielen. Als Restgemeinsamkeit ist die gemeinsame musikalische Heimat unverkennbar. Auch fallen Vor- und Hauptact hier qualitativ nicht nennenswert auseinander, wenn die bekanntere Band, weil sie Gesang hat und weil sie eine Sängerin hat, mehr Publikumsreaktion hervorruft. Aber was für eine Sängerin das ist!

Jex Thoth

Foto: Sue Real

Die Band Jex Thoth ist durch die Sängerin Jex Thoth immer ein synästhetisches Erlebnis. Als ich im vergangenen Jahr auf dem Doom Shall Rise erstmals einen Auftritt sah, habe ich nicht mehr erwartet als großartige Musik mit einer wahnsinnig schönen Stimme. Dank der stark überbelichteten Pressephotos war ja nicht zu erwarten, dass Jex auch dem Auge so wohlgefällig sein würde. Wie bei ihren bisherigen Auftritten spielen feierliche arkane Handlungen mit brennenden Kerzen und brennendem Räucherwerk eine große Rolle. Dann tanzt sich Jex langsam in einen extatischen Zustand bei dem man häufig nur noch ihre Augen aus den Haaren herausblitzen sieht. Während sie wieder fast vollständig auf Ansagen verzichtet, tanzt sie dem Publikum entgegen und reckt ihre Arme vor. Sie schüttelt und windet sich, bis ihr das Haar im schweißnassen Dekolleté klebt. Wie immer trägt sie hohe Stiefel und anfangs ein Cape, das später ein Oberteil mit geschlitzten Rücken zum Vorschein kommen lässt, als hätte sie nicht ohnehin schon genug Sexappeal, diese Femme fatale und Bacchantin. Sie ist nicht unterkühlt wie die Frauen, die sich ihrer eigenen Attraktivität zu sehr bewusst sind, sondern scheint sich, sich selbst genießend, irgendeinem obskuren verführerischen Kult hinzugeben, zu dem sie uns verleiten will, scheint wie eine Abgesandte des ewigen Verführers von dem Charles Baudelaire sagt: „Parfois il prend, sachant mon grand amour de l’Art, / La forme de la plus séduisante des femmes“ („Manchmal erscheint er, kennt er doch meinen Hang zur Kunst, in der Gestalt der verführerischsten aller Frauen“, aus: „Les Fleur du Mal“, CIX: „La Destruction“).

Mit Godless Funk of Bonanza kann ich persönlich da keine Restgemeinsamkeit konstatieren. Jedoch machen sie Ansagen, wenngleich Felix, der Schlagzeuger, sich nicht immer sicher ist, wie seine Stücke heißen, und er „Celsius“ mit „Peltor“ verwechselt, und von seinen Bandmitgliedern zurecht gewiesen werden muss.

Die vielfältigen Eigenschaften der beiden Bands haben aber noch eine – und dieses Mal nicht nur restliche – Gemeinsamkeit: Sie kommen sehr gut beim Publikum an und bescheren uns einen in jeder Hinsicht großartigen Abend. Also: Bitte ab ins Studio und dann wieder auf Tour kommen.


Ein Gedanke zu „JEX THOTH, GODLESS FUNK OF BONANZA, 21.07.2011, Universum, Stuttgart

  • 27. Juli 2011 um 11:56
    Permalink

    Sauber. Auch die Nachricht von White Hills in Stuttgart – sehr sauber.
    Wir sehen uns am Samstag.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.