HPO BIGBAND, 03.07.2011, Staatstheater, Stuttgart

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Foto: Andreas Meinhardt

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und ich vor allem sonntags. Gemütlich lasse ich den Tag des Herrn ins Land ziehen und habe meine festen Fernsehpflichtsendungen. Zuerst schaue ich „Tiere suchen ein Zuhause“, dann die „Fallers“, mit diesen beiden Sendungen weiche ich vielleicht ein wenig von der Norm ab, aber spätestens mit dem Tatort und dem Krimi im Zweiten danach bin ich mir mit vielen vielen anderen Menschen einig. Wahrscheinlich sind das meine katholischen Gene, wir lieben halt Rituale, die sich regelmäßig wiederholen.

Im Sommer habe ich es allerdings schwer. Die Fernsehprogrammgestalter meinen es überhaupt nicht gut mit mir, denn sie zeigen nur Wiederholungen. Was soll das? Was denken die sich dabei bloß? Hat der festangestellte Programmverantwortliche beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen im Sommer drei Monate hitzefrei oder Dauerurlaub? Hallo liebe ARD, ich bin nicht in der Sommerfrische, darf ich einen neuproduzierten Tatort sehen? Gerade Menschen, die nicht in den Urlaub fahren dürfen, müsstet Ihr doch mit einem richtig guten Fernsehprogramm trösten, wir wüssten es wirklich zu schätzen. Sonst gucken wir nix und lesen Bücher. Wenn die Drohung nicht hilft, weiß ich auch nicht mehr weiter.

Gig-Blog-Fotograf Andi Meinhardt hat eine Idee. Sein Vetter Hans-Peter Ockert leitet die HPO Bigband und die geben heute Abend in der Werkhalle der Interimsspielstätte des Staatstheaters in der Türlenstraße ihr Sommernachtskonzert. Den Mann habe ich schon zum Musikantenstadl mitgeschleppt, der macht alles mit, dann darf er auch mal was aussuchen und Jazz habe ich schon lange keinen mehr live gehört. Er versichert mir glaubhaft, die könnten spielen, also los und hin.

Die innovativste Küche ist oft das seltsamste Zeug, da muss man molekular kochen, keiner wird satt und alles sieht so aus, dass man nicht weiß, was auf dem Teller denn nun zum Essen taugt. Ich wurde groß durch Spätzle mit Soss‘, inzwischen weiss ich auch durchaus ausgefeilter zu Essen und zu Genießen, aber immer wieder muss es halt was Handfestes sein. Bigbands sind ja ein bissle die Königsberger Klopse des Jazz. Das ist ein Spitzenessen, vor allem wenn genügend Kapern dran sind, aber halt nicht gerade der heißeste Sternewahnsinn. Ich persönlich erwarte also eher was traditionelleres als molekulares Jazzmassengequietsche, jetzt hören wir da mal rein. Wenn ich über Jazz schreiben soll, dann muss ich vorneweg sagen, dass ich stiften gehe wenn jemand „Fusion“ sagt, da krieg‘ ich einfach Ausschlag. Das hat bei mir gar nichts mit Geschmack zu tun, das ist eine biologische Allergie, ich hab‘ da ein Attest. So manche Platte der Brecker Brothers beispielsweise eignet sich hervorragend, mich aus dem Haus zu jagen. Bei manchen sind es die Walnüsse und sie ersticken, bei mir eben Fusion-Jazz und ich renne.

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Foto: Andreas Meinhardt

Das erste Stück der Riesentruppe klingt dann auch eher nach Weihnachten. Ganz verwundert schauen meine Ohren. Bandleader Hans-Peter Ockert klärt auf, es war eine Variation über was von Telemann. Interessant, so was kann man mal machen. Dann spielen die 17 Mann (13 Bläser zusammen mit dem Rest, also Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboards) eine Eigenkomposition des Bandleaders. „Hurtig“ gefällt mir ausnehmend gut, der Sound ist toll und bei so einer Bläserwand kommt ganz schön Druck von der Bühne! Es läuft alles nach dem Schema ab, wie man es von Bigbands kennt, alle legen zusammen los und immer wieder tritt einer nach vorne und bekommt sein Solo. Besonders gut gefällt mir, wie der dritte Solist Eberhard Budziat ein wunderbares Walrossgejaule aus seiner Bassposaune rausquält. Bei 17 Solisten, die sich andauernd abwechseln ist es schwer zu sagen, wer denn nun der Beste war. Mir persönlich gefiel noch sehr gut, was Pirmin Ulrich mit seinen Holzblasinstrumenten anstellte, der Mann hat fast sein Baritonsax wieder gerade geblasen. Hans-Peter Ockert selber griff nur einmal selber zum Flügelhorn und das tat er dann leider nicht wieder. Am Ende des Abends hing dem Bandleader trotzdem das Hemd aus der Hose. Bassist Dirk Blümlein hat das selbstironische Bassspielen erfunden und ist vor allem für seine sensible Unterstützung der Solisten nicht genug zu loben. Ein Solo musste er eigentlich gar keines spielen, so gut hat mir gefallen, was der Mann mit seinem Viersaiter anstellte und sich durch die Stücke hindurchschlawinerte. Manchmal waren einige Keyboardsounds zu viel des Guten, da musste der Fusion-Jazz-Allergiker halt ein wenig leiden. Mit einem analogen Klavier auf der Bühne hätte man mich da oft mehr überzeugt. Mein Lieblingsstück des spannenden zweistündigen Abends im Staatstheater war übrigens „Medulla Oblongata“, bei dem der noch gar nicht erwähnte Herbert Joos mitspielte. Das Beste hebt man sich halt auch als Berichterstatter bis zum Schluss auf. Der Mann mit dem Pavarottischal hatte einen wunderbaren Gastauftritt im weißen Leinenanzug mit Flügelhorn und Stopftrompete.

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