THE DIVINE COMEDY, 10.06.2011, Theaterhaus, Stuttgart

Foto: Promo

Das Schlechteste an diesem Abend gleich vorweg: Schmoudi (alias Steffen Schmid, für Unaufmerksame: das ist der Fotograf, der hier für ganz wunderbare Bilder sorgt) ist verhindert. Muss irgendeinen Popstar in einer großen Stuttgarter Halle fotografieren. Welch Frevel.

Denn so kann er nicht festhalten, wie der kleine Neil wie ein Musikschüler samt Schuluniform zum Vorspielen auf die Bühne stakst, sich unbeholfen ans Klavier setzt, seine gestreifte Krawatte glatt streicht und zu klimpern beginnt. Nicht sein Profil, von dem man vor allem die blasse Nase und die leicht abstehenden Ohren sieht – die (vielleicht auch nur in meiner zugegeben sehr fantasiereichen Vorstellung) jedes Mal ein bisschen rot werden, wenn er einen Fehler macht. Nicht diese bubenhafte, verirrte Haarsträhne, die sich im Laufe des Abends immer mehr Richtung Decke streckt (wie hat er das wohl gesteuert?). Und Schmoudis Linse verpasst auch Neils Tanzbein. In eine flattrige Anzughose, beigefarbene Strümpfe (vermutlich eine Nummer zu groß, mein Kleiner) und braun glänzende Lederschuhe gesteckt, hüpft es unterm Piano auf und ab wie ein aufgeregtes kleines Kind. Allein das macht diesen Konzertbesuch bereits lohnenswert. Und noch ein bisschen mehr.

„Call me crazy…“ – „Crazy“ – „Thank you. What I wanted to say is: I will play my whole last album.“ So beginnt dieser Abend im Theaterhaus. Und man weiß noch nicht so recht, ob er gut wird. Es ist noch ein Haufen Plätze frei in T1, Neil Hannon sieht nicht so richtig fröhlich aus und nervös ist er auch. Er ist allein auf der Bühne, die pompöse orchestrale Soundwelle, die ihn sonst umgibt, wird fehlen – und dann will er auch noch alle 16 Songs von „Bang goes the Knighthood“ durchspielen. Sagt´s und tut´s. Vergisst den Text, lacht, plappert eine höflich-schnoddrige Entschuldigung vor sich hin, spielt weiter. Nach dem dritten Fehler, der zweiten vergessenen Textzeile bin ich verliebt, lächle verklärt vor mich hin und vergesse zu klatschen, wenn Neil es von mir verlangt.

Und er braucht gar nicht so viel dafür zu tun. Den kleinen Musikschüler mimen, der es langsam zu genießen beginnt, dass eine (wenn auch eher kleine) Menge Leute vor ihm sitzt, die er zum Klatschen und Schnipsen animieren und für ihr fehlendes Taktgefühl rügen darf. Verschmitzt-ironisch ins Publikum lächeln, über sich selbst lachen. Von Gitarre zu Piano springen und dabei Adam, Micha und Andread animieren, die beim zweiten Lied von ihren Stühlen in der ersten Reihe aufgesprungen sind, wie eine Abba-Fanclub-Persiflage hin und her wackeln und Neil gute Laune bereiten. Und er muss dazu nur diese schön banalen Textzeilen vor sich hin singen, die auch ohne orchestrale Soundwelle noch den originären Kitsch mitbringen, für den man The Divine Comedy so gerne hat.

Und das macht der gebürtige Ire seit nunmehr 20 Jahren. Er schreibt die Songs für den größten Liebeskummer (immer in Teenager-Manier) und die leichtesten Lebenskrisen (mit gerade genug Lebenserfahrung intus), er fordert uns auf, auf einem Bein zu hüpfen, dabei viel Liebe zu geben und den National Express zu nehmen, wenn mal alles blöd läuft. Und wir wünschen uns, einmal im Leben einen solchen „silly song“ schreiben zu können. Fragen uns, wie man Schwermut und Albernheit gleichzeitig in solch einfache und dennoch poetischen Wortkombinationen packen kann. Und dann sehen wir ihn auf der Bühne und bekommen eine gewisse Ahnung davon. Songs schreibt er wohl genauso, wie er Konzerte bestreitet: ein bisschen selbstverliebt und kokett, den Gedanken von eben im nächsten Moment vergessen und sich einem neuen, tendenziell albernen hingeben, vor sich hin pfeifen und plötzlich von einer traurigen Erinnerung eingeholt werden. Sich manchmal über sich selbst wundern, was da in den Gehirnwindungen und dem Kehlkopf so entsteht. Und manchmal im Pub zu viele Pints bestellen – oder auch nur so tun, als hätte man zu viele Pints bestellt.

Neil jedenfalls wird mit seinem Pseudo-Pint (irgendjemand hat es ihm in so ein dickwandiges Ikea-Glas gefüllt) immer lustiger. Sein kleines Tanztrio animiert er zum Witze erzählen („Warum kann ein Elefant nicht Fahrrad fahren? – Kein Daumen zum Klingeln“), er träumt von einer Rolle in einem Disney-Film, in dem ihm little bluebirds und little spoons den Text des nächsten Songs einsoufflieren. Er klimpert, zupft, singt noch ein paar Hits, lässt sich feiern, versucht komisch zu sein ( – da man muss fast immer lachen). Und irgendwann fühlt er sich ein bisschen beschwipst, wovon auch immer – und macht ein ganz herzhaftes Bäuerchen ins Mikrofon. Cheers, mate!

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