ESBEN & THE WITCH, 09.05.2011, Manufaktur, Schorndorf

Esben And The Witch

Foto: Steffen Schmid

Wer sind denn diese Leute, die sich an einem sonnigen, warmen Montagabend in eine Halle stellen, um sich eine Band anzuhören, die ob ihrer finsteren Attitüde zwischen düsterem Märchen und Blair Witch Project eigentlich von März bis Oktober Auftrittssperre auf der nördlichen Halbkugel haben sollte? Sonne macht albern-Gothic-Typen eher nicht, sondern augenscheinlich eher die Handvoll hype-höriger Musikblog-/Fachpresse-Interessierter (und ich, haha), die sich die Vielleicht-Hauptakteure der eventuell zu erwartenden Nightmare Pop-Welle ganz von nahem anschauen wollen.

Das Album „Violet Cries“ wurde von Intro bis NME wahlweise als avantgardistischer Goth-Pop-Klopper oder völlig überinszenierte Portishead-Kopie besprochen oder bewundert, zumindest mit viel Aufmerksamkeit bedacht. Heute bewegt das Trio aus Brighton, das auszog, dem Pop das Fürchten zu lehren,  allerdings kaum jemanden zur Fahrt nach Schorndorf, man könnte das gute Wetter dafür verantwortlich machen, bei dem die düstere Melancholie dieser Band aus der Finsternis zu recht keinen Platz haben.

Esben And The Witch

Foto: Steffen Schmid

Was man verpasst, ist ein komischer, verstörender Auftritt dreier nach konventionellen Show-Kriterien optisch mäßig vorzeigbarer Musiker. Auch die Bühne ist sparsam dekoriert, die wichtigsten Elemente bestehen aus zwei silbernen Totenschädeln, einer Stand-Tom und einem vermackelten Zildjan-Becken dort, wo eigentlich Sängerin Rachel Davies stehen sollte. Als wichtigstes Deko-Utensil werden sich aber die zwei Nebelmaschinen etablieren, die den kompletten Auftritt fast durchgehend laufen und die gesamte Manufaktur in dunstige Novemberwaldstimmung tauchen werden.

Esben And The Witch

Foto: Steffen Schmid

Der Auftritt beginnt mit einem sphärischen Klangteppich, zu dem sich Davies, wie noch öfters an diesem Abend, in den Bühnenhintergrund stellt und sich dort, die Haare im Gesicht, wie in Trance vor- und zurück wiegt. Ihre Aufgabe bleibt neben dem außerordentlichen, mit kräftig Hall unterlegtem entrückten Gesang auch die Bedienung der Trommel und des Beckens am Bühnenrand, dessen Zustand sich durch ihre, ääh, kompromisslose Spieltechnik schnell erklärt; gelegentlich bedient sie auch einen Bass, der so tief wummert dass die Zähne klappern.  Die satten elektronischen Beats stammen vom Laptop, den Daniel Copeman, der den mit Abstand zurechnungsfähigsten Eindruck macht, neben einer zurückhaltenden Gitarre bedient. Performancetechnisch das Gegenteil stellt Gitarre Nummer Zwei Thomas Fisher dar, der mit ordentlich 70er-Jahre-Remineszenzen gebückt, die Gitarre quasi auf dem Boden schleifend, lange Haare im Gesicht, auf der Bühne umhertaumelt, gelegentlich Zähne oder andere Dinge zum Bearbeiten der Saiten einsetzt und Davies in den sehr starken zweistimmigen Parts mit tiefer Dämonenstimme unterstützt.

Esben And The Witch

Foto: Steffen Schmid

Wirklich identifizierbar sind nur wenige Lieder, viel scheint improvisiertes, aber trotzdem erstaunlich gut anhörbares Geschrammel. Die gelegentlichen kargen Wortmeldungen zwischen den Songs gehen in nuschelndem britischen Englisch unter, sind vermutlich nett gemeint, allerdings schenkt Davies dem Publikum dabei nicht einen Blick, sondern starrt hinter ihren ins Gesicht hängenden Haaren auf ihre Schuhspitzen. Dann wieder: Nebel.

Identifizierbar für mich der Marching Song und Warpath, der Rest geht ineinander über, man fragt sich da in den wenigen Liedpausen gelegentlich, ob denn das Lied/die Lieder nun drei oder fünf oder zehn Minuten gedauert haben, wenn die Soundorgien zwischendurch mal stoppen. Qualitativ ist diese Musik jedenfalls sensationell, wenn auch sicherlich nicht jedermanns Sache. Der englischen Musikpresse hat es jedenfalls zu recht gefallen, und auch wenn das Album zwischendurch schwächelt und mit ewig lärmenden Wiederholungen nervt, funktioniert das live irgendwie besser, fängt oder nebelt einen in sphärischen Soundwällen ein und lässt schaudernd das Blut in den Adern gerinnen. Ebenfalls zu recht könnte man sich ein witziges Genre wie Nightmare Pop dafür ausdenken, denn für Gothic ist das definitiv zu Indie, für Indie zu Pop, für Pop zu finster und außerdem das komplette Gegenteil von Madonna.

Nach 50 Minuten schon ist der klagende Spuk vorbei, die drei verschwinden ins Horror-Feenland aus dem sie gekommen, die Welt hat uns wieder. Oh, und draußen ist ja Mai.

Esben And The Witch

Foto: Steffen Schmid

4 Gedanken zu „ESBEN & THE WITCH, 09.05.2011, Manufaktur, Schorndorf

  • 11. Mai 2011 um 15:19
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    Hast du für die Fotos irgendwie einen Filter gehabt, der den Nebel rausmacht? Da sieht man ja sogar teilweise das Gesicht von der Rachel, die hat ja gar keine roten Dämonaugen und spitze Zähne, wie ich mir das während des Auftritts vorgestellt hab…

  • 11. Mai 2011 um 15:49
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    Rot nicht, Dämon aber schon. Schau dir mal das Aufmacherbild an…

  • 11. Mai 2011 um 17:46
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    toller sachkundiger text, grandiose bilder!!

  • 11. Mai 2011 um 18:09
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    Jau stimmt, da schauts aber wirklich irr aus der Wäsche.

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