ERDMÖBEL, 13.04.2011, Theaterhaus, Stuttgart

Erdmöbel

Foto: Steffen Schmid

Oh toll, fast wie Kino: Pop-Konzert mit ansteigenden Sitzreihen plus Platzkarten. Blitz-Umfrage unter Nebensitzern ergibt einheitlich zustimmendes Meinungsbild – geordnet sitzen, gute Sicht, das darf öfters so sein. Rock’n’Roll überlassen wir gerne den nachfolgenden Generationen.

Vorne betreten vier Musiker die noch abgedunkelte Bühne, das Backdrop zeigt die Vintage-Kamera vom Cover des „Krokus“-Albums. Sänger/Gitarrist Markus Berges tritt separat dazu und bekommt warmen Extra-Applaus. Bühnenlicht an, erstes Stück ist „Arbeiten“ vom vorher genannten, aktuellen Album.

Schlagzeuger Christian Wübben sitzt vorne rechts und auch sonst scheint es bandintern eher flache Hierarchien zu geben. Nach dem zweiten Stück („Ausstellung über das Glück“) werden die Theaterhaus-Zuschauer von der Band mit den Worten begrüßt: „Für uns die spannende Frage – seid ihr alle Wutbürger?“ Schüchternes Kichern, egal, weiter geht’s mit „Fremdes“. Der Sound ist voll, das Zusammenspiel tight, hört sich fast an wie von Platte – im besten Sinn. Wunderschön klingt das Fingerschnips- und E-Bass-Intro von „Emma“, dann sanfte Melodien mit viel Posaune, sehr wohltuend.

Mein persönlicher Favorit ist heute „77ste Liebe“, der Text ist kryptisch und wirkt frei assoziiert, wird dem irrationalen Thema also voll gerecht und „Süße“ lässt man sich vom lyrischen Ich eh gerne nennen. „Addieren, subtrahieren“ im Zusammenhang mit Liebesbeziehungen auch immer gut, mag ich auch in diesem Stück von Little Boots sehr. Virtuos und fröhlich klimpert das E-Piano von Wolfgang Proppe, wir sind sehr angetan.

Zwischendrin trumpft Bassist und Produzent Ekki Maas mit korrekt eingesetzter Mundart-Sachkenntnis auf  („Heidenei“) – lustig. Beim Stück „Brasilia“ kommt ein Akkordeon zum Einsatz, wohldosiert ist das durchaus ein musikalischer Zugewinn. Mehrfach wird nun seitens der Band zum Mittanzen aufgefordert, Gig-Blog-Mitarbeiter S., hochemotionalisiert wie immer, lässt sich nur mit Mühe auf dem Sitz halten, macht nichts, die anderen Zuschauer machen das auch ohne uns sehr gut.

Es folgen der Neujahrssong „Erster Erster“ und das hinreißende Stück „Snoopy T-Shirt“, dessen entzückende Piano-Parts mich an den Soundtrack tschechischer Märchenfilme erinnern; Posaunensolo gibt’s obendrauf, höre ich soweit ich weiß auch das erste Mal sowas.

Höhepunkt und Schluss des offiziellen Sets bilden das großartige „Das Leben ist schön“ und die enorm gelungene, eingedeutschte Bacharach/Carpenters-Coverversion „Nah bei Dir“. Unfassbar, wie schön der durchschittliche schwäbische Bildungsbürger im Chor singen kann, an uns lag’s nicht. Als Zugabe wird unter anderem „Dreierbahn“ gespielt (auch ausnehmend toller Song) und „Sunrise“, zu dem das Publikum mit Erdmöbel-Merch-Streichholzschachteln im Takt rascheln darf. Das geht einfach und klingt zart und hübsch. Charmante, hochmusikalische, sehr besondere Band diese Erdmöbel.

Erdmobel

Foto: Steffen Schmid

4 Gedanken zu „ERDMÖBEL, 13.04.2011, Theaterhaus, Stuttgart

  • 14. April 2011 um 21:28
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    Mitarbeiter S. wollte mit mir Schneepflug tanzen, hat sich nur ein bisschen geschämt.
    Großartige Band, hat mich live endgültig überzeugt.
    …und top Artikel + Fotos, aber das ist bei euch beiden ja eh Standard.

  • 15. April 2011 um 00:03
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    Bin auch noch sehr angetan vom Konzert und dem tollen Bericht samt Fotos :)

  • 15. April 2011 um 09:39
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    Musikalisch, wie soundtechnisch allererste Güte !
    Die Wahl des Theaterhauses aber mit bestuhltem Saal habe ich persönlich eher als Fehlentscheidung verbucht…es waren wenig Leute da (es wurde kaum Werbung gemacht), man durfte kein Trinken mit in den Saal nehmen und das Lümmeln in den Sitzen war dann doch für Einige bequemer als aufstehen…
    Nächstes Mal wieder Innenstadt, kleiner Club – dann stimmts auch mit der Atmosphäre…

  • 15. April 2011 um 15:22
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    Ich habe die ob des Bandnamens immer für eine Zonenband gehalten – Erdmöbel ist Sarg auf Ostdeutsch.

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