GLASVEGAS, 12.03.2011, Atomic Café, München

Foto: Carsten Weirich

Die Indierocker von Glasvegas kommen aus Glasgow und sind nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens groß geworden. Ob das Wortspiel ihres Bandnamens gelungen ist oder nicht, darüber lässt sich vielleicht streiten. Ob ihre Musik gelungen ist oder nicht, darüber kann es (natürlich wie immer ganz objektiv) keine zwei Meinungen geben. Zum ersten Mal haben wir sie bei ARTE Tracks gesehen und haben uns augenblicklich in die Schotten verliebt.

An dieser Stelle muss ich den Machern für ihre Sendung mal gratulieren. ARTE Tracks ist meiner Meinung nach eine der besten Sendungen im deutschen Fernsehen. Egal ob über sadomasochistische Performance-Künstler, trendy Strickliseln in Berlin oder Bands wie Zola Jesus, Diamond Rings oder eben Glasvegas berichtet wird, Tracks macht das immer wahnsinnig interessant und mit viel Liebe. Weiter so. Aber zurück zu Glasvegas. Ihre raue Working Class-Poesie berührt – uns zumindest. Man spürt, dass man hier keinen Klon der unzähligen Indierock-Bands vor sich hat, die derzeit zu hören sind. Umso schöner, dass wir an diesem Samstag in den Genuss kommen, sie live zu sehen. Wir müssen dafür zwar nach München fahren, aber das machen wir gern.

Schon draußen in der Schlange vor dem Atomic Café wird klar, dass Glasvegas nicht gerade die ganz jungen Fans anspricht. Macht ja nix, wir sind ja auch schon knapp über 16. Und nicht nur wir haben die rund 200 Kilometer von Stuttgart auf uns genommen für unsere Lieblingsschotten. Direkt neben uns werden per Handy Fußballergebnisse abgerufen. Daran, dass man ausschließlich schaut wie die Kellerkinder gespielt haben, wird schnell klar, dass das VfB-Fans sein müssen. Drinnen ist es schnucklig klein, vergleichbar mit dem Zwölfzehn. Wie die Münchener Vorband heißt, habe ich nicht verstanden. Macht aber auch nix. Ist eh nicht so mein Fall. Ruhige Gitarren, melancholischer Gesang und „flying“ in zwei von drei Songs. Einzig und allein die selbst mit größtem Wohlwollen nicht zu ignorierenden Flatulenzen irgendeines Fans durchbrechen die Monotonie. Man hat ja dann automatisch seine Verdächtigen. Einer scheidet aber auch gleich wieder aus. Als er den infernalischen Gestank bemerkt, schnüffelt er prüfend an seinen Achseln. Das sorgt wiederum für viel Erheiterung bei uns.

Eine seit ein paar Jahren in München lebende junge Schottin erzählt uns, wie aufgeregt sie ist, ihre Idole live zu sehen. „I’m so excited“, ruft sie immer wieder. Während wir uns unterhalten, bekommt sie eine SMS von ihrer Mutter aus Glasgow. Sie beneidet ihre Tochter und gleichzeitig wünscht sie ihr, dass Sänger James Allan diesmal nüchtern ist. Ist wohl nicht immer so. Kurz darauf gehen Glasvegas dann hinter der Bar nach vorn durch zur Bühne. Jetzt bin ich echt überrascht. Ich kenne Glasvegas nur ganz in schwarz mit Lederjacken, aufgestellten Kragen und Flattops, styletechnisch irgendwie ziemlich psychobilly-mäßig. Der Rest der Band ist immer noch schwarz gekleidet. Sänger James Allan hingegen sieht aus, als würde er in einem heruntergekommenen Glasgower Vorort LSD verticken. Weiße Turnschuhe mit weißen Tennissocken, die hellblau bis weiße Jeans hochwassermäßig hochgekrempelt und ein weißes Shirt mit einem Seitenausschnitt bis zu den Rippen. Vollendet wird das Gesamtkunstwerk mit einer verspiegelten Sonnenbrille. Eitel ist er nicht, soviel ist klar.

Was die Schotten dann allerdings auf der Bühne abliefern, ist vom Feinsten. Vom ersten Song an geben die vier Vollgas. James Allan singt mit so wunderbar schottischem Akzent und so voll Inbrunst, dass man sich fast Sorgen um seine deutlich hervortretende Halsschlagader machen muss. Seinem Bruder Rab an der Gitarre rinnt der Schweiß in Strömen von Stirn und Nase, Bassist Paul Donoghue präsentiert vor Anstrengung seine mächtige Zahnlücke und auch die junge Schwedin Jonna Löfgren, neue Frau an den Drums, hämmert im Stehen mit viel Leidenschaft auf ihr Instrument ein. Glasvegas besingen in den Stücken ihres selbstbetitelten und bisher einzigen Albums ein hartes Leben zwischen grauer Tristesse und Arbeitslosigkeit. Schon beim zweiten Song des Abends „It’s my own cheating heart that makes me cry“ singen die Fans verzückt und ergriffen mit. James Allan liebt die großen Posen. So steht er meistens mit ordentlichem Hohlkreuz da, schaut Richtung Decke und hat sein Mikro mit Lichterkette fest im Griff. Zwischendurch unterhält er sich mit seinen Fans oder lässt sich auch mal ein Bier auf die Bühne reichen.

Die schönste Geschichte des Abends erfahren wir vor dem Song „Geraldine“, der von Allans ehemaliger Sozialarbeiterin handelt, die immer wieder dafür gesorgt hat, dass er nicht auf die schiefe Bahn gerät oder andere Dummheiten macht. Geraldine ist hier. Sie sitzt am Merchandise-Stand der Band und singt ihren eigenen Song mit.

“When your standing on the window ledge
I’ll talk you back from the edge.
I will turn your tide,
be your shepard and your guide (…)
I`ll be the angel on your shoulder.
My name is Geraldine, I’m your social worker.”

Glasvegas begeistern wahlweise mit fetten Gitarrenwänden oder zarten leisen Tönen – rau, rockig und folkangehaucht.  Zwischendurch streuen sie sehr gelungene Coverversionen von “Be my Baby” und “Moonriver“ ein. Das gefällt vor allem den weiblichen Fans. Um uns herum wird mit teilweise fast schon verklärtem Gesichtsausdruck mitgesungen und getanzt und auch die junge Schottin kann sichtlich ergriffen und nicht weniger alkoholisiert die Beine nicht mehr stillhalten. Zu „Go square go“ begibt sich James Allan mit seinem Mikroständer mitten zwischen seine Fans. Das bringt nochmal ordentlich Wallung und Stimmung in die Menge. Nach etwa einer Stunde verabschieden sich Glasvegas, allerdings nicht ohne nochmal für zwei Zugaben zurückzukommen. Als letzten Song haben sie sich „Daddy’s gone“ ausgesucht, einem Song über einen Vater, der seine Familie verlässt. Kurz darauf sind Glasvegas von der Bühne verschwunden. Aber noch draußen vor der Tür hört man Fans „He’s gone“ singen. Uns bleibt die Freude über ein großartiges Konzert und das im April erscheinende Album „Euphoric Heartbreak“.

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