GOLDEN GATE QUARTET, 22.12.2010, Theaterhaus, Stuttgart

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Fotos: Andreas Meinhardt

Es ist doch jedes Jahr immer wieder das Gleiche, im Dezember schneit’s, alles schimpft drüber und wenn dann an Weihnachten der Schnee weg oder braungetaut ist, dann ist das auch wieder keinem Recht. Für Weihnachtsliebhaber wie mich, ist es da ganz schön schwer, umgeben von den ganzen schniefenden und naseputzenden Bähmulles trotzdem in Stimmung zu kommen. Doch dieses Jahr kommt die Rettung aus den Staaten. Das Golden Gate Quartet gibt ein Konzert im Theaterhaus, also wenn danach nicht die Glöcklein läuten und der innere Baum brennt und mir das Weihnachtsstressgenöle aller unkreativen Kreditkartenquäler nix mehr ausmacht, dann hilft nichts.

Morgens am Frühstückstisch lese ich schon in der Zeitung ein lustiges Interview mit dem Senior der Band, Tenor Clyde Wright (der ist immerhin stattliche 82 Jahre und seit 1954 in der Kapelle, die es schon seit 1934 gibt). Etwas irritiert ist der Interviewer, als sich der Herr danach erkundigt, wie es denn Heino gehen würde. Offensichtlich ist das nicht gerade die Musik, die Stuttgarter Journalisten so hören und mögen. Hätte er sich nicht wundern dürfen, denn 1977 haben die Sängerknaben mit der Sonnenbrille mit Blond eine Platte aufgenommen „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ ist eine echt verwirrende Perle in meinem Plattenschrank. Was damals wohl schiefgelaufen ist bei der Auswahl des Titels für ihre Kooperation mit dem Max Headroom der deutschen Volkstümlichkeit, darf man sich fragen. Vor allem wenn man den Rest des Textes kennt! Naja, wahrscheinlich waren sie halt jung und…

Der große Saal im Theaterhaus ist bicke-backe-voll und das Publikum teilt doch zum Teil eine gewisse Schnittmenge mit Korntaler Betstuben, Kirchentagshallen und ein oder zwei waren hier bestimmt schon auf einer Lesung von Margot Käßmann. Hätte ich mir denken können/ müssen und war zu erwarten. Schräg links vor mir sitzt eine ordentlich gekleidete vorweihnachtlich gestimmte Familie, Vater mit Sakko, Mutti hat auch was an und die zwei Buben im Grundschulalter haben einen ordentlichen Kurzhaarschnitt und tragen Schlips zu weißen Hemden und hellblauen Jeans, die ziemlich über dem Bauchnabel gegürtet sind. Stört mich alles nicht, schließlich ist in zwei Tagen Weihnachten und unter’m Baum tragen die alle dasselbe.

Kurz nach acht betreten die vier Herren die Bühne und haben die Sache im Griff. Ein bisschen sehen sie aus wie vier lackbeschuhte Fliegentragende Pinguine. Aber wenn ich jemals in den Himmel komme, dann will ich die Wolke neben ihnen. Erstens muss ich dann nicht selber singen und zweitens ist das genau der richtig Soundtrack für da oben. Den ersten Song kenne ich nicht, aber „Swing low“, das kennen alle (steht ja inzwischen auch im Gesangbuch) und singen frohgestimmt mit. Frank Davis, der 2. Tenor,  Bariton Paul Brembly und der Bass Anthony Gordon haben einfach ihr Handwerk gelernt und die drei Männer der Band im Hintergrund (Klavier, Schlagzeug, Bass) runden die Sache gekonnt ab (guter, traditioneller Modern Jazz Quartet Stil). Modern Gospel und ein paar Hits, das machen die ganz fein. Vor allem der Bass! Mein lieber Scholli! Der klingt tiefer als meine Regentonne und macht in den Höhen jedem Engelchen Konkurrenz. Dann schlottert der Anzug genau richtig an dem Fast-Zweimetermann und er trägt auch noch so eine Malcolm X-Brille als Nasenfahrrad. Stil haben sie schon. In der Pause summe ich schon fröhlich alles, was ich kenne und freue mich, was da noch kommen wird. Auf dem Wunschzettel ganz weit oben steht mein nordamerikanisches Lieblingsweihnachtslied von dem rotnasigen Rentier. Das haben sie schon gesungen, ich hab die Platte daheim!

Umgezogen haben sich die Jungs. Statt schwarz und Fliege, trägt man jetzt Mausgrau mit Schlips. Die Band hingegen trägt weiterhin schwarz. Aber keiner hat die Lackschuhe gewechselt. Natürlich gibt’s jetzt dann den Weihnachtsblock, aber nur Gospels und „Silent Night“. Das ist auch schön, aber leider kriege ich keinen Rudolph! Macht nix, den habe ich ja daheim. Natürlich singt und klatscht das Publikum eifrig mit und immer wieder steht’s sogar, wie bei den Rockkonzerten, von denen man das schon gehört hat. Frage- und Antwortspiele klappen prima und das mit dem Mitschnippen flutscht wenn darum gebeten wird. Clyde Wright hebt vor dem neuen Stück „My Pay“ zu einer etwas längeren Predigt an, das Stück ist ein Gebet für die Geplagten und Geschundenen dieser Welt. Beim Solo laufen ihm dann Tränen über die Wangen und ein-, zweimal versagt die Stimme. Denn auch wenn die Herren absolute Showmen und Entertainmentprofis sind, die genau wissen, was sie machen, eines ist deutlich zu spüren: da stehen keine Atheisten auf der Bühne. Sondern vier Interpreten, die wenn sie vom Herrn im Himmel singen, genau wissen, dass der da wohnt und immer auf uns Sünder runterschaut und achtgibt. Natürlich gibt’s „Amen“ zum guten Ende und ich nehm‘ fröhlich summend den Schienenschlitten nach Hause. Mal sehen, wo die „Rudolph“-Platte sich versteckt hat….

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Fotos: Andreas Meinhardt

Ein Gedanke zu „GOLDEN GATE QUARTET, 22.12.2010, Theaterhaus, Stuttgart

  • 24. Dezember 2010 um 23:16
    Permalink

    Auweia, da habe ich mit Swallow the Sun + Sólstafir + Mar de Grises ja, ohne es zu wissen, so ungefähr die Gegenthese zu Deinem Text geschrieben.

    Meiner liegt bislang nur bei Anja vor, die an Heilig Abend wohl auch Besseres zu tun hat. Wenn er dann raus ist, wirst Du sehen, was ich meine.

    Und dabei waren beide Konzerte am selben Tag …

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