SAINT VITUS, THE GRAVIATORS, SEMLAH, BURDEN, 18.12.2010, Haus 11, Stuttgart

SAINT VITUS, 18.12.2010, Haus 11, Stuttgart

Fotos: Sue Real

„This is a special night“, sagt Scott Wino Weinrich irgendwann gegen Ende des Konzertes. Dieser Satz bringt es auf den Punkt, denn was – für uns nach den wegen Schnees verpassten Burden – mit den etwas langatmigen, sich gegen das Ende ihres Sets steigernden Epic Doomern und Count Raven-Offspring Semlah beginnt und mit der würdigen und folgerichtig der Plattensammlung einverleibten Neuentdeckung der sehr rockigen Psychodelic Doomer mit 70er Einschlag The Graviators weitergeht, soll wirklich eine „special night“ werden.

THE GRAVIATORS, 18.12.2010, Haus 11, Stuttgart

Fotos: Sue Real

Nach den grandiosen Graviators rücken die Zuschauer vor der Bühne langsam zusammen, bis es kuschelig ist wie in einer Sardinenbüchse. Drei Jungs vor mir singen „Sloth“, von hinten erschallen einige „Reagers, Reagers“-Rufe von Leuten, die eine Re-Union lieber mit dem ersten Saint Vitus-Sänger Scott Reagers als mit Wino gesehen hätten. Insgesamt ist die Stimmung ausgelassen, vorfreudig und weitgereist, denn Robbys Metal Nights hat nicht nur die Bands, sondern auch die Fans von nah und fern ins Haus 11 zitiert: So kommt Doom Volki aus Winterthur, Geb aus Mannheim, Timon aus München, Arif aus Friedberg und wie sie alle heißen; die Autokennzeichen sagen ihr Übriges. Vitus sind eben Pflicht. Und dann betreten die Herren die Bühne, deren Ausstattung ganz spartanisch auf das Wesentliche reduziert ist: Verstärkertürme links und rechts mit je zwei 4 x 12“ern, Schlagzeug mit einer Bass-Drum, Mikroständer – der von Panzerband zusammengehalten wird und irgendwann während des Abends den Geist aufgibt –, drei Monitorboxen, dreißig Flaschen Beck’s und eine Flasche Whisky.

SAINT VITUS, 18.12.2010, Haus 11, Stuttgart

Fotos: Sue Real

Noch bevor Saint Vitus ihren ersten Ton spielen, widmet Gitarrist Dave Chandler das gesamte Set dem erst Ende November verstorbenen ehemaligen Schlagzeuger Armando Acosta, und das Publikum skandiert „Armando, Armando …“. Was sich musikalisch dann anschließt, ist eine hervorragende Song-Auswahl, die fast alle Wünsche bedient, außer freilich den nach Stücken von „Die Healing“, auf die Reagers-Fans seit der Wiederbelebung der Band 2003 vergeblich warten. Eröffnet wird mit „Living Backwards“, gleich gefolgt von „I Bleed Black“, einem Song, der natürlich schon die vollen Vitus-Qualitäten zeigt, vor allem die textlichen: „Open my veins / I do it everyday“ – einfach herrlich. Man kann sich drüber amüsieren, ohne dass es gleich ins Lächerliche abglitte. Daraus spricht einfach der auf ewig Sechzehnjährige, der – wie Bruce Dickinson ganz richtig feststellt – in jedem Metaller steckt.

Bei „White Magic/Black Magic“ hat sich Sue Real wahrscheinlich unter Zuhilfenahme von dergleichen auch endlich so weit aus dem Mosh-pit herausgearbeitet, dass er Photos machen kann, während ich in der Mitte bleibe und plötzlich nur noch von bekannten Gesichtern umgeben bin. Vitus können ganz schön schnell sein, wie „Look Behind You“ zeigt, dem, wie Dave Chandler sagt, ersten Song, den sie je geschrieben haben, auch wenn er erst 1987 veröffentlicht wurde. Die musikalischen Trademarks sind dieselben wie bei „H.A.A.G.“: Chandler spielt relativ einfach strukturierte, eingängige Riffs über stampfende Drums und gefingerten, unverzerrten Bass, verfällt dann aber immer wieder in unkontrolliert wirkende Lärmtiraden, die er erzeugt, indem er die Gitarre mit allem traktiert, was sich dazu mehr oder weniger anbietet: Zunge und Zähne beispielsweise, oder er schabt wie bei diesem Song mit den Fingernägeln über die Seiten, um sich dann daran zu erinnern, dass mal jemand das Plektrum erfunden hat – weitere Spielvarianten werden erst später ergriffen …

Dann aber kommt der große Moment, auf den alle Anwesenden praktisch seit 1994 warten: Wino kündigt einen neuen Song an! Da liegen die Nerven blank. Werden Saint Vitus es schaffen, auch derartig gutes neues Material zu schreiben? Was sie dafür tun müssen ist natürlich klar, und wie der Song zeigt, haben sie es auch verstanden: Chandler spielt andere relativ einfach strukturierte, eingängige Riffs über stampfende Drums etc. (siehe oben). Hervorragend! Ich habe das Gefühl, dass ich mir so etwas wie „Dass ich das noch erleben darf“ auf meinen Zettel kritzeln muss, von links brüllt mir Volki mit einer Mischung aus sächsischer und schweizer Mundart sowie acht Bier „Großartich!“ ins Ohr, Geb fuchtelt mit erhobenem Daumen, die Publikumsreaktion lässt von links nach rechts und hinten bis vorne nichts zu wünschen übrig: „Blessed Night“ ist ein super Song – der Name passt ja auch irgendwie –, und Wino verkündet, dass wir auf dem kommenden langersehnten Album noch mehr „heavy“ Nummern zu erwarten haben.

Weiter geht’s mit „White Stallions“, wobei der Mob bereits den Siedepunkt erreicht, mit „Mystic Lady“, gewidmet „all the ladies in the crowd“, und mit „Saint Vitus“, was Timon ein Lächeln ins Gesicht tackert, das erst am nächsten Morgen mit dem Kater wieder verschwindet. Bei dem Song darf dann auch Marshl von Unbound, ihres Zeichens Vorgruppe des letzten Vitus-Gigs in Stuttgart, mal ins Mikrophon röhren.

Als Saint Vitus zur ersten Zugabe wieder auf die Bühne kommen, stellt Wino die natürlich unvermeidliche Frage, ob jemand im Publikum sei, der sich einen Trip geschmissen habe. Und während sich Hesse in der ersten Reihe als Drogenkonsument outet und von Wino mit der Aussage: „There’s always at least one in every crowd“ bedacht und umarmt wird, erklärt mir Doom Volki, dass jetzt „Born Too Late“ komme, denn das sei in Pratteln auch so gewesen. „Nee“, denke ich mir und schreibe schnell „Clear Windowpane“ auf meinen Zettel, den ich ihm unter die Nase halte. Sein Unglaube wird noch etwas größer, als er feststellen muss, dass ich recht habe – dabei weiß ich das nur, weil ich nach der Roadburn-Show letztes Jahr den Titel mal gegoogelt habe, um endlich die seltsame Ansage zu verstehen, die Wino jedesmal macht. Die Zugabe wird durch den Alkoholiker-Song „Dying Inside“ abgerundet, welchen Wino dazu nutzt, die Jack Daniels-Flasche ins Publikum zu reichen und einem arglosen Konzertbesucher zum Ausgleich sein kühles Bier abzuknöpfen.

Bei der zweiten Zugabe wird es langsam Zeit für den Song, der praktisch zu einer inoffiziellen Hymne der Doom Metal-Szene geworden ist und den Volki ja schon angekündigt hat: „Born Too Late“. Diesesmal übertreffen sich Saint Vitus mit einer zwölf Minutenversion selbst. Dave Chandler steigt während des Songs sogar so weit ins Publikum herab, wie das Kabel reichen mag, spielt genau zwischen Timon, mir, Geb und Katrin weiter und greift sich schließlich Katrin, um seine Gitarre mit ihrem Kopf zu spielen, wobei er einen blauen Fleck auf ihrer Nase zurück lässt. Nach dem Stück meint Jojo, dass es die alten Herren den ganzen Jungspunden aber mal ordentlich gezeigt haben. Da hat er recht: Die haben mehr Feuer unterm Hintern als mancher Teenager, und damit haben sie uns ebenso ordentlich eingeheizt. So allerdings wollen sie uns nicht in die Nacht entlassen und spielen als letzten Song noch „Shooting Gallery“, „to sober you down“, widersprechen sich jedoch selbst, indem sie dabei die wenigen verbliebenen Biere ins Publikum herunter reichen.

Nach der Show, als die Menge langsam nach draußen wogt oder in Grüppchen zusammen steht und sich gegenseitig beteuert, was für ein großartiger Auftritt das war, kommt Robby zu uns herüber. Die Gelegenheit nutzt Timon, um ihm entgegen zu schreien: „Danke, danke! Das war das Konzert des Jahres!“ Man kann es so ausdrücken, oder wie Wino, aber es stimmt allemal: „This is a special night!“

SAINT VITUS, 18.12.2010, Haus 11, Stuttgart

Fotos: Sue Real



3 Gedanken zu „SAINT VITUS, THE GRAVIATORS, SEMLAH, BURDEN, 18.12.2010, Haus 11, Stuttgart

  • Pingback:Tweets that mention SAINT VITUS, THE GRAVIATORS, SEMLAH, BURDEN, 18.12.2010, Haus 11, Stuttgart | gig-blog.net -- Topsy.com

  • 23. Dezember 2010 um 12:52
    Permalink

    Danke für den Bericht und die tollen Bilder ! Nehme mal an Sue Real ist dann derjenige mit der ultraschweren Equipment Umhängetasche und der Pro Camera gewesen .Musste mich selbst davon überzeugen. :-)
    War auf jedenfall ein sehr geiler Abend !Ärgerlich auch für mich das ich Burden verpasst habe ,die wollt ich unbedingt sehen…

    Cheers
    Harry

  • 10. April 2014 um 09:21
    Permalink

    extrem gutes Zitat von Wino:
    „Drugs are and will be important not just to me or my music, but to our culture in general, as they are in all cultures. I just ended (eight months ago) a seven year methamphetamine bender which was fucking great, and fucking fun, but I wanted to live and stay out of jail for me, my loved ones, my fans and my spirit. We all know that drug is hard as hell, but I loved it.

    I don’t use anything now except all natural drugs like marijuana and buttons [peyote] or ’shrooms. I don’t do coke (it sucks now, and is different anyway), meth or heroin. I do like the occasional Norco or some codeine, but I have a healthy respect for all drugs. I don’t and never have smoked tobacco, but I burn and inhale several homemade herbal concoctions to induce visions, sleep or mental clarity. The natural shit’s the best anyway, in my opinion. I have tripped at least a hundred times on LSD, mescaline, psilocybin, and I do still love 2CB (so if you’re coming to one of our shows: bring me some! I will trade merch or art I do for that!)

    I have completely revamped my booze intake now, too, rarely drinking anything at all except a dark weihenstephaner or a glass of wine with my lady, who is German. I will have an occasional sip of real fucking moonshine, which we get occasionally in Virginia or North Carolina. That’s a weakness I have somehow managed to master.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.