CATHEDRAL, THE GATES OF SLUMBER, 08.11.2010, Röhre, Stuttgart

Cathedral

Foto: gigblog

Die kleine europäische Doom Metal-Szene ist ein eingeschworener Verein, der in vielerlei Hinsicht die Eigenschaften eines Wanderzirkus aufweist. Denn wo immer Bands dieser Musikrichtung ihre Zelte aufschlagen und ihr Fähnchen langsam im düsteren Wind wehen lassen, findet sich mit Sack und Pack die treue Doom-Karawane ein, um ihrer Musik zu frönen. Der Aktionsradius dieses Wanderzirkuses ist dabei immens, denn egal, ob man im Frühjahr das Doom Shall Rise in Göppingen, das Stoned Hand of Doom in Rom oder das Roadburn in Tilburg besucht, ob man im Sommer aufs Stoned from the Underground bei Erfurt oder im Herbst – gerade nächste Woche wieder – aufs Dawn of Doom in Winterthur fährt: Immer sieht man dieselbe Gruppe festen Personals. Auch die Stuttgarter Fans tuckern dabei nach Würzburg, Nürnberg, London oder Stockholm, um Bands wie Cathedral zu sehen.

Wenn der Wanderzirkus aber lange genug dem Propheten hinterher gefahren ist, kommt der Prophet schließlich auch mal wieder in die Schwabenmetropole zu Second Hand Records und in die Röhre. Künder des immer wieder Neuen sind Cathedral in der Tat, die Band, die vor 20 Jahren den Metal zurück in den Doom gebracht hat und die sich seither fortwährend selbst neu erfindet, ohne sich dabei zu verlieren. Und natürlich sind sie auch Anbieter anderer hellsichtiger Dienstleitungen, wie des Aufspürens von Hexen.

The Gates Of Slumber

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Mitgebracht haben uns die Briten um Sänger Lee Dorrian mit Gates of Slumber eine der Bands von dessen eigenem Plattenlabel Rise Above Records. Die Amerikaner, schon zum Xten Mal in Europa unterwegs, spielen sehr variantenreichen Doom Metal, teils sehr bluesig mit schweren groovenden Riffs, teils extrem schleppend, langsam, teils im Gegensatz dazu sogar Uptempo-Nummern wie „Chaos Calling“. Leider finde ich, dass die Band nur sehr wenig wirklich griffige, ins Ohr gehende Stücke wie „Bringer of War“ vom aktuellen Album „Hymns of Blood & Thunder“ bietet, sodass ich mich auch bei meinem vierten oder fünften Konzert von Gates of Slumber nicht wirklich mit ihnen anfreunden kann.

Ganz anders ist das bei Cathedral, dieser musiktouristischen Sehenswürdigkeit. Mit ihrem ersten Album „Forest of Equilibrium“, mit dem sie meinen Musikgeschmack damals für alle Zeit gerettet haben, waren sie stilbildend. Ohne sie wären Bands wie Ahab, Officium Triste, The 11th Hour oder Shape of Dispair nie entstanden. In ihrer zweiten Phase entwickelten sie diesen Stil in eine rockigere, schmutzige Richtung weiter. Und wieder sind sie extrem einflussreich, sodass man sich Bands wie Orange Goblin, Reverend Bizarre, Doomraiser oder Electric Wizard ohne sie gar nicht vorstellen mag. Auf dem jüngsten Album „The Guessing Game“ dann sind sie psychedelischer und progressiver denn je.

Während des Sets in der Röhre spielen sie sich von „Ebony Tears“ – dem einzigen Song von der ersten Platte, den sie in den letzten Jahren im Programm hatten – bis zu den aktuellen „Casket Chasers“ und „Funeral of Dreams“ – mit dem sie den Abend auch eröffnen – durch alle Schaffensphasen. Sie haben jede Menge Pflichtnummern dabei wie „Cosmic Funeral“, bringen aber auch selten Gehörtes wie „Upon Azrael‘s Wings“. Gut, natürlich würde man sich wünschen, sie hätten auch „Utopian Blaster“ gespielt oder „Skullflower“, das schon seit einiger Zeit nicht mehr dabei ist – und man hätte sich gewünscht, sie hätten mit „Midnight Mountain“ nicht einen Standard aus dem Programm genommen, aber Zeit ist natürlich beschränkt, vor allem wenn viele der Stücke derartige Überlängen aufweisen. Und auf welchen der gespielten Songs hätte man dafür schon verzichten mögen?

Ansonsten ist alles beim Alten. Das heißt eines ist natürlich ganz neu: Es steht ein Mann mehr auf der Bühne, denn Stücke wie „Funeral of Dreams“ sind ohne Keyboards undenkbar. Der gute Mann kann dann, wo er schon da ist, auch an anderer Stelle aushelfen und beispielsweise bei dem vom gleichnamigen Film beeinflussten „The Night of the Seagulls“ geisterhafte Horrorfilmmelodien hinzufügen.

Jetzt aber: Ansonsten alles beim Alten. Vor allem Lee Dorrian, dieses Unterhaltungswunder, der sich gar nicht großartig mit langen Ansagen aufhalten muss. Mimik, Gestik, Tanz(?)-Stil reichen völlig (schade, schade, dass ich ihn nie mit Napalm Death gesehen habe). Dass er zum zuletzt erwähnten Song – das Mikrophon komplett in den Mund geschoben – wie ein Zombie mit ausgetreckten Armen über die Bühne wankt, ist ja noch nachvollziehbar. Er dirigiert aber auch seine Bandkollegen wie ein tollwütiger Fluglotse, eiert mit verdrehten Beinen über die Bühne, macht seltsame slow motion-Verrenkungen, wickelt sich das Mikrophonkabel ums Gesicht oder stranguliert sich damit. Und zwischen rein streut er noch diese Gesichter: wild aufgerissene Augen, geblähte Wangen, schlotternde Lippen – kurz Headbangen – schlabbernde Wangen, aufgerissene Augen – und singt die nächste Liedzeile.

Sie kommen ja nicht oft nach Stuttgart – jedem sei also angeraten, die nächste Gelegenheit auf keinen Fall zu versäumen –, und sie kennen sich infolgedessen auch nicht gut aus in der Stadt. Dennoch aber, so verkündet Lee Dorrian in einer seiner seltenen Ansagen und erst beim aller letzten Song, habe man mit leichenwandlerischer Sicherheit den neuen Standort von Second Hand Records ausfindig gemacht. Das, so verkündet er dann, sei ein untrügliches Omen, dass er auch jede der anwesenden Damen ausfindig machen werde, denn er sei „Metthew Hopkins, Witchfinder!“.

Cathedral

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