ALICE COOPER, TARJA, EISBRECHER, 04.11.2010, Porsche Arena, Stuttgart

Alice Cooper

Foto: Sue Real

„Sei live dabei, wenn Alice vier Tode stirbt,“ wirbt die Anzeige für die „Theatre of Death“-DVD. Zwischen diesen vier Anführungsstrichen steht eigentlich schon alles, was wir an diesem Abend in der Porsche Arena erwarten können: großes Theater, Alice live und jede Menge Tode.

Eisbrecher

Foto: Sue Real

Auf die eine oder andere Weise zieht sich vor allem die Theater-Komponente durch den ganzen Abend. Alice und seine Tode – und genau genommen auch seine Tote – kommen später. Zu aller erst kommen jedoch Eisbrecher auf die Bühne, um sich einer Aufgabe zu widmen, nach der sie benannt scheinen. Ganz leicht tun sie sich dabei nicht angesichts ihrer am ehesten mit dem etwas seltsamen Etikett Neue Deutsche Härte zu beschreibenden Musik. Anders als in den USA, wo Alice Cooper mit Murderdolls und Rob Zombie auf Tour war, ist es hier in der Tat weniger musikalische Gemeinsamkeit, welche dieses Live-Paket geschnürt hat.

Als die Bayern auf die Bühne kommen, haben sie sich mit polartauglichen fellgefütterten Parkas angetan – eine Kostümierung, die sie bald werden ablegen müssen, umso mehr sie dem Publikum einheizen. Leider scheint ihnen dabei vor allem ihre Musik wenig hilfreich zu sein. Will man es sich sehr einfach machen kann man die vielleicht so beschreiben: Eisbrecher klingen mehr nach Rammstein als Rammstein selbst. Das meine ich durchaus in positivem Sinne, konnten Rammstein ihren selbstgesetzten musikalischen Standard über die Jahre doch nicht halten. Eisbrecher bringen alle Ingredienzien mit, angefangen beim fetten Gitarrensound, dem donnernden Riffing und den Keyboards, die live allerdings vom Band kommen. Dazu kommen martialische deutsche Texte, die in ebenso martialischer Weise vorgetragen werden. Gestik und Mimik sitzen. Dabei aber lässt Sänger Alexander Wesselsky immer eine Portion Selbstironie durchblitzen, welche der Band gut steht. Er braucht sie vielleicht auch, um mit dem Teil des Publikums umzugehen, bei dem er das Eis nicht brechen kann: „Ihr habt’s nicht leicht mit uns, aber da müsst Ihr durch,“ sagt er dann, oder: „Keine Sorge, wir haben nur noch zwei Songs.“

Danach ist Alexx, der Checker, dann aber wieder ganz in seiner Rolle, egal ob er eine genreübliche Stimmlage anschlägt, Textteile spricht oder richtig singt. Gar keine so schlechte Stimme hat er da. Und so tauen auch weitere Teile des Publikums auf. Und zwar spätestens, wenn zum Abschluss „Miststück“ von Megaherz, der Vorgängerband des Sängers gespielt wird.

Mehr als eine breite Spurrinne kann der Eisbrecher schlussendlich freilich nicht erzeugen. Das war einerseits bei dem artfremden Publikum nicht anders zu erwarten. Andererseits denke ich, dass sich die Band noch den Gefallen schuldig geblieben ist, sich aus dem Schatten ihrer Vorbilder zu wagen. Einen Eisbrecher braucht man auf vielbefahrenen Wegen schließlich selten.

Tarja

Foto: Sue Real

Mit dem wirklichen Schritt aus dem Schatten tut oder tun sich aber auch Tarja schwer. Die nach Tarja Turunens Rauswurf bei Nightwish gegründete Band ist diesem Vorgänger in sehr Vielem verpflichtet. Tarjas zahlreiche Fans werden es ihr natürlich zu danken wissen. Musikalisch also erwartet uns derselbe Symphonic Metal mit gekonnt arrangierten Keyboards, getragenen Melodien oder voluminösen, verzerrten Klängen, die hier nicht nur von der Gitarre sondern auch von einem Cello kommen. Ergänzt wird diese Instrumentierung durch die klassische Rock-Rhythmussektion E-Bass und Schlagzeug – und durch die Stimme einer klassisch ausgebildeten Sängerin. Diese Stimme setzt das I-Tüpfelchen, um das herum die ganzen Songs arrangiert werden. Sie ist der unique selling point, wie es so schön heißt, den Tarja all den anderen Sopranen in diesem oder anderen Metal-Genres voraus hat. Dem Klang der Stimme hört man die klassische Ausbildung einfach an, auch wenn sich Tarja trotz tonnenschweren Vibratos gerade bei den Koloraturen ganz zurückhält, obwohl das sicherlich gut passen würde.

Dieser Gesang also bleibt das prägende Element der Musik, egal ob sie mit pathetischen Keyboardmelodien oder messerscharf geschliffen Riffs sehr rhythmisch aufgebaut ist. Die Stücke von Tarja kombinieren häufig auch beide Elemente, indem wechselweise sehr rhythmische und eher atmosphärische Passagen mit getragenem, melodiösem Gesang Verwendung finden. Gute Beispiele dafür sind „My litte Phoenix“, der zweite Song heute Abend, und „Little Lies“, der dritte Song. Letztgenanntes Stück weist eine sehr eingängige musicalhafte Refrainmelodie auf, die mich an „Phantom of the Opera“ erinnert – ein Stück, das Tarja Turunen mit Nightwish ja auch coverte. Eine theaterhafte Komponente ist immer da, inklusive Tarjas mehrerer Kostümwechsel. Allerdings steht sie nicht so sehr im Vordergrund, wie etwa bei Theatre of Tragedy, für welche das Theaterhafte ja gar namensgebend ist – hups, war, denn die haben sich diesen Monat nach 17 Jahren aufgelöst.

Nightwish-Fans werden sich natürlich freuen, dass Tarja auch „Nemo“ und „Over the Hills and Far Away“ spielen.

Alice Cooper

Foto: Sue Real

Ganz im Zeichen des Theaters steht dann aber natürlich Alice Cooper – und zwar des „Theatre of Death“. Muss man es in diesem Sinne als Metapher ansehen, dass die Show damit beginnt, dass zu „School’s Out“ der Vorhang fällt? Ich weiß nicht. Aber auf jeden Fall fühle ich mich mit einem kräftigen Tritt in die 1980er zurück versetzt: Es ist wieder 1989. Trash ist gerade erschienen. Und ich bin 14.

Herrlicher Rock zum Mitsingen ist das. Mit phantastischem Sound und viel Bewegung auf der Bühne souverän präsentiert. Optisch ist da alles dran, was man erwartet: vom Leder über die vielen Nieten hin zu dem Gigapüschel von einem Fuchsschwanz, der Gitarrist Keri Kelli vom Gürtel baumelt. Die Bühne ist mit reichlich Spinnweben und Kürbisdekor ausstaffiert, und vor dem Backdrop hängen zwei Skelettpuppen mit erhobenem Mittelknochenfinger. Das ist ein Fest auch für jeden Horrorfilm-Fan. Man weiß eigentlich nicht, ob man mehr an Dario Argentos Giallo- und Slasher-Filme oder an die herrlichen Horrorklischees aus Filmen wie Elvira denken soll. Insofern stellt dieses Konzert nicht nur rein terminlich eine perfekte Überbrückung zwischen Halloween und dem Weekend of Horrors nächste Woche in Bottrop dar. Der ganze Auftritt ist phantastisch inszeniert mit wechselnden Kostümen und szenischen Einlagen.

Auch wenn es mein erstes Alice Cooper-Konzert ist, muss ich dabei nicht auf Klassiker verzichten, von denen ich schon damals, als ich Alice entdeckte, in der Bravo gelesen habe. Alles ist noch dabei. Die Musiker hauen einem derweil einen Hit nach dem anderen um die Ohren, wobei die beiden Gitarristen und der Bassist als Backing-Vokalisten fungieren oder gleich die ganze Halle diesen Job übernimmt. Es rockt unglaublich, und auch Gitarrensolos sind endlich wieder erlaubt – einschließlich allen amtlichen Geposes.

Und die Handlung? Nun, Alice Cooper hätte sich einfach nicht mit Nurse Rozetta (dargestellt durch Tiffany Lowe) anlegen sollen … Bei „No More Mister Nice Guy“, „I’m Eighteen“ und „Wicked Young Man“ dreht Alice ein bisschen zu sehr auf und ist auch wirklich nicht nett zu seinen mit Henkerskapuzen verkleideten Bühnenhelfern, indem er sie erst mit der Reitpeitsche und anschließend mit einem Degen traktiert. Prompt stecken die ihn in eine Zwangsjacke, in welcher ihm gerade noch Zeit bleibt „Ballad of Dwight Fry“ zu singen, bevor er unter die Guillotine gelegt wird. Zu „Go to Hell“ ist Alice aber schon wieder voll da, versucht seine Bandkollegen mit seinem eigenen abgetrennten Kopf zu erschrecken und vergeht sich bei „Cold Ethyl“ an einer kleinen Blondine. Dafür bekommt er von Nurse Rozetta gleich aus einer zwei Meter Spritze „Poison“ verabreicht. Zwei Mal ist er jetzt schon tot, aber wie im echten Leben von seiner Alkoholabhängigkeit erholt sich Alice hiervon bei „From the Inside“, wobei ihm „Nurse Rozetta“ gleich die Whisky-Flasche aus der Hand reißt und ihn in einen Rollstuhl verfrachtet. Laut seines Krankengewandes befindet sich Alice zu diesem Zeitpunkt im Renfield Nelson Asylum, benannt nach dem im vergangenen Jahr verstorbenen persönlichen Assistenten von Alice Cooper.

Bei „Be my Lover“ findet Alice dann etwas mehr Gefallen an Nurse Rozetta, die hinter einem Paravent zu strippen anfängt, beendet das Schauspiel aber vorzeitig, indem er sie erwürgt und zu „Only Women Bleed“ auf seinem Schoß wiegt. Wie im Horrorfilm ist die Welt auf dieser Bühne allerdings noch in Ordnung und jede schlechte Tat erfordert ihre Reue. Und so findet sich Alice, der sich inzwischen Rozettas Krankenschwesterkostüm angezogen hat, bei „I Never Cry“ mit einer Schlinge um den Hals auf einem Schemel wieder, den ihm die Malträtierte mitten während des Songs unter den Füßen wegtritt. Davon erholt er sich nicht so schnell, und die Band kann „The Black Widow“ spielen, bis er sich zu „Vengance is Mine“ ein Zepter schwingend auf einer fahrbaren Kanzel zurück auf die Bühne schieben lässt. Da sterben seine Henkersschergen in Scharen. Wieder hat Alice aber nichts daraus gelernt, wird übermütig, wirft bei „Dirty Diamonds“ erst Perlenketten dann Dollars ins Publikum, köpft das „Billion Dollar Baby“ (ja, nur eines) zu „Killer“, wird bei „I love the Dead“ noch übermütiger und schließlich bei „Feed my Frankenstein“ von einem Zyklopen erschlagen. Zu „Under my Wheels“ beschwert sich Alice infolgedessen bitterlich, was Nurse Rozetta und die anderen ihm angetan haben, bevor alle von der Bühne gehen, um sich zu „Elected“ und einer Wiederaufnahme von „School’s Out“ noch einmal hervor rufen zu lassen.

Nicht zu viel versprochen. Vier Tode haben wir tatsächlich live gesehen. Und auch die Prophezeiung auf dem T-Shirt stimmt: „They keep killing him. He keeps coming back!“



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