ÓLAFUR ARNALDS, 02.11.2010, Theaterhaus, Stuttgart

Olafur Arnalds

Foto: Steffen Schmid

„…and they have escaped the weight of darkness“ ist der Name des neuen Albums des Isländers Ólafur Arnalds und gleichzeitig auch der seiner Tour. Soll wohl eine Anspielung auf den minimal positiveren Grundton gegenüber dem Erstling „Eulogy for Evolution“ sein. Ich mach mich trotzdem schon mal auf ein eher schweres Konzert gefasst, als ich den stockdunklen Saal des Theaterhauses betrete. Gerade noch rechtzeitig, denn schon legt Nils Frahm los, der das Vorprogramm des Isländers bestreitet. Ein Klavier ist alles was er braucht, um das Publikum recht schnell in seinen Bann zu ziehen, das muxmäuschenstill ist und andächtig zuhört. In Kapuzen-Pulli, Jeans und Turnschuhen sitzt Frahm meistens tief über sein Instrument gebeugt und spielt mit verklärtem Gesichtsausdruck seine traurig-tragischen Melodien. Die wenigen Momente, in denen das Klavier lauter wird, spielt der Pianist auch mal gebückt stehend und den Takt mit seinem Fuß mittrommelnd.

Alles, was mich ein wenig ablenkt und tierisch stört, ist die Tatsache, dass hinter mir ständig die Tür aufgeht, weil der ein oder andere es nicht rechtzeitig zum Konzertbeginn geschafft hat. Fast alle bleiben erst mal ein paar Minuten wie angewurzelt stehen als sie merken, dass sie auffallen wie Polizisten bei einem Punkkonzert, bevor sie die wenigen Pausen zwischen den Stücken nutzen um etwas verschämt ihre Plätze einzunehmen.

Egal, schnell wieder auf die Musik konzentrieren, denn die ist wunderschön. Außer einem schüchternen „Danke“ für den recht stattlichen Applaus des Publikums lässt Frahm seine Musik für sich sprechen. Die Gelegenheit bekannt zu geben, wie glücklich er ist mit Ólafur Arnalds touren zu dürfen, lässt er sich allerdings nicht nehmen. Der wiederum kommt während eines ruhigen Stückes auf die Bühne und spielt mit einem sichtlich stolzen Frahm im Duett. Nach 45 Minuten verabschiedet sich der dann von einem begeisterten Publikum.

Gegen 21 Uhr ist es dann soweit: Ólafur Arnalds, den ich beim Iceland Airwaves Festival in Reykjavik leider verpasst hatte, betritt die Bühne. Im Schlepptau hat er einen DJ und ein weibliches Streich-Quartett. Anfängliche Technik-Probleme überbrückt der junge Isländer mit viel Charme. Die Leute lachen, ich hingegen versteh nur die Hälfte, weil der sympathische Isländer erstens saumäßig nuschelt und zweitens einen üblen Akzent drauf hat. Egal, ich lach einfach mal mit. Ólafur Arnalds selbst lacht auch recht viel. Das steckt an.

Als es dann mit ein paar Minuten Verspätung los geht, freu ich mich einfach nur hier zu sein. Nicht umsonst hat der Isländer schon im Vorprogramm von Sigur Rós gespielt (ganz nebenbei und natürlich völlig objektiv eine der besten Bands überhaupt). Seine Musik ist ähnlich sphärisch, ruhig und verträumt. Die Melodien sind zerbrechlich und leise und werden von den Streichern majestätisch begleitet. Vorsichtig eingesetzte Synthie-Klänge untermalen das Ganze. Auch Ólafur Arnalds setzt vornehmlich auf die Wirkung seiner rein instrumentalen Musik. Visuals und Lichteffekte werden sehr dezent eingesetzt, um die melancholische und ruhige Grundstimmung nicht zu stören. Hier und da mal das an die Wand projizierte Schattenspiel eines Mobilees, etwas Nebel oder ein paar sanfte Lichter – das genügt vollkommen. Wie gut, dass man die Dubliners, die gleich nebenan spielen, nicht ein einziges Mal hören kann. Nicht auszumalen wäre das.

Für seinen letzten Song holt der Isländer dann nochmal seinen Freund Nils Frahm auf die Bühne. Der sei sogar der bessere Pianist, so Arnalds. Dass die beiden sich wirklich mögen und hier nicht das übliche gegenseitige Eiergeschaukel zum Besten gegeben wird, ist nicht zu übersehen, so oft wie sie sich umarmen. Frahm und Arnalds improvisieren einen „new new song“, wie Arnalds ihn nennt. Der könne jetzt ganz toll werden, oder auch einfach nur kacke. Aber, wie es auch nicht anders zu erwarten war, ist auch das improvisierte Stück wunderschön, ruhig und traurig. Trotzdem müssen die beiden immer wieder lachen, wenn sie sich mit ihren Händen gegenseitig in die Quere kommen. Arnalds spielt dann noch ein letztes Stück ganz ohne Begleitung, bevor er sich vor seinem Publikum verbeugt und begleitet von dessen heftigem Applaus die Bühne verlässt. Sicher ein etwas anderes, aber  auch wahnsinnig schönes Konzert.

Olafur Arnalds

Foto: Steffen Schmid

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