NEGURA BUNGET, BLACK MESSIAH, ADORNED BROOD, NOMANS LAND, HEATHEN FORAY, DYRATHOR, 14.10.2010, Rockfabrik, Ludwigsburg

Europas Norden ist eine einsame Gegend. Herden von Rentieren ziehen durch die Tundra. Auf einsamen Bergen herrscht der Frost. Und in den endlosen Wäldern springen einzelne Black Metaller herum und spielen Wikinger. Es war hier, wo einst Bathory den Viking Metal erfand, jene Spielart des Black und gelegentlich auch Death Metals, die traditionelle Melodien aus dem skandinavischen Volksgut aufgreift.

Und nun ist Europas Norden also nach Ludwigsburg gekommen – in Gestalt der Black Trolls Over Europe Tour mit Negură Bunget, Black Messiah, Adorned Brood, Nomans Land, Heathen Foray, Dyrathor. Zusammen mit jeder Menge Thorshämmern und grimmiger Wikingermusik hat er an diesem Donnerstag in der Rockfabrik allerdings auch die Einsamkeit im Gepäck: Eine durchschnittliche Schulklasse hat mehr Mitglieder als das Auditorium heute Abend. Schulklassen werden allerdings in der Regel nicht gerade ermutigt, herumzuhampeln und Lärm zu machen. Und dieser Aufgabe haben sich die ersten fünf Bands an diesem Abend hingebungsvoll verschieben.

DYRATHOR, 14.10.2010, Ludwigsburg, Rockfabrik

Fotos: Sue Real

Kein leichter Job ist das. Vor allem, wenn man wie die Eröffnungsband Dyrathor noch ganz am Anfang seiner Kariere steht und ohnehin mit einem zurückhaltenden Publikum rechnen muss. Obschon uns dann das Intro ankündigt, dass uns Wikingern die Kälte in die Knochen fahren werde, und wir nicht die leiseste Ahnung davon hätten, was auf uns zu kommt, finden sich dann immerhin 24 Personen vor der Bühne ein – Musikjournalisten, Photographen und Rockfabrik-Mitarbeiter mitgerechnet. Kreativ zeigt sich Sänger Morguul schon auf den ersten Blick durch sein nietenfreies Äußeres. Die ledernen Armschoner und sein Halsband nämlich hat er mit Rehgeweihen geschmückt. Musikalisch schwanken Dyrathor ein bisschen zwischen Death und Black Metal, wobei in den meisten der Songs die Geige von Harja eine Hauptrolle und jede Menge folkloristisch anmutende Melodien spielt. Besonders aufgefallen ist mir der Song „Wudana Wittekina Waigand“, dessen teils mehrstimmiger klarer Gesang ebenso das Potential der Band erkennen lässt wie „Und ewig rinnt das Blut“. Die schnelleren und

geigenfreien Passagen dieser Songs, die ein wenig an Bands wie Norther erinnern (allerdings weniger flach klingen), erlauben es dem Geiger dann auch, zu zeigen, dass es sich ohne Geige unter dem Kinn wesentlich besser bangen lässt. Zumindest einer vor der Bühne lässt sich dadurch dann zum Mitmachen bewegen.

HEATHEN FORAY, 14.10.2010, Ludwigsburg, Rockfabrik

Fotos: Sue Real

Weiter geht es mit Heathen Foray aus der Steiermark, die mit ihren Vorgängern die jüngste Band sind. Da ihre Musik mehr nach Melodic Death Metal denn nach Pagan Metal oder Folk Metal klingt (wie der Löwenanteil der Bands hier), tun sie sich mit dem Publikum insgesamt am schwersten. Gerade mal noch 11 der Anwesenden stehen direkt vor der Bühne, der Rest hat sich an den Tischen niedergelassen oder auf eine Zigarette verdrückt. Ein bisschen zu Unrecht, wie ich finde, denn auch wenn Heathen Foray das Rad nicht neu erfinden, haben sie was zu bieten und stehen solide da. Die optische Selbstpräsentation ist allerdings schlicht, schmucklos und schwarz. Allein der Sänger trägt einen Thorshammer als Gürtelschnalle. Die Musiker sind allesamt flink an den Seiten: Da wird auf den Flying Vs getappt und gefrickelt und der Bassist lässt seine Finger über seine fünf Seiten rasen. Eigentlich sind sie ja auch ganz lustig anzusehen, die drei Seitenwerker, wenn sie wie die Orgelpfeifen nebeneinander stehen, der eine klein und kahl, der zweite mittelgroß und schütter, der dritte groß mit vollem Haar. Bemängeln würde ich lediglich, dass Stücke wie „Wolkenbruch“ – mit den „Jägermeister“-Schrei am Anfang – und „Hopfen & Malz“ deutlich aus dem Rahmen fallen und den Eindruck erwecken, dass die Jungs noch nicht so recht wissen, in welche Richtung sie sich bewegen sollen: Musik oder Bierzelt.

NOMANS LAND, 14.10.2010, Ludwigsburg, Rockfabrik

Fotos: Sue Real

Bei Nomans Land sieht man dann schon an der Haarfarbe, dass man eine andere Metal-Generation vor sich hat. Auch hier hält man sich vornehm zurück, was das Äußere angeht. Lediglich Sänger und Bassist tragen Thorshämmer als Halsschmuck. Die Band mischt russische folkloristische Melodien mit Black Metal und hat zwei Vokalisten: einer singt, einer keift. Für Songs wie „Voice of Battle“ oder „Valhalla Calls“ scheint der Konzert-Flyer mit seiner Wikingerschlacht auch gemacht zu sein. Die Band ist musikalisch ganz solide, aber man muss auch hier feststellen, dass musikalische Eigenständigkeit sich im Wesentlichen auf die Wahl des folkloristischen Einflusses beschränkt. Immerhin verstehen sich die Russen als Einheizer und bekommen immerhin einen Zwei-Mann-Circle Pit und Handbanger inklusive Luftgitarre auf die Reihe. Spielchen, bei denen der Sänger etwas vorsingt und das Publikum nachsingen soll, sind bei dieser Personenzahl – um die 20 sind es wieder – eher peinlich.

ADORNED LAND, 14.10.2010, Ludwigsburg, Rockfabrik

Fotos: Sue Real

Adorned Brood warten dann mit mehr Instrumenten auf. So kommen erstmals Querflöte und die Keyboards hinzu, deren letztere bei Nomans Land vom Band gekommen waren. Mit den sechs Musikern wird es jetzt wenigstens auf der Bühne einigermaßen voll, aber auch davor stehen nach meiner Stichprobe 25 Zuhörer. Die Band macht tatsächlich mehr Druck als die Russen, was mir zunächst einmal ganz willkommen ist. Ihre Folk Metal-Variante ist sehr melodienreich, sowohl durch Gitarren und die Querflöte von Anne als auch in den teilweise mehrstimmigen klaren Gesangspassagen, zwischen welche Sänger Markus Frost hineinbrüllt. Musikalisch fange ich bei Adorned Brood leider dennoch an, mich zu langweilen – was sich bei Black Messiah fortsetzten wird. Aber die beiden Band haben wenigstens ganz gute Showeinlagen: teils freiwillige, teils unfreiwillige. Zunächst einmal ist da der angekündigte Schunkelsong „Am Grunde des Meeres“, der Markus Frost so in Fahrt bringt, dass er sein Mikro vom Ständer schlägt, woraufhin es just in einem vor ihm stehenden Bierglas untergeht. Wie passend. Als Extraschmankerl kündigt die Band uns dann einen Song an, den wirklich alle mitsingen können – was auch stimmt, obwohl ich es erst bezweifelte. Mit geigerischer Unterstützung von Black Messiahs Zagan nämlich spielen sie „Sieben Tage lang“ von den Bots. Und um das auch noch gesagt zu haben: Thorshammer? Check.

BLACK MESSIAH, 14.10.2010, Ludwigsburg, Rockfabrik

Fotos: Sue Real

Einen größeren haben aber Black Messiah, die das gut einen Meter hohe Teil zusammen mit einem Wikingerkopf nebst Helm vor dem Schlagezug postieren. Inklusive einiger Mitglieder der Vorbands haben sich hier laut Stichprobe immerhin 33 Hörer eingefunden. Naja, wie gesagt: Meins ist das nicht. Die Musik enthält mir bei Weitem zu viel Pseudomittelalter, und auch der gut verständliche deutschsprachige Gesang mit balladesken Texten gibt mir musikalisch zu wenig her (wenn man Zagan wegen seiner Halsentzündung auch entschuldigen mag). Allein die Geigenmelodien retten das Ganze zu einem gewissen Grad. So wie ich denkt aber offensichtlich nicht jeder, denn es ist eine gewisse Bewegung in den Minimob gekommen. Und auch die Band glänzt durch Spielspaß, den sie kräftig durch die Tatsache unterstreicht, dass sie allesamt so aussehen, als würden sie all ihre Freizeit in den Trinkhallen des schönen Ruhrpots verbringen, aus dem sie kommen, – inklusive der mächtigen Wampe, welche der Bassist über seinen ledernen Kummerbund hängen lässt. Kurz vor Schluss spielen Black Messiah dann noch einen Song, dessen Namen ich leider nicht mitgekomme, der aber dadurch hervorsticht, dass ihren Aufruf, Nomans Land mögen nochmal zu ihnen auf die Bühne kommen, ungefähr jeder Musiker folgt, der bis dahin schon mal oben gestanden hat. Da stehen sie dann dicht gedrängt: 15, 17, 19, 21; auf der Bühne werden es immer mehr – bei gerade mal 20 davor. Und deren Stimmung ist super.

Mein Gesamteindruck ist allerdings trotz allem, dass die Bands sich qualitativ nicht wie das sonst der Fall sein sollte, von den ersten zu den späteren Bands gesteigert haben. Waren die ersten beiden Bands noch zu wenig eigenständig, fand ich Adorned Brood und Black Messiah teilweise regelrecht abgedroschen und habe mich gelangweilt. Und damit war ich, auch wenn in der ersten Reihe einige Leute ihren Spaß hatten, nicht der einzige.

Und auch der Thorshammer ist natürlich abgedroschen. Nachdem nun vier der fünf Bands, die bislang gespielt haben, sich damit geschmückt haben, muss ich doch mal die Frage in den Raum stellen, ob denen eigentlich nicht klar ist, dass dieses Schmuckstück bei den Wikingern nur von Frauen getragen wurde. Kein Kommentar.

Und nun zu etwas völlig anderem:

NEGURA BUNGET, 14.10.2010, Ludwigsburg, Rockfabrik

Fotos: Sue Real

Warum die Black Metal-Band Negură Bunget mit den vorgenannten Bands auf Tour gegangen ist, muss mir wohl immer schleierhaft bleiben. Gemeinsam haben sie mit diesen jedenfalls ziemlich wenig. Es ist mir zudem unerklärlich, warum ich von dieser großartigen Band bis vor wenigen Monaten noch nichts gehört habe, dabei besteht sie schon seit 1994 (seit 1995 unter diesem Namen). Als ich sie dann aber das erste Mal hörte, war mir sofort klar, mit was für einem Edelstein ich es hier zu tun habe. Man kann es auch einfach mit Wolf-Rüdiger Mühlmann sagen: Wer das neue Album „Vîrstele Pămîntului“, so sagt er, „nicht besitzt, sollte sich für seine Plattensammlung schämen.“ Besser kann man es nicht ausdrücken.

Von Negură Bunget (klingt ausgesprochen so, wie es ein Italiener aussprechen würde) kann man im Grunde alles erwarten: Bei „Pămînt“ (einem Song der eklatant an die Schamanenmusik Zentralasiens erinnert) beispielsweise leise Flötenmelodien in Kombination mit kleinen Kälberglocken und Perkussion auf einem zwischen Drachenköpfen aufgehängten Balken – mit Ausnahme des von einer wütenden Göttin bedienten Keyboards ist das im Prinzip Akustik-Ambient. Und dann wieder harscher Black Metal mit phantastischen Klangflächen und einer elementaren, finsteren Ausstrahlung. Klarer, fast elegischer Gesang trifft auf Kreischen. Alles klingt irgendwie ursprünglich, unberührt, roh. Das ist wie Andy Goldsworthy zum Anhören.

Negură Bunget bringen das an Innerlichkeit, was Watain letzte Woche an Boshaftigkeit gebracht haben. Der langsame majestätische Gesang über den Klangflächen aus zwei Gitarren, Bass und Keyboards dringt unter die Haut und wenn sich das Ganze dann in einem Black Metal-Gewitter entlädt, zieht es den Zuhörer aus bis aufs Fleisch und schickt ihn unter die Dornen.

Negură Bunget war für mich das beste Black Metal-Konzert seit Mayhem 2004 auf dem With Full Force. Und dann – auf der anderen Seite – ist das überhaupt noch Black Metal oder etwas völlig Neues, Unerhörtes?

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3 Gedanken zu „NEGURA BUNGET, BLACK MESSIAH, ADORNED BROOD, NOMANS LAND, HEATHEN FORAY, DYRATHOR, 14.10.2010, Rockfabrik, Ludwigsburg

  • 18. Oktober 2010 um 20:56
    Permalink

    Negura klingt wirklich nicht schlecht – sollte man sich genauer anhören, danke für den Tipp.

  • 25. Oktober 2010 um 12:08
    Permalink

    Ja, ja, Musik wird wirklich heute mehr geguckt, als gehört…,aber wie kann man als „Kenner“ diese astreinen Bands so auf Äusserlichkeiten reduzieren?
    Schande!!! Und dann die Verweise auf die geringe Besucherzahl.. Ätzend!!! Als wenn die Bands etwas dafür könnten. Und diese subjektiven Geschmacksäußerungen…Unglaublich!!! Ich war dabei und kann nur sagen, es war einfach nur genial, mit so tollen Musikern und Menschen zu rocken.
    Am A$%§$ &!§?!!!
    Frangus
    PS.: Negura Bunget haben doch des Öfteren die Rolle
    des Rausschmeißers übernommen, obwohl ich die Musik auch geil finde.

  • 19. November 2010 um 19:19
    Permalink

    ?? Diese bands sind nicht auf mainstream aus. Ich bin erst mit 48 zum Fan geworden. Und seit wann gibt es hier Vorbands?? Die etwas kleineren Clubs machen doch gerade das persönliche aus, dass bei den Concerten in Fußballstadien und Arenen abhanden gekommen ist. Ebenso ist der persönliche Kontakt zu den Bands noch möglich und die Eintrittskarten bezahlbar!!

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