KEITH CAPUTO, 23.09.2010, Röhre, Stuttgart

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Fotos: Patrick Grossien

So hätte meine Konzertkritik vielleicht anfangen können:

Die musikalische Entwicklung, welche Keith Caputo durchlaufen würde, begann sich schon früh abzuzeichnen. Als meine damalige Kollegin Anja Müller-Lochner anlässlich der Veröffentlichung von „Ugly“, dem zweiten Album von Keiths erster Band Life of Agony, monierte, dass das Album wesentlich softer wäre als das erste, „River Runs Red“, versprach ihr die Band noch vollmundig, dass sich das auf dem nächsten Album wieder ändern werde. Ganz im Gegenteil aber wurde das dritte Life of Agony-Album „Soul Searching Sun“ nochmals erheblich ruhiger, melodiöser, vielleicht sogar poppiger – eine Entwicklung, die sich auf den Soloalben Keith Caputos fortsetzte.

Gemeinsam mit Zoltán (Zoli) Téglás‘ Zoli Band stehen an diesem Abend zwei Bands von Musikern auf der Bühne, die ihre Wurzeln in wesentlich härterer Musik haben – im Falle von Zoli sind dies Ignite und Pennywise (seit Februar 2010) – die hier aber ihrer softeren musikalischen Seite nachgehen.

Ja, so hätte meine Konzertkritik anfangen können, aber selbst wenn das alles richtig ist, so ist es doch nun nicht möglich, so über ein Konzert zu schreiben, das vor allem von dem Eindruck geprägt war, etwas so Gutes nicht erwartet zu haben.

Als wir die Röhre betreten, hat die Zoli Band gerade angefangen zu spielen. Obschon die Musik nicht übermäßig laut ist, ist ihr Sound angenehm voll und rund. Auch Zolis Stimme hat nichts vom dieser Gepresstheit in den Höhen, die ich noch am Nachmittag auf den myspace-Aufnahmen gehört habe. All die Wut seiner Hardcore-Hauptband ist hier einer Lässigkeit gewichen, die allein durchwoben ist mit einer leisen Melancholie – eine melancholische Lässigkeit, die mich an den heruntergekommenen Trinkerpoeten Bobby Long auf seiner Südstaatenveranda erinnert. Und wie der mit seiner Akustikgitarre, so erzählt uns auch Zoli mit seiner Band Geschichten, um die sich seine Songs drehen: beispielsweise jene um den Schizophrenen von der Tankstelle vor seinem Haus, der sich immer von irgendeinem Licht bedroht fühlt und Ruhe nur bei seinen Hunden finden kann oder wenn er mit Zoli gemeinsam Jagd auf das Licht machen kann („The Haunting“).

Vielleicht sind diese Geschichten nur ein Teil des Selbstbildes, das sich viele Menschen wie Bobby Long zurechtbiegen. Aber mögen wir es hier auch mit Fiktion zu tun haben, so ist sie doch sympathisch und mit stimmigen Melodien vorgetragen und schafft einen ebenso stimmigen Moment voll entspannter Melancholie.

Nach Zoli habe ich irgendwie mehr davon erwartet – oder so etwas in der Art. Was ich auf jeden Fall nicht erwartet habe, ist was kam … und auch keine Gänsehaut … und schon gar nicht bei dem Song, bei dem sie kam. Die ersten zwei Songs halten sich musikalisch noch ganz in dem Rahmen, den die Zoli Band ausgefüllt hat, wenngleich Keith Caputos Hammerstimme natürlich gleich in einer vollkommen anderen Liga antritt. Die Stimmung aber ist gleich vom ersten Moment an anders. Sie geht ans Herz, ist melancholisch, ja, aber dunkler, selbstzerstörerischer. Vom ersten Takt an erinnert mich Keith Caputo an Jim Morrison: dieselbe Art, sich auf der Bühne zu bewegen (zumindest, wenn man von der Exaktheit von Val Kilmers Imitation ausgeht), diese Energie, diese Freude an der Musik. Hier ist nicht mehr die Lässigkeit, die ich zuvor wahrgenommen habe. Keith lebt das, wovon er singt. Er ist echt. Er ist hier. Er füllt den ganzen Raum.

Und dann packt er aus: rockige Nummern mit phantastischen Riffs; ganz reduzierte Songs, getragen nur von seiner zarten, hingehauchten Stimme, in die er so viel Gefühl legt, dass man seine „Monster“ sieht und seine Sehnsucht nach „New York City“ mitfühlen kann; dann wieder Schnelleres oder Jam-artiges, das teilweise auch stark an Pearl Jam zu guten alten „Ten“-Zeiten erinnert; und immer diese Spielfreude, mit der er alles überstahlt. Drei Mal habe ich ihn bislang gesehen: 1995 auf dem Dynamo so stoned, dass er kaum eine Songzeile zu Ende gebracht hat, 1996 in der RoFa lustlos und 2003 auf dem Full Force gut – aber zu cool. Und jetzt das! Man möchte an eine Katharsis glauben oder eben daran, dass es gut war, bei Life of Agony auszusteigen; immerhin: Nomes est omen, sagt man ja. Aber auch hier bleibt die Melancholie schnittfest, auch wenn sie mit einem Lächeln vorgetragen wird – Charles Bukowkis Barfly auf Mineralwasser und bei aller Todessehnsucht mit sich im Reinen. In der Tat sieht Keith ja beinahe so zerknautscht aus wie Mickey Rourke in diesem Film. Alles an ihm ist zu groß, nur dass er im Ganzen zu klein ist.

Und dann spielt er ihn, diesen Song, eigentlich eine Coverversion von Cindy Lauper (!): „Girls Just Wanna Have Fun“. Da bekomme ich dann auch die Gänsehaut. Plötzlich ist es ganz offensichtlich, dass das Wort Stimmung von Stimme kommt. Eigentlich kann ich es immer noch nicht glauben, aber das war schlicht und einfach schön. Irgendwie hat er schon recht, als er danach sagt: „It takes a real man to cover a song like that.“ Das Original will ich jedenfalls nie wieder hören – es könnte diese Erinnerung antasten.

Charles Bukowski ist übrigens gar keine so abwegige Assoziation, wie ich bei ein wenig Internet-Lektüre herausgefunden habe. Erst kürzlich ist ein Buch mit dem Titel „Night Blooming Jasmin Will Never Smell the Same“ erschienen, das Keith Caputo zusammen mit Michael Alago (ja, dem Entdecker von Metallica) geschrieben hat. Darin spüren beide ihren literarischen Einflüssen Baudelaire, Rimbaud, Ginsberg, Burroughs und – da haben wir sie auch schon versammelt – Jim Morrison sowie Charles Bukowski nach. Das Ganze gibt es Anfang November auch live in Deutschland, etwa am 3.11. in München. Der Termin steht schon im Kalender.

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Fotos: Patrick Grossien

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Ein Gedanke zu „KEITH CAPUTO, 23.09.2010, Röhre, Stuttgart

  • 28. September 2010 um 11:03
    Permalink

    „It takes a real man to cover a song like that.“ Das Original will ich jedenfalls nie wieder hören – es könnte diese Erinnerung antasten.

    Sehr schön!

    Und die Fotos sind echt cool geworden mit der G10.

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